Unschuld vom Land trifft Serienmörder

Kalteis_ersteSzeneBad Oeynhausen (lk). „Kalteis“ – das ist Josef Kalteis: Der Teufel auf dem Fahrrad, der Mädchen überfällt, sie vergewaltigt und tötet. Von ihm handelt das gleichnamige Theaterstück, welches vom Jungen Schauspiel Ensemble München am 11.10. im Theater im Park in Bad Oeynhause aufgeführt wurde. Den anderen Handlungsstrang des Stücks, das in das München der 30er Jahre entführt, bildet Kathie. Sie ist ein junges Mädchen, welches aus dem Dorf in die Stadt zieht und dort alle ihre Träume verwirklicht sieht. Vor den Augen des Zuschauers bewegen sich die Geschichten der beiden Protagonisten unweigerlich aufeinander zu.

Das Theaterstück „Kalteis“ ist die Inszenierung des gleichnamigen Romans von Andrea Maria Schenkel. Sie verfasste schon den preisgekrönten Kriminalroman „Tannöd“. Das Stück basiert auf den wahren Verbrechen des Sexualmörders Johann Eichhorn, der elf Jahre lang über 100 junge Frauen vergewaltigte und fünf Morde verübte. Sein erstes Opfer, Katharina Schätzl aus Wolnzach, vergewaltigte und erwürgte er während eines Fahrradausfluges 1931. Sie war 16 Jahre alt.

Jene bildet die Vorlage für die Figur der Kathie, grandios gespielt von Theresa Hanich. Während ihre Geschichte „vorwärts“ erzählt wird, fängt die Geschichte des Josef Kalteis (Joachim Aßfalg) mit seiner Hinrichtung an und bewegt sich im Rückwärtsgang auf seinen ersten Mord zu. Gesäumt wird dieser Weg mit weiteren Morden, erzählt aus der Perspektive der damaligen Gesellschaft. Dabei droht das Stück sich manchmal in diesen Nebenschauplätzen zu verlieren, die immer wieder den Handlungsfluss unterbrechen.

Die puristische Bühne von Mark Späth erlaubt dem Zuschauer mit seiner eignen Fantasie das Stück im Kopf mitzugestalten – besteht es doch lediglich aus einem halben Quadrat. Dieses lässt sich wahlweise auch zu zwei Wänden verschieben. Eine strahlenförmige Skulptur aus Bierzeltgarnituren vermittelt das Flair der Wiesn. Die Atmosphäre der 30er Jahre bringen die Kostüme (Aylin Kaip) auf die Bühne. Durch den geschickten Wechsel vereinzelter Kleidungsstücke werden neue Charaktere geschaffen. Musikalisch wird das Stück in Hitchcock-Manier von Stefan Straubinger beeinflusst.

Kalteis, der zunächst als brutaler Ehemann charakterisiert wird, tritt meistens als drohend-lauernder Schatten im Hintergrund auf. Nur bei den Morden nimmt er die Bühne für sich ein. Kathie ist hingegen das naive, lebensdurstige Mädchen von Nebenan. Gerade abgenabelt, kommt sie nach München um dort eine Anstellung zu finden. Sie sucht nach der Freiheit, die sie sich immer gewünscht hat. Schnell muss sie erkennen, dass sie auf die Brieftasche wohlhabender Männer angewiesen ist, wenn sie ein sorgenfreies Leben möchte. Diese Männer erwarten jedoch eine Gegenleistung. Hanich spielt die Figur mit einem Enthusiasmus, den man noch aus alten schwarz-weiß Filmen kennt. So macht sie ihre Figur auf der Bühne präsent.

Kalteis ist nicht nur eine Geschichte über die Morde an zahlreichen Frauen, sondern auch ein Sittengemälde dieser Zeit. Eine Zeit in der Frauen mehr den je von der Gunst und dem Wohlwollen der Männer abhängig, durch ihre prekäre Situation fast an sie gefesselt waren. Diese Abhängigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichten der weiblichen Charaktere. Die Morde an ihnen scheinen in diesem Theaterstück fast schon ein zwangsläufiges Resultat der gesellschaftlichen Verhältnisse zu sein. Weniger Monolog und mehr Dialog hätte dem dreistündigem Stück gut getan, besteht es doch fast nur aus Erzählpassagen. Abwechslung bringen die unterschiedlichen Dialekte – das Stück wird vor allem in der bayerischen, aber auch in der berlinerischen und hessischen Sprechweise vorgetragen.

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Michael Stacheder inszeniert Kalteis unaufdringlich und nimmt sich Zeit den Kern der Geschichte nach und nach zu freizulegen. Die Leidenschaft der Schauspieler des Jungen Schauspiel Ensemble München können die Entschleunigung auch ein Stück weit tragen. Doch kann das Stück auf weiter Strecke etwas langatmig daherkommen und sorgt erst im Nachhinein für den Aha-Effekt. Wer den gleichnamigen Roman nicht gelesen hat, dem wird es zuweilen schwerfallen die Reihenfolge der Ereignisse richtig einzuordnen. Alles in allem ist Kalteis schwere Kost mit interessanter Botschaft.

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BU1: Düstere Aussichten in dem Theaterstück Kalteis
BU2: Stefan Straubinger führt musikalisch in das Stück ein.

Text & Fotos: Lena Kley