Suchtprobleme und Traumaerfahrungen

Bielefeld-Bethel. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld (EvKB) bietet eine neue Therapie für Frauen mit Suchtproblemen und traumatischen Erlebnissen an. Das Behandlungsangebot integriert erstmals in Europa „Sucht“ und „Trauma“ und richtet sich an Frauen zwischen 18 und 65 Jahren.

Im Vordergrund der Therapie steht die Stabilisierung der Teilnehmerinnen. Sie sollen ihr Handeln als Folge der traumatischen Erlebnisse besser verstehen und Strategien erlernen, mit den Erfahrungen und Erinnerungen anders umzugehen. Angestrebt werden Veränderungen von Verhalten und Gefühlen, die bei traumatisierten Patientinnen oft besonders ausgeprägt sind: Exzessiver Konsum, posttraumatische Symptome wie Depressionen oder Angst, sexuelles und anderes Risikoverhalten und Suizidgedanken sowie selbstverletzendes Verhalten.

Laut einer Studie hat etwa die Hälfte aller Patienten, deren Sucht behandelt wird, Misshandlung oder Vernachlässigung in der Kindheit erlebt. „Die Menschen versuchen, ihre schlechten Gefühle mit glücklich machenden Substanzen zu vertreiben“, erklärt Dr. Michael Huppertz, Oberarzt in der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen im EvKB.

In Gruppensitzungen mit vier bis acht Teilnehmerinnen werden Bewältigungsstrategien vermittelt. Einmal pro Woche treffen sich die Frauen in der Gruppe. Unter Anleitung speziell geschulter Therapeuten erarbeiten sie sichere Verhaltensweisen und tauschen sich untereinander aus. Die Gruppe ist halboffen, so dass neue Teilnehmerinnen immer dazu kommen können. Vier Monate dauert das Behandlungssangebot für eine Teilnehmerin.

Da „Sicherheit finden“ in Deutschland neu ist, wird es von der dreijährigen Studie „Kognitive Verhaltenstherapie bei Patientinnen mit Posttraumatischen Störungen und Substanzmissbrauch“ begleitet. Zur Überprüfung der Wirksamkeit von „Sicherheit finden“ wird ein Teil der Patientinnen mit dem strukturierten Rückfallpräventionprogramm S.T.A.R. behandelt. Die Teilnehmerinnen erlernen Bewältigungsstrategien, um Alkohol- oder Drogenkonsum zu vermeiden. Traumatische Erlebnisse werden nicht berücksichtigt. In einer zweiten Kontrollgruppe nehmen die Teilnehmerinnen weitere Angebote der ambulanten Suchttherapie wahr, zum Beispiel Rehabilitation, Entzugsbehandlung oder Selbsthilfegruppe.

An welcher der drei Therapieformen die Frauen teilnehmen, wird nach dem Zufallsprinzip entschieden. Es gibt aber nach Abschluss ihres Mitwirkens das Angebot, außerhalb der Studie an der Gruppe „Sicherheit finden“ teilzunehmen. Neben einer umfangreichen Voruntersuchung werden alle Teilnehmerinnen nach vier, sechs und neun Monaten nachuntersucht.

In den USA wurde das Therapieprogramm entwickelt und wird dort seit vielen Jahren mit Erfolg umgesetzt. Neben dem EvKB setzen sich auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und die Universität Duisburg-Essen, die ebenfalls an der aktuellen Studie teilnehmen, dafür ein, dass „Sicherheit finden“ bald in ganz Deutschland angeboten wird.

Die Studie ist eines von sechs Teilprojekten des CANSAS-Netzwerks. CANSAS steht für „Childhood Abuse and Neglect as a cause and consequence of Substance Abuse – understanding risks and improving services“. Deutschlandweit beschäftigen sich Experten aus den Bereichen Prävention, Therapie, Epidemiologie, Grundlagen- und Versorgungsforschung mit dem Zusammenhang zwischen Substanzmissbrauch und früher Gewalt. Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Betroffene können sich telefonisch unter 0176 34450921 oder per E-Mail melden: cansas@evkb.de
Fotos: Paul Schulz