Rund 550 Anmeldungen: Die IHK-Themenwoche „Ostwestfalen meets Latin America“ rückt Chancen für Handel, Investitionen und internationale Partnerschaften in den Fokus.

Eintrag ins Goldene Buch der IHK zum Auftakt der Internationalen Begegnungstage „Ostwestfalen meets Latin America“ (von links): IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke, IHK-Vizepräsident Carl Oetker, Brasiliens Botschafter Rodrigo de Lima Baena Soares, IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker und Götz Dörmann, IHK-Geschäftsführer International. Foto: Thomas F. Starke/IHK Ostwestfalen
Bielefeld. Mit großer Resonanz sind am Dienstagabend, 9. Juni, die 21. Internationalen IHK-Begegnungstage „Ostwestfalen meets Latin America“ in Bielefeld eröffnet worden. Bereits im Vorfeld verzeichnete die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) rund 550 Anmeldungen für die dreitägige Veranstaltungsreihe und knüpft damit an das hohe Interesse der Vorjahre an.
„Gerade in wirtschaftlich und geopolitisch unsicheren Zeiten gewinnen verlässliche internationale Partnerschaften an Bedeutung. Lateinamerika bietet unseren Unternehmen Chancen für Wachstum, Diversifizierung und stabile Lieferketten“, sagte IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker zur Eröffnung. Im Fokus stehe eine dynamische Wachstumsregion, die für viele ostwestfälische Unternehmen eine zunehmend wichtige strategische Option darstelle.
Zur Eröffnungsveranstaltung mit mehr als 100 Gästen im Heins in Bielefeld begrüßten Wahl-Schwentker und IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke auch den Botschafter Brasiliens in Deutschland, Rodrigo de Lima Baena Soares. Er hob die jahrzehntelangen Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern hervor, verwies auf gemeinsame Werte und betonte die wechselseitigen Chancen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Brasilien sei mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien auch ein wichtiger Partner bei der Dekarbonisierung der deutschen Industrie. Der Botschafter bat um Unterstützung für ein Doppelbesteuerungsabkommen und lud seine Zuhörerinnen und Zuhörer zum Gegenbesuch auf einen brasilianischen Kaffee in seine Botschaft in Berlin ein.
Mit Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wird die Bedeutung der Region deutlich: Die Europäische Union und die Mercosur-Staaten bilden künftig gemeinsam mit rund 700 Millionen Einwohnern eine der größten Freihandelszonen weltweit. Die Mercosur-Region zählt bereits heute zu den zehn wichtigsten Handelspartnern der EU. Im vergangenen Jahr umfasste der Warenhandel zwischen beiden Regionen ein Volumen von rund 110 Milliarden Euro, mit Lateinamerika insgesamt mehr als 290 Milliarden Euro. Die EU erwartet durch das Mercosur-Abkommen ein jährliches Exportwachstum von durchschnittlich 39 Prozent.
Während Europa vor allem Industriegüter wie Maschinen, Fahrzeuge sowie chemische und pharmazeutische Erzeugnisse exportiert, werden aus Lateinamerika insbesondere Agrarprodukte und Rohstoffe bezogen. Damit ergänzt sich die wirtschaftliche Struktur beider Regionen in vielen Bereichen. Gerade auch für Ostwestfalen als mittelständisch geprägte Industrieregion ist Lateinamerika ein Markt mit Potenzial und Perspektive.
Rund 240 Unternehmen aus Ostwestfalen sind allein in den Mercosur-Staaten aktiv, insbesondere in Brasilien. Als Absatz- und Beschaffungsregionen spielen aber auch Argentinien, Uruguay, Paraguay und Bolivien eine Rolle. Über Mercosur hinaus gilt dies vor allem für Mexiko.
Unternehmerische Erfahrungen aus der Praxis brachte Carl Oetker ein, persönlich haftender Gesellschafter der Dr. August Oetker KG und IHK-Vizepräsident. Die Bielefelder Unternehmensgruppe ist seit fast 100 Jahren in Brasilien aktiv und hat ihre Präsenz insbesondere in Mexiko durch Übernahmen seit 2015 weiter ausgebaut. Beide Länder steuerten zusammen rund acht Prozent des Gesamtumsatzes der Lebensmittelsparte weltweit bei. Mexiko sei der größte Wackelpuddingmarkt der Welt mit einem Pro-Kopf-Konsum von drei Litern pro Jahr.
Oetker betonte, dass Lateinamerika für international tätige Unternehmen ein Markt mit Potenzial sei, der jedoch spezifische Anforderungen stelle: Erfolg entstehe dort nicht allein durch Wachstum, sondern vor allem durch lokale Marktkenntnis, Anpassungsfähigkeit und konsequente Umsetzung.
Melanie Vogelbach, Bereichsleiterin für Internationale Wirtschaftspolitik der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), bezeichnete das seit Mai angewandte EU-Mercosur-Abkommen als „Meilenstein“. Es biete neue Möglichkeiten für Handel, Investitionen und Kooperationen und schaffe zusätzliche Impulse für den Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen. Süd- und Mittelamerika zählten aktuellen Konjunkturumfragen der Auslandshandelskammern zufolge zu den Regionen mit den positivsten Geschäftserwartungen weltweit.
Die IHK-Begegnungstage verbinden wirtschaftspolitische Einordnung mit konkreten Angeboten für Unternehmen. An zwei Tagen besteht die Möglichkeit, individuelle Beratungsgespräche mit Auslandshandelskammern aus Ländern Lateinamerikas zu führen. Bereits im Vorfeld wurden dafür zahlreiche Termine vereinbart. Am Mittwoch stehen insbesondere Marktchancen, rechtliche Rahmenbedingungen und konkrete Einstiegsstrategien für Unternehmen im Fokus.
Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildet am Donnerstag ein wirtschaftspolitischer Abend in Gütersloh. Christoph Röckerath, Leiter des ZDF-Auslandsstudios im brasilianischen Rio de Janeiro, spricht in einer digitalen Keynote zum Thema „Lateinamerika – Zwischen Eigenständigkeit und Globalisierung“. In einer anschließenden Podiumsdiskussion unter dem Titel „Handelspolitik im Dialog: Perspektiven für Europa und Lateinamerika“ berichten Vertreter regionaler Unternehmen über ihre Erfahrungen im Lateinamerika-Geschäft.
Auf das WM-Eröffnungsspiel in Mexiko, das zum Ausklang gemeinsam geschaut wird, stimmt ein Gespräch mit dem früheren brasilianischen Bundesliga-Torjäger Ailton ein.





