Lübbecke. „Pistolenkugel streift Mann. Der Verletzte trug keine kugelsichere Weste“ – was in anderen Bereichen skurril erscheint, ist in der Berichterstattung über Unfälle mit Personen, die zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs sind, üblich. Durch dieses „Framing“, also die sprachliche Einrahmung des Sachverhaltes, die spezifische Interpretationen begünstigt, entsteht oftmals eine verzerrte Wahrnehmung von Verlauf und Ursache dieser Unfälle.
Was der Initiative pro Fahrrad schon lange ein Dorn im Auge ist, belegen neuere Studien und so lädt die Gruppe für Donnerstag, den 05.03.2026, zu einem öffentlichen Workshop zum Thema „Framing in der Verkehrsunfallberichterstattun
Hauptreferent ist Polizeioberrat Jan Nordhoff, Leiter der Führungsstelle Direktion Verkehr der Bielefelder Polizei. Er hat sich 2023 in seiner Masterarbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei intensiv damit befasst, welche sprachlichen Muster sich immer wieder in Presseberichten über Verkehrskollisionen zeigen und welche Folgen das hat. Nordhoff hat in seiner Untersuchung u.a. herausgearbeitet, dass in der gängigen Berichterstattung zumeist verharmlosende und Verständnis suggerierende Interpretationen des Kollisionsgeschehens im Hinblick auf deren Verursacherinnen und Verursacher genutzt werden. Dagegen werden – wie im fiktiven Eingangsbeispiel – durch die Betonung eher nebensächlicher Aspekte der Blick auf die Opfer mitunter unsachgemäß betont, teils bis hin zu einer dadurch entstehenden Täter-Opfer-Umkehr. Und nicht zuletzt hat das vorherrschende Framing auch gravierende gesellschaftliche Folgen: Indem Unfälle – obwohl rund 93 Prozent vermeidbar wären – als schicksalhaft dargestellt werden, entfällt die Motivation, nach präventiven Maßnahmen zu suchen. Diese wären aber sowohl auf dem Feld der Verkehrserziehung als auch der Infrastrukturverbesserung möglich und sinnvoll, um kollisionsbedingte Verletzungen und Todesfälle zu reduzieren. „In keinem Bereich“, so Petra Spona, Sprecherin der Initiative pro Fahrrad, „werden in die Tausende gehende Todeszahlen mit so viel Achselzucken begleitet, wie im Bereich Verkehr.“
Der Initiative sei es wichtig, so Spona, dass es nicht um gegenseitige Schuldzuweisungen gehe – im Gegenteil. Die Veranstaltung sei als Workshop konzipiert, weil es darum gehe, alle zentral an der Unfallberichterstattung beteiligten Personengruppen zusammenzubringen und gemeinsam nach Wegen zur Verbesserung zu suchen. Dazu hat die Initiative pro Fahrrad weitere Gesprächspartner*innen eingeladen. Polizeihauptkommissar Thomas Bensch, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde im Mühlenkreis, wird erläutern, wie, wann und warum es überhaupt von Kollisionen auf der Straße zu einem Pressebericht der Polizei kommt. Friederike Niemeyer, Lokalchefin des Westfalen-Blattes in Lübbecke und Frank Hartmann, Leiter des Lübbecker Büros der Neuen Westfälischen werden darlegen, wie Berichte den Weg in die Tagespresse finden. Friederike Niemeyer beschreibt das Dilemma der Presse darin, dass Journalisten selbst dann, wenn sie sogar selbst am Unfallort sind, meist nicht nah genug am Geschehen seien. Stellen sich Sachverhalte dann nach einigen Tagen anders dar als es zunächst den Anschein hatte, so seien Folgeberichterstattungen meist nur in Ausnahmen möglich. Dabei gibt es sowohl für die Polizei als auch die Presse Vorgaben für die Berichterstattung über Verkehrsgeschehnisse.
In der gemeinsamen Schlussdiskussion sollen Lösungsansätze und Handlungsoptionen diskutiert und entwickelt werden, von denen Jan Nordhoff einige im Gepäck hat. Offen für Verbesserungen ist auch Polizeirätin Kea Eichler, Leiterin der Direktion Verkehr der Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke, die sich sowohl auf den offenen Austausch freut, als auch darauf, dass dieses viel zu selten erörterte Thema nun auf der öffentlichen Tagesordnung steht.
Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 5. März 2026 von 18:30 Uhr bis 21:00 Uhr im Großen Saal des Alten Amtsgerichts/Bürgerhaus, Gerichtsstraße 5 statt. Für Getränke und etwas Essen ist gesorgt. Der Eintritt ist frei.






