„Objekt im Fokus“ zeigt ein Andenkengefäß aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und gibt Einblick in historische Glaskunst
Minden. Der Deckelbecher im Mindener Museum steht im September und Oktober als „Objekt im Fokus“ im Foyer. Das Gefäß aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gelangte 1960 als Schenkung in die Sammlung und war bis 2010 Teil des Biedermeierzimmers in der damaligen Dauerausstellung.
Rund 60.000 Objekte werden in der Sammlung des Mindener Museums bewahrt. Trotz Dauer- und Sonderausstellungen sowie Leihgaben lagern etwa 95 Prozent davon im Magazin. Mit Kabinettausstellungen und dem alle zwei Monate wechselnden „Objekt im Fokus“ macht das Museum regelmäßig ausgewählte Stücke und ihre Geschichte sichtbar.
Glasmalerei und geschliffene Verzierungen

Deckelbecher aus der Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Mindener Museums.
© Mindener Museum, 2026.
Der Deckelbecher besteht aus farblosem Glas und wurde vermutlich im Formblasverfahren hergestellt. Dabei wird flüssiges Glas in eine gewässerte Holz- oder Metallform geblasen und nimmt beim Auskühlen deren Form an. Die Wandung ist gebaucht und im oberen Bereich leicht eingezogen. Dort besitzt das Glas eine stumpfe, durch mechanischen Schliff erzeugte Oberfläche.
Im Mittelpunkt der Gestaltung steht ein rundes blaues Medaillon mit der Inschrift „Zum Andenken“. Der blaue Grund wurde auf der Innenseite des Bechers aufgetragen, während sich die goldene Umrandung und die Schrift auf der Vorderseite befinden. Durch diese Hinterglasmalerei entsteht eine räumliche Tiefenwirkung. Weiße Blätter, Weizenähren und blaue Blüten umgeben das Medaillon. Bei den Blüten handelt es sich vermutlich um Vergissmeinnicht, die Erinnerung, Treue und Liebe symbolisieren.
Auch der gewölbte Hohldeckel ist mit aufgemalten Blüten und Blättern geschmückt. Der Knauf trägt einen sternförmigen Kerbschliff mit goldener Bemalung. Hinzu kommt ein Punkt- und Strichdekor am Stiel des Knaufs. Die Farben wurden vermutlich aus farblosem Glas und Metalloxiden hergestellt, mit dem Pinsel aufgetragen und anschließend bei hoher Temperatur eingebrannt. Dieses Verfahren wird als Emaillemalerei bezeichnet.
Der untere Bereich des Bechers ist mit Kerb- und Kantenschliff gestaltet. Standring und Becherrand besitzen eine umlaufende goldene Bemalung. Auf der Rückseite zieht sich vom oberen Glasrand bis in den unteren Teil der Wandung ein geschlossener Riss, bei dem es sich möglicherweise um einen Spannungsriss handelt.
Andenken und Freundschaftskultur im Biedermeier
Material und Gestaltung sprechen dafür, dass der Deckelbecher zur Zeit des Biedermeier zwischen 1815 und 1850 entstand. In dieser Epoche gewannen familiäre und häusliche Werte an Bedeutung. Gläser, Poesiealben und Karten dienten dazu, Freundschaft, Verbundenheit und Zuneigung auszudrücken. Aufwendig verzierte Gläser wurden deshalb auch als Geschenk- und Andenkenobjekte genutzt.
Zu diesen Erinnerungsstücken gehörten ebenfalls sogenannte Badebecher, die insbesondere vom Adel bei Trink- und Badekuren erworben wurden. Zu Hause konnten sie in Glasvitrinen, auf Etageren oder an der Wand präsentiert werden. Deckelbecher dienten jedoch nicht nur als Schmuckstücke, sondern auch als Trinkgefäße. Der Deckel schützte den Inhalt vor Verunreinigungen und half dabei, die Temperatur des Getränks länger zu erhalten.
Glasherstellung in der Region
Glas wurde seit dem Mittelalter unter anderem in Waldglashütten in waldreichen Gebieten hergestellt. Solche Regionen waren beispielsweise die Grafschaft Lippe und das Hochstift Paderborn. Später produzierten auch die Glashütte Gernheim in Petershagen-Ovenstädt von 1812 bis 1877 sowie die Glashütte Wittekind in Minden von 1882 bis 1982 Glaswaren.
Der Deckelbecher im Mindener Museum verweist zugleich auf die kommende Sonderausstellung „Heiß und Kalt – Eine Reise durch die Kulturgeschichte der Getränke“. Sie ist ab dem 12. September im Mindener Museum zu sehen und beleuchtet anhand verschiedener Objekte die regionale Getränkekultur vom Mittelalter bis in die Gegenwart.





