Eine Ausstellung von Prof. Katharina Bosse zu NS-Thingstätten im Kunstraum Elsa.

Vl: Prof. Katharina Bosse, Rebecca Budde de Cancino, im Kunstraum Elsa vor der Ausstellung der Fotografien zu den Thingstätten (Foto: Emily Pfaffenbauer)
Bielefeld. Im Kunstraum Elsa in Bielefeld ist derzeit die Ausstellung „Thingstätten – Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Prof. Katharina Bosse, Professorin für Fotografie an der Hochschule Bielefeld. Die Schau versammelt internationale künstlerische und wissenschaftliche Positionen zu einem Kapitel nationalsozialistischer Architektur, das bis heute vergleichsweise wenig bekannt ist.
Die sogenannten Thingstätten wurden zwischen 1933 und 1936 als propagandistische Freilichtbühnen und Versammlungsorte des Nationalsozialismus geplant. Rund 400 Anlagen waren vorgesehen, etwa 60 wurden realisiert, in Gebieten des damaligen Deutschen Reiches, heute unter anderem in Deutschland, Polen und Tschechien. Sie dienten der Inszenierung eines völkischen Gemeinschaftsgedankens und waren damit immer auch Orte der Ausgrenzung. Wer nicht dem nationalsozialistischen Ideal entsprach, war von dieser „Gemeinschaft“ ausgeschlossen.
Viele dieser Orte sind heute überwuchert, verfallen oder ihrer ursprünglichen Funktion enthoben. Einige, wie die Berliner Waldbühne, werden weiterhin als Veranstaltungsorte genutzt. Genau diese Ambivalenz steht im Zentrum des Ausstellungsprojekts, das Bosse bereits 2013 initiierte – zunächst ohne finanzielle Förderung. Künstlerinnen, Fotografen und Wissenschaftlerinnen reisten auf eigene Kosten zu den teils abgelegenen Schauplätzen. Erst später erhielt das Projekt finanzielle Unterstützung. 2023 wurde die Ausstellung erstmals im Deutschen Haus der New York University gezeigt, nun ist sie zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.
Insgesamt vereint das Projekt 23 internationale Beteiligte. Fotografie, Text, Recherche und künstlerische Intervention treten in einen Dialog über die Frage, wie sich Vergangenheit in Landschaften und Gesellschaften einschreibt. Die Bildsprache ist dabei bewusst vielschichtig: Manche Fotografien erscheinen dunkel und schwer, andere eröffnen neue Perspektiven auf Orte, die zwischen Vergessen und Umnutzung stehen.
Auffällig ist auch die besondere Präsentationsform im Kunstraum Elsa. Die Fotografien sind bewusst nicht klassisch beschriftet, sondern im Raum verteilt inszeniert – teils an Türen angebracht, teils bodennah platziert. Diese ungewöhnliche Hängung irritiert zunächst und zwingt dazu, sich den Arbeiten ohne erklärende Einordnung zu nähern. Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich suchend durch den Raum, die Auseinandersetzung entsteht weniger über Informationstafeln als über unmittelbare Wahrnehmung.
Eine besondere Ebene erhält die Ausstellung durch autobiografische Beiträge. Neben Katharina Bosse war auch die Künstlerin Rebecca Budde de Cancino anwesend, die in ihrer Arbeit ihre eigene Familiengeschichte einbezieht. Bereits als junge Erwachsene begann sie, ihren Großvater zu seiner Rolle im Nationalsozialismus zu befragen und fotografisch zu dokumentieren, zum Beispiel seine SS-Tätowierung am Oberarm. Die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Verstrickung beschreibt sie als schmerzhaften Prozess zwischen Nähe, Loyalität und dem Gefühl des Verrats. Vor dem Hintergrund jüngst veröffentlichter NSDAP-Mitgliedslisten gewinnt diese persönliche Perspektive zusätzliche Aktualität.
Zentraler Bestandteil ihres Beitrags ist eine Kommode, die sie von ihren Großeltern geschenkt bekam. In und auf diesem Möbelstück präsentiert sie Fotografien, künstlerische Arbeiten sowie ein Foto ihres Großvaters. Das private Möbel wird so zum Ausstellungsort und verbindet familiäre Erinnerung mit historischer Reflexion – ein Ansatz, der die persönliche Dimension der Ausstellung eindrücklich unterstreicht.
Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zu einer erweiterten Erinnerungskultur. Statt historischer Abstraktion rücken konkrete Biografien und individuelle Erfahrungen in den Mittelpunkt. Persönliche Gespräche und künstlerische Annäherungen können dabei Facetten sichtbar machen, die in reinen Dokumentationen oft verborgen bleiben.
Das Projekt wurde mit einer „Special Mention“ des European Heritage Award in der Kategorie „Research“ ausgezeichnet. Mehr Informationen zu der Ausstellung findet man unter Thingstätten Startseite – Thingstaetten .
Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai 2026 im Kunstraum Elsa, Elsa-Brändström-Straße 13, zu sehen. Geöffnet ist donnerstags von 15 bis 18 Uhr, am 25. April im Rahmen der Bielefelder Nachtansichten zudem von 18 bis 24 Uhr. Ein Künstlergespräch mit dem amerikanischen Fotografen Daniel Mirer findet am 21. Mai um 18 Uhr statt.
(Artikel von Emily Pfaffenbauer)





