Steigende Zivilcourage in NRW

Gütersloh. Die Bürger Nordrhein-Westfalens machen große Fortschritte in puncto Hilfsbereitschaft und Solidarität. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Fokus wie sich in Deutschland seit der Wiedervereinigung die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen, die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Orientierung am Gemeinwohl entwickelt haben. Das „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ zeigt, dass während der vergangenen 25 Jahre nicht nur in NRW, sondern in Deutschland insgesamt der Zusammenhalt gewachsen ist. Allerdings hat der Abstand zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern weiter zugenommen.

Unter den westdeutschen Bundesländern ist in Nordrhein-Westfalen, ebenso wie in Schleswig-Holstein, der Zusammenhalt verhältnismäßig schwach ausgeprägt, aber immer noch stärker als im Osten Deutschlands. Deutlich wird dies in vielen der 31 Indikatoren, die die umfangreiche Vergleichsstudie ausgewertet hat.  Ein Forscherteam aus Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen hat den Daten neun Dimensionen zugeordnet, um die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland seit 1990 zu beschreiben.

Solidarität und Hilfsbereitschaft haben sich in Nordrhein-Westfalen seit 1990 stetig verbessert. Heute steht das Land in dieser Dimension bundesweit an dritter Stelle. Die positive Entwicklung zeigt sich auch im starken ehrenamtlichen Engagement der Bürger, das noch vor zehn Jahren weit unter dem Bundesdurchschnitt lag. Maßgeblich für die Verbesserung könnte sein, dass die soziale Vernetzung im Land seit der Jahrtausendwende erheblich gewachsen ist. So geben 75 Prozent der Menschen an, enge Bezugspersonen außerhalb der Familie zu haben, die sie um Unterstützung bitten könnten. Damals sagte gerade einmal die Hälfte der Bewohner in Nordrhein-Westfalen, es gebe jemanden außerhalb der Familie, den sie um Unterstützung bitten könnten.

Die Nordrhein-Westfalen sind im Laufe der Jahre offener für gesellschaftliche Vielfalt geworden und zeigen sich heute toleranter gegenüber Homosexualität als Anfang der 1990er Jahre – aber nicht so tolerant wie im Bundesdurchschnitt. Positiver entwickelte sich die Akzeptanz von Zuwanderern. Aktuell sind deutlich weniger Menschen als zu Beginn der 1990er Jahre der Meinung, Ausländern sollte eine politische Betätigung untersagt werden.

Allerdings folgen die Nordrhein-Westfalen auch einem bundesweiten Trend und akzeptieren immer seltener, wenn Zuwanderer ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Diesem Befund steht die Erkenntnis aus der Studie entgegen, dass in den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen die Bürger am engsten zusammenhalten. „Offenbar empfinden noch immer viele Deutsche Zuwanderung als Bedrohung. Wir sollten stattdessen Vielfalt als Chance begreifen“, sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.

Ihre Lebensumstände empfinden die Bürger Nordrhein-Westfalen als relativ fair. 54 Prozent sind der Auffassung, dass sie einen gerechten Anteil am Wohlstand erhalten. Bundesweit sagt dies nicht einmal jeder Zweite.

Problematisch scheint sich das seit der Wiedervereinigung nachlassende Vertrauen in Mitmenschen zu entwickeln. Vertrauten die Bürger in NRW nach der Wende einander wesentlich stärker als im Bundesschnitt, sank das Land seitdem in dieser Dimension auf einen durchschnittlichen Wert ab.

Entscheidend für den Grad des Zusammenhalts in einer Gesellschaft sind laut der Studie vier Faktoren: „Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Bundeslandes, je niedriger das Armutsrisiko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt“, fasst Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung in der Bertelsmann Stiftung, die Ergebnisse der Studie zusammen. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass Wirtschaftskraft und Wohlstand förderlich für das innere Gefüge einer Gesellschaft sind. Der innerdeutsche Vergleich zeigt zusätzlich, dass auch ein städtisches Umfeld und eine positive demographische Entwicklung helfen, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Informationen zum „Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt“

Das „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ ist ein Index der Bertelsmann Stiftung, den ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Klaus Boehnke und Prof. Jan Delhey von der Jacobs University in Bremen erstellt hat. Bereits im Juli 2013 ergab ein internationaler Vergleich, dass die skandinavischen Staaten und die angelsächsischen Einwanderungsländer einen besonders hohen Zusammenhalt aufweisen. Deutschland landete hierbei im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder, mit deutlichen Schwächen bei der Akzeptanz von Diversität. Für den innerdeutschen Vergleich der Bundesländer wurden verschiedene Befragungsstudien sowie Daten der amtlichen Statistik in einer sogenannten Sekundäranalyse zusammengeführt und ausgewertet. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird durch 31 Einzelindikatoren in neun Dimensionen erfasst, die sich den drei Themenbereichen „Soziale Beziehungen“, „Verbundenheit mit dem Gemeinwesen“ und „Gemeinwohlorientierung“ zuordnen lassen.