Zum Internationalen Tag der Hebammen am 5. Mai macht die Hochschule Bielefeld auf fehlende Hebammen in OWL aufmerksam. Mit dem Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft soll die regionale Versorgung gestärkt werden.
Bielefeld. In Ostwestfalen-Lippe gibt es nach Einschätzung der Hochschule Bielefeld (HSBI) zu wenige Hebammen. Die ASB Hebammenzentrale Bielefeld-Gütersloh zählte in den vergangenen zwölf Monaten 750 Anfragen. Nur in rund 500 Fällen konnte eine Hebamme vermittelt werden. „Das zeigt ein strukturelles Defizit, das wahrscheinlich ganz OWL betrifft“, sagt Andrea Hermelingmeier, Hebamme, Berufspädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesundheit der HSBI.

In sieben Semestern werden Studierende im praxisintegrierten Studiengang „Angewandte Hebammenwissenschaft“ an der HSBI zu Hebammen ausgebildet.(Foto: P. Pollmeier/HSBI)
Erst vergangene Woche habe sie eine freiberufliche Hebamme aus Bielefeld getroffen, die Woche für Woche im Schnitt fünf Anfragen ablehnen müsse, berichtet Hermelingmeier. „Wir hoffen daher, dass viele der an der HSBI studierten Hebammen in der Region tätig werden.“
Zum Internationalen Tag der Hebammen am 5. Mai schlagen auch Berufsverbände Alarm. Der Mangel an Hebammen betrifft nicht nur OWL, sondern Deutschland und viele andere Länder. Die International Confederation of Midwives (ICM) hat deshalb die Initiative „One Million More“ gestartet. Der internationale Fachverband fordert von Regierungen massive Investitionen in die Geburtshilfe. Der Deutsche Hebammenverband unterstützt diese Forderung.
„Hebammenbetreuung ist gelebte Prävention“, sagt Annika Wanierke, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. Internationale Studien zeigten, dass es weniger Komplikationen, weniger unnötige medizinische Eingriffe und eine bessere psychische Gesundheit gebe, wenn Frauen und Familien kontinuierlich von Hebammen begleitet würden. Gleichzeitig steige die Zufriedenheit der Familien deutlich.
Andrea Hermelingmeier ergänzt: „Und mehr Hebammen!“ Wenn die ASB-Hebammenzentrale Bielefeld-Gütersloh ein Drittel der anfragenden Schwangeren im vergangenen Jahr nicht an eine Hebamme habe vermitteln können, zeige das eine große Versorgungslücke. Diese Lücke wolle die Hochschule Bielefeld mit dem Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft schließen helfen.
Zurzeit studieren an der HSBI rund 180 angehende Hebammen Angewandte Hebammenwissenschaft. Zwei Kohorten haben den praxisintegrierten Studiengang bereits erfolgreich abgeschlossen. Seit 2020 ist die akademische Ausbildung in Deutschland entsprechend dem europäischen Standard Pflicht.
Die ICM weist zudem auf die weltweiten Folgen fehlender Hebammen hin. In einem Artikel der Fachzeitschrift Springer Pflege heißt es, alle zwei Minuten sterbe eine Frau an Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt. Alle 17 Sekunden gehe ein Kind noch vor der Geburt verloren, jährlich stürben 2,3 Millionen Neugeborene innerhalb der ersten 28 Lebenstage. Zugleich steige die weltweite Kaiserschnittrate auf rund 30 Prozent, ohne nachweisliche Verbesserung der Gesundheitsversorgung.
Würde die weltweite Versorgungslücke geschlossen, könnten laut ICM bis 2035 bis zu 67 Prozent der Todesfälle von Müttern, 64 Prozent der Todesfälle von Neugeborenen und 65 Prozent der Totgeburten verhindert werden.
Diese Zahlen seien nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar, dennoch sieht der Deutsche Hebammenverband auch hierzulande erhebliches Verbesserungspotenzial. Hebammen förderten während der Schwangerschaft physiologische Verläufe, erkennten Risiken frühzeitig und leiteten bei Bedarf in weiterführende Versorgung über. Eine kontinuierliche 1:1-Betreuung durch Hebammen während der Geburt könne die Rate an Kaiserschnitten und operativen Eingriffen senken, die Sicherheit von Geburten erhöhen und das Geburtserleben verbessern.
Auch im Wochenbett leisten Hebammen nach Einschätzung des Verbandes einen wichtigen Beitrag. Sie fördern die psychische Gesundheit von Frauen, senken das Risiko für postpartale Depressionen und erkennen gesundheitliche Probleme frühzeitig. Durch qualifizierte Stillberatung unterstützen sie zudem den Stillbeginn. Stillen senkt nach Angaben des Verbandes das Brustkrebsrisiko der Mutter und schützt Kinder vor Infektionen und weiteren Erkrankungen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Präventionsarbeit. Der Deutsche Hebammenverband verweist unter anderem auf Angebote wie „Hebammen an Schulen“. Dort vermitteln Hebammen jungen Menschen Wissen über Körper, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt. Ziel sei es, Gesundheitswissen, Selbstschutz und Verantwortungsbewusstsein zu stärken.
Auch die HSBI setzt auf Aufklärung. Beim Tag der offenen Tür oder bei Führungen zeigt die Hochschule Besuchergruppen das Skills Lab, in dem Studierende Tätigkeiten in einem geschützten Raum üben können. „In den Gesprächen wird dabei immer wieder eines deutlich: Viele Menschen wissen nicht, dass es längst wissenschaftlich erwiesen ist, dass Hebammen die Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt nachhaltig verbessern“, sagt Andrea Hermelingmeier.





