IHK: Unternehmen sind auf Re-Start vorbereitet – Insolvenzgefahr steigt

Berichteten über ihre Erfahrungen im Lockdown, Corona-Hilfen, Öffnungsperspektiven und Insolvenzgefahr: Harald Grefe, Wolf D. Meier-Scheuven, Rainer Schorcht, Olaf Stegmann, Rainer Döring und Andreas Büscher (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: IHK Ostwestfalen

Berichteten über ihre Erfahrungen im Lockdown, Corona-Hilfen, Öffnungsperspektiven und Insolvenzgefahr: Harald Grefe, Wolf D. Meier-Scheuven, Rainer Schorcht, Olaf Stegmann, Rainer Döring und Andreas Büscher (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: IHK Ostwestfalen

Bielefeld. Die Unternehmen in Ostwestfalen sind auf ihren Re-Start nach dem Lockdown vorbereitet, die Insolvenzgefahr steigt rapide. Das ergab ein virtuelles Pressegespräch der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK). Dabei erläuterten heute (28.01.2021) die Unternehmer Rainer Döring und Rainer Schorcht (beide Einzelhandel), Andreas Büscher (Gastronomie), Olaf Stegmann (Veranstaltungsbranche) und Robert Pirmajer (Fitnessbranche) ihrer bisherigen Corona-Erfahrungen und Öffnungsperspektiven.

„Wir begrüßen es ausdrücklich, dass im Beschluss der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten explizit der Auftrag erteilt wurde, schon jetzt ein Konzept für eine sichere und gerechte Öffnungsstrategie nach dem 14. Februar zu erarbeiten“, betonte IHK-Präsident Wolf D. Meier-Scheuven. Die Verantwortlichen aus der Politik sollten jetzt verstärkt die Weichen für eine unternehmerische Aufbruchstimmung nach dem Lockdown stellen und den Unternehmen nicht länger als erforderlich ihre wirtschaftliche Grundlage entziehen. „Dann geht die Wirtschaft, wie bisher im Übrigen auch, die harten Maßnahmen mit.“

„Es ruckelt leider noch gewaltig: komplizierte Verfahren, komplexe Kriterien und die Mittel kommen (zu) spät“, kritisierte Harald Grefe, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer den Umgang mit den Finanzhilfen speziell von Bund und Land. Hier gebe es noch erhebliches Verbesserungspotenzial, was sowohl die Höhe der Hilfsgelder betreffe als auch deren Bearbeitung und Auszahlung, die vor allem schneller erfolgen müsse. In Summe seien bisher zirka 600 Millionen Euro Corona-Hilfen nach OWL geflossen. Bei den November- und Dezemberhilfen klaffe eine Auszahlungslücke von 89,3 Millionen Euro. Grefe: „Das ist zu hoch! Die Verzweiflung und die Existenzängste nehmen deutlich zu.“

Das sieht auch Robert Pirmajer, Betreiber des Studios Active-Training in Bielefeld, so. Er ist ein Solo-Selbstständiger und habe seit den Lockdowns „Einnahmen gleich null“. Aktuell halte er sich mit Online-Coaching über Wasser. Und von den November- und Dezember-Hilfen habe er bisher nur einen kleinen Abschlag erhalten. „Mich kann’s nicht härter treffen“, betonte der Fitness-Trainer. „Geschlossen ist geschlossen.“ Auf die hoffentlich bald erlaubte Wiedereröffnung sei er perfekt vorbereitet, speziell mit einem vernünftigen Hygiene-Konzept. „Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren, Differenziertheit tut Not“, hat er für die Schließung vieler betroffener Branchen kein Verständnis.

Rainer Schorcht, Geschäftsführender Gesellschafter der Foto Schorcht „fototronic GmbH“ in Gütersloh, konnte seinen Schilderungen nach die wirtschaftlichen Folgen von Corona bisher durch seinen Abholservice etwas mildern. Er sieht das Kurzarbeitergeld als positives Instrument an. Zu den Finanzhilfen meint er, dass „viele Händler sich im Regen stehen gelassen fühlen“. Auf den Re-Start seien er und seine Beschäftigten bestens vorbereitet: „Wir sind wie ein Schnellboot und können quasi auf Knopfdruck unsere Geschäfte wieder aufmachen“. Auch eine WhatsApp-Gruppe innerhalb der Belegschaft mache das möglich. Generell betrachtet der IHK-Vizepräsident die Online-Shops und den Online-Handel als großen bisherigen Gewinner der Pandemie.

Das sieht Rainer Döring, Geschäftsführender Gesellschafter der Expert Döring GmbH & Co. KG aus Löhne, ebenso. Er betrachte den Digitalisierungsschub, den Corona ausgelöst habe, insgesamt durchaus als positiv. „Das ist ein Vorgriff auf die Zukunft“, sagte der Vorsitzende des IHK-Handelsausschusses. Die Corona-Hilfen von Bund und Land findet er grundsätzlich auch positiv, sieht deren Handhabung aber kritisch. „Ich habe von vielen Händlern gehört, dass die Bewilligung sehr bürokratisch verläuft und die Auszahlungen sich sehr hinziehen, wenn sie überhaupt kommen.“

Andreas Büscher, Inhaber des gleichnamigen Bielefelder Hotels, stimmte dem in Teilen zu, habe aber mit den Überbrückungshilfen I und II bisher überwiegend positive Erfahrungen gemacht. „Von unbürokratischer Abwicklung kann jedoch nicht die Rede sein.“ Insgesamt sei er mit seinem Familienbetrieb bisher „mehr schlecht als recht“ durch die Zeit der Pandemie und der beiden Lockdowns gekommen.

Obwohl er viel Geld in Hygiene-Maßnahmen investiert und alle Vorgaben umgesetzt habe, „ist der erneute Lockdown ab November eine Katastrophe. Zwischen März 2020 und Januar 2021 haben Hotels und Restaurants jetzt mit fünf Monaten Schließung zu kämpfen, Diskotheken und Kneipen sogar mit zehn Monaten. Die Branche braucht jetzt eine klare Perspektive für einen Neustart und weitere staatliche Hilfen, solange dieser nicht möglich ist.“

Das Gastgewerbe sei auf den Neustart vorbereitet, er habe aber einen Wunsch an die Politik: Die noch bis zum 30. Juni 2021 befristete Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent bei den Speisen in der Gastronomie müsse unbedingt entfristet und auf Getränke ausgeweitet werden. Das IHK-Vollversammlungsmitglied und Präsident des DEHOGA Ostwestfalen: „Das wäre eine sehr wichtige Unterstützung für uns Gastronomen und könnte helfen, möglichst viele Betriebe und damit auch Arbeitsplätze zu erhalten.“

Olaf Stegmann, Geschäftsführer der GOP Entertainment Group GmbH & Co. KG mit Hauptsitz in Bielefeld, berichtete, ein Jahr nach Beginn der Pandemie werde der Gesamtjahresumsatz seiner Unternehmensgruppe (1.000 Beschäftigte) im Vorjahresvergleich um knapp 90 Prozent von 47 Millionen Euro auf zirka 5 Millionen Euro eingebrochen sein. Mittlerweile habe die Gruppe KfW-Darlehen in mittlerer Millionenhöhe zur Zukunftssicherung aufgenommen. Der vordringlichste Punkt sei nun, dass entweder die Fördergrundlagen bei verbundenen Firmen dahingehend geändert würden, dass Anträge für jeden einzelnen Betrieb gestellt werden könnten – und nicht nur einmal für alle Betriebe gemeinsam.

„Eine Förderhöchstgrenze von beispielsweise 50.000 Euro pro Monat mag für einen kleineren Betrieb ausreichend sein, bei einer Unternehmensgruppe unserer Größe entspricht dies den Kosten beziehungsweise Verlusten, die binnen zwei Werktagen anfallen“, erläuterte der GOP-Chef. Alternativ könne eine Ausweitung der Förderhöchstgrenzen nach EU-Beihilferecht von aktuell vier Millionen Euro auf mindestens das zehnfache helfen. Geschäftsführer Stegmann: „Wobei es auch hier sicher Betriebe geben wird, für die selbst dieser Betrag nicht ausreichend ist“.

Im Gegensatz zu vielen Handels- und Dienstleistungsunternehmen sei die Industrie bisher relativ glimpflich durch die Corona-Krise gekommen, auch sein Maschinenbau-Unternehmen Boge, berichtete IHK-Präsident Meier-Scheuven nun in seiner Funktion als Firmenchef. „Wir haben einen Umsatzrückgang von „nur“ vier Prozent erlitten und sind mit einem guten Auftragsbestand ins neue Jahr gestartet.“ Durch den immer wieder verlängerten Lockdown und die schleppenden Impffortschritte sei die Stimmung jedoch auch in der Industrie aktuell wieder schlechter geworden. Deshalb hoffe das Verarbeitende Gewerbe ebenfalls auf Lockerungen. 23 Prozent der Betriebe klagten laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag über sinkendes Eigenkapital. Gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen spitze sich die Lage zu.

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