Delirexperten tagen in Bethel

Prof. Theodore Stern von der Harvard Medical School kam als Hauptredner zum Kongress und bereicherte ihn auch in Diskussionen. Foto: Manuel Bünemann

Bielefeld-Bethel. Am 18. und 19. Oktober 2012 fand in Bethel der 7. Jahreskongress der European Delirium Association (EDA) statt, bei dem neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Erfahrungen ausgetauscht wurden. Erstmals wurde außerdem ein deutschsprachiger Delirtag vorangestellt. Die Abteilung für Gerontopsychiatrie im Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB) war bei der Organisation und Durchführung federführend.

Bei einem Delir kommt es zu einer Funktionsstörung des Gehirns. Kognitive Störungen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen, aber auch neurologische Symptome wie zum Beispiel Muskelzuckungen können auftreten – und auch bleiben. Betroffene wissen nicht mehr, wo sie sich befinden, scheitern an verhältnismäßig einfachen geistigen Aufgaben oder irren nachts orientierungslos und verängstigt herum. Etwa 15 Prozent der Deutschen im Alter von 70 Jahren und älter erleiden ein Delir, ab einem Lebensalter von 65 Jahren steigt das Risiko überproportional an. Dr. Christine Thomas, leitende Oberärztin der Abteilung für Gerontopsychiatrie im EvKB, weiß: „Ist ein Delir erst einmal da, verursacht es Komplikationen und ist oft schwierig zu behandeln. Insofern ist für uns im Krankenhaus die Prävention – die Delirvermeidung – der Punkt, an dem wir vorrangig ansetzen.“

Die Ursachen für Delirien sind vielfältig: Infektionen im Körper wie Lungen- oder Blasenentzündungen können es auslösen. Auch Schmerzen, psychische und körperliche Belastungen zum Beispiel bei Operationen sind oft die Ursache, Nebenwirkungen von Medikamenten und insbesondere das Zusammenwirken vieler Arzneimittel fördern ebenfalls das Risiko. „Delir tritt heute häufiger auf als früher, da Menschen immer älter und auch immer mehr behandelt werden“, sagt Dr. Stefan Kreisel, Oberarzt in der Gerontopsychiatrie im EvKB. Dabei werden Delirien häufig gar nicht als solche erkannt. Das gibt auch Dr. Daniel Davis zu bedenken: „Die Diagnose von Delirien gestaltet sich als schwierig, da die geistigen Symptome allzu leicht mit denen einer Demenz verwechselt werden. Insofern ist ein Delir besonders schwierig bei einem demenzkranken Patienten zu diagnostizieren“, so der Epidemiologe aus Cambridge in England.

Prof. Dr. Theodore Stern, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School in den USA, spricht sich für die Entwicklung von Routinen in der Delirdiagnostik für Ärzte aus: „Bei einem systematischen Vorgehen in der Diagnostik geben bereits die Untersuchung der mentalen Verfassung sowie kurze neuropsychiatrische Tests erste Hinweise, die systematisch weiterverfolgt werden müssen.“ Jedes Delirsymptom weise auf die Funktionsstörung an einer entsprechenden Stelle im Gehirn hin, so Stern, was die weitere Diagnostik beeinflusse.

Trafen sich zum wissenschaftlichen Austausch zum Thema Delir in Bethel: Dr. med. Stefan Kreisel, Anne Pizzacalla, Dr. med. Christine Thomas, Dr. Daniel Davis. Foto: Manuel Bünemann

Prof. Dr. Walter Hewer, Chefarzt der Gerontopsychiatrie im Vinzenz von Paul Hospital in Rottweil, ärgert sich über Formulierungen wie „Er ist heute wirr“ oder den Begriff „Durchgangssyndrom“, die auch heute noch gebräuchlich seien. „Diese suggerieren, es handele sich lediglich um vorübergehende Symptome.“ Ein Problem sieht er auch in den Klinikstrukturen: „Viele Delirpatienten werden in die Gerontopsychiatrie überwiesen. Diese Teilung zwischen somatischem und psychiatrischem Patient funktioniert hier jedoch nicht.“ Als Lösung dieses Problems sieht er die Bildung interdisziplinärer altersmedizinischer Zentren.

Mit Spannung erwartet wurden die Ergebnisse einer Studie, die an den beobachteten Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus‘ von Delirpatienten ansetzte. Doch so hoch die Spannung, so nüchtern die Ergebnisse: Durch die Studie unter Federführung von Prof. Sophia de Rooij und Annemarieke de Jonghe aus Amsterdam konnte kein nennenswerter Effekt des Schlafhormons Melatonin auf die Entstehung von Delirien gezeigt werden. Die Studie kommt damit zu anderen Ergebnissen als ähnliche Studien aus den USA und Saudi Arabien, die in den Jahren 2010 beziehungsweise 2011 mit geringerer Dosis über einen längeren Zeitraum einen Präventions- und Behandlungserfolg festgestellt hatten.

Anne Pizzacalla, auf die Pflege älterer Menschen spezialisierte Gesundheits- und Krankenpflegerin aus dem kanadischen Hamilton, arbeitet in ihrer Heimat seit 2004 mit einem sogenannten HELP-Team. HELP steht für Hospital Elder Life Program, ein eigens für ältere Menschen konzipiertes Programm zur Delirprävention aus Yale, das auch Dr. Thomas bereits im EvKB eingeführt hat. „Um Delirien zu verhindern ist der Pflegeprozess immanent wichtig. Indem speziell geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Beispiel darauf achten, dass Patienten genügend Flüssigkeit zu sich nehmen, gegebenenfalls die Brille oder das Hörgerät tragen, können Delirien verhindert werden“, rät Pizzacalla. Dr. Thomas erklärt: „Da sich auch eine aktive Lebensform positiv für die Patienten auswirkt, aktiviert das HELP-Team unsere Patienten in besonderer Weise, sofern sie zur Risikogruppe gehören.“ Das HELP-Programm wird neben Kanada, den USA und Deutschland auch in Krankenhäusern in vielen weiteren Teilen der Welt genutzt. Von Land zu Land sind durch regionale Gegebenheiten auch die Umsetzung und damit die Ergebnisse unterschiedlich. So kann HELP zum Beispiel nicht überall wie im EvKB durch Freiwillige unterstützt werden. Gemeinsam ist jedoch in allen Ländern, dass das Delirrisiko im Krankenhaus durch HELP gesenkt wurde.

Die Frage nach den Kosten für ein solches Programm sieht Wolfgang Hasemann gelassen. Im Universitätsspital in Basel, in dem er das interdisziplinäre Praxisentwicklungsprogramm Demenz-Delir-Management leitet, wurde – ähnlich dem HELP-Programm – die vorhandene Pflege durch eine Gruppe spezieller Pflegekräfte mit höherer Fachweiterbildung ergänzt. Dort war es sogar zu Spannungen im Pflegeteam gekommen, wenn Patienten mit Delir die Arbeitskraft vieler Pflegekräfte auf sich zogen. Hasemann machte die Erfahrung, dass der Pflegeaufwand trotz der Aufstockung zurückging, da besonders nachts deutlich weniger Personal durch Patienten mit Delir gebunden wurde. Sein Fazit: „Diese Investition lohnt sich – man bekommt die eingesetzte Zeit hinterher zurück.“

Eine enorme kognitive Herausforderung stelle die hohe Zahl an Ansprechpartnern während des Krankenhausaufenthalts besonders für die älteren Patienten dar, ergänzt Dr. Simone Gurlit, Anästhesistin im St. Franziskus Hospital in Münster. Ein Ansatz zur Delirprävention habe bereits im Jahr 2001 gezeigt, dass eine feste Bezugsperson während des Aufenthalts das Delirrisiko senken kann. Um die Diagnose von Delirien zu verbessern spricht sie sich dafür aus, den Grad der kognitiven Einschränkung des Patienten bereits bei der Aufnahme im Krankenhaus zu erfassen, um eventuelle Verschlechterungen messbar zu machen. Prof. Yoanna Skrobik, Intensivmedizinerin aus Montreal, hebt die Bedeutung der Dosis und Dauer betäubender Medikation auf der Intensivstation hervor, die Delirien sowohl auslösen als auch verschleiern kann.

Auch die Differentialdiagnose der Delirien stellt oft eine Herausforderung dar: Prof. Dr. Christian Bien, Chefarzt des Epilepsie-Zentrums im Krankenhaus Mara in Bethel, referierte über immunologisch ausgelöste Hirnfunktionsstörungen, die zeitweise einem Delir sehr ähnliche Symptome aufweisen können. In einem Beispiel konnte die Zahl der kurzfristigen Ausfallerscheinungen einer älteren Patientin durch Medikamente von 37 pro Tag zunächst auf sieben und schließlich auf null reduziert werden. Prof. Martin Wehling, klinischer Pharmakologe von der Universität Mannheim, unterstrich die Bedeutung einer altersangepassten Medikation und stellte seine FORTA-Klassifikation vor. Prof. Dr. Jörg Schulz, Universitätsprofessor für Neurologie in Aachen, beleuchtete die Parkinsonerkrankung und die Lewykörperchen-Demenz und zeigte auf, wie diese Erkrankungen von einem Delir unterscheidbar sind. Diese Differentialdiagnose ist besonders schwierig, da beide Erkrankungen auch einen Risikofaktor für ein Delir darstellen.

Dr. Thomas ist sich sicher: „Das Thema Delir ist nur zu packen, wenn wir sehr stark fachübergreifend und multiprofessionell kooperieren.“ In der EDA arbeiten dabei unterschiedliche Fachrichtungen, die innerhalb der hochtechnisierten Medizin eigentlich weit voneinander abgegrenzt sind, eng zusammen. Sie ist weltweit die erste und neben der American Delirium Society in den USA die einzige Vereinigung, die sich mit dem Thema beschäftigt.