Objekt im Fokus

Minden. In der Sammlung des Mindener Museums werden rund 60.000 Objekte bewahrt. Trotz Dauer- und Sonderausstellungen oder Leihgaben an andere Museen lagern 95% der Sammlung verborgen im Magazin. Die Vielfalt und die Geschichte der Sammlung und das Wissen über die Objekte stellt das Museumsteam regelmäßig in Kabinettausstellungen vor. Alle zwei Monate wird außerdem ein „Objekt im Fokus“ im Foyer des Museums ausgestellt und dort seine Geschichte erzählt.

In den Monaten März und April steht die außergewöhnliche Reparaturtechnik des Klammerns und Nietens von Porzellan im Fokus. Gezeigt wird ein Ensemble von Porzellan aus dem 18. Jh.. Die Schale und die Kaffeetasse mit Untertasse stammen zwar nicht aus einer Hand, gleichen sich aber in ihren strengen klassizistischen Form und der Ausgestaltung. Das weiße Porzellan ist mit einer klaren goldenen Linie an den Rändern abgesetzt. In den eingefassten Feldern werden südliche Landschaften mit pittoresken (malerischen) Gebäuden gezeigt. Das Porzellan entspricht in seiner schlichten Formensprache und den Motiven der Darstellungsweise des Empires – einer Stilrichtung, die sich um 1800 in Frankreich entwickelt und unter Napoleon Bonapartes (1769-1821) ganz Europa beeinflusst. 

Objekt im Fokus „Mit Messing geklammertes und genietetes Porzellan aus dem 18. Jh.“

Objekt im Fokus „Mit Messing geklammertes und genietetes Porzellan aus dem 18. Jh.“.Foto: Mindener Museum

Nur die Tasse trägt eine Marke – ein geschwungenes, unter der klaren Glasur liegendes, blaues G – die darauf hindeutet, dass die Tasse nach 1800 in einer Manufaktur im Thüringischen Gera hergestellt worden ist. Porzellan kann in Deutschland erst seit 1709 hergestellt werden und ist sehr kostbar. Daher erfand man Mittel und Wege, zerbrochenes Porzellan zu flicken.

Wie die Erfindung des Porzellans stammt auch die hier angewendete Reparaturtechnik aus China. 1802 erwähnt der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) in seinen Vorlesungen zur „Physischen Geographie“ eine chinesische Technik: „zerbrochenes Geschirr flicken sie, mit einem kupfernen Draht in der Art, dass keiner anfänglich den Bruch gewahr wird“. 1838 beschreibt F. Bastenaire-Daudenart (Lebensdaten unbekannt) in seinem Handbuch „Kunst, das echte Porzellan zu fabriciren…“ genauer, wie die Technik durchgeführt wird: „Sie bedienen sich des Diamants als einer Nadel um damit kleine Löcher ins Porzellan zu bohren, durch welche sie einen sehr zarten messingenem Draht ziehen…“. 

Bei dem Porzellan aus dem Bestand des Mindener Museums wurde jedoch kein Metalldraht verwendet: die in der Mitte entzwei gebrochene Schale wird durch vier Messingklammern zusammengehalten, der gesamte Henkel der Tasse durch einen Messingbügel ersetzt und vernietet. Diese Technik stimmt mit den Beobachtungen überein, die der Agrarwissenschaftler Alexander Petzholdt (1810-1889) 1871 auf Handwerkermärkten in China und Usbekistan machte.  Er wirkte von 1846 bis 1872 als Professor an der Universität Dorpat (heute: Tartu, Estland), der einzigen deutschsprachige Universität im Russischen Kaiserreich und beschreibt: „das Verfahren besteht darin, dass man in die Glas- oder Porzellanscherben, einige Linien von den Bruchkanten entfernt, einander gegenüberstehende Löcher mittels Schmirgel einbohrt, und durch später mittelst Kitt darin befestigte kleine eiserne Klammern die wiedervereinigten Bruchstücke dauernd verbindet“. Er bewundert: „Die Gewandheit mit welcher die Löcher gebohrt werden, die aber nur bei sehr dünnem Glase durch und durch gehen, sonst aber nur von der äusseren Oberfläche bis zu einer gewissen Tiefe sich erstrecken, und ebenso die Sicherheit mit welcher die eisernen Klammern mittelst Hammerschlag eingetrieben oder (bei durchgehenden Löchern) von innen vernietet werden, ist ganz außerordentlich.“ Der Autor schildert weiterhin, dass die Arbeitskraft im Vergleich zum Einkaufspreis des Porzellans sehr günstig war und so „Jedermann“ sein Porzellan flicken ließ. Genaue Berichte wie die Technik nach Deutschland kam gibt es nicht, vorstellbar sind reisende Handwerker oder auch die Nachahmung der Technik aufgrund von Beispielen oder Berichten. 

Im geputzten Zustand erhält Messing einem dem Gold ähnlichen Glanz, so dass man sich vorstellen kann, dass sich der heute dunkel angelaufene Henkel harmonisch einfügte und die Gestaltung der Tasse nur wenig störte. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Bezug zu der in Japan seit dem 16. Jh. angewandten Kintsugi-Technik: die geklebte Bruchstelle von Porzellan oder Keramik wird mit einem Goldlack nachgezeichnet und hervorgehoben. Hinter dieser Betonung des Makels steht ein ästhetisches Prinzip, das der Zen-Philosophie nahesteht und die Schönheit im Vergänglichen und Fehlerhaften erkennt.

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