Ausstellungsprogramm der Kunsthalle Bielefeld 2021

Bielefeld. Die Kunsthalle Bielefeld freut sich, mit der Einzelausstellung «LOVER’S MATERIAL» von Monica Bonvicini die erste große Ausstellung von Christina Végh in dem von Philip Johnson gebauten und 1968 eröffneten Museumsbau zu präsentieren. Zeitgleich eröffnen wir die Ausstellungen «WIR HABEN DIE SCHNAUZE VOLL» von Jeremy Deller und «Auguste Rodin | Jeff Wall. DIE DENKER» sowie «RAUM, ZEIT, ARCHITEKTUR, GENDER. Blick in die Sammlung #1».

Monica Bonvicini, Breach of Decor, 2020 © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2020 Photo: Jens Ziehe

Monica Bonvicini, Breach of Decor, 2020
© Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Photo: Jens Ziehe

Dieser vielgestaltige Auftakt ist kennzeichnend für das Programm Christina Véghs an der Kunsthalle Bielefeld: die Öffnung des Hauses und die Einladung zum Dialog verbunden mit dem Bewusstsein, dass Kunst einen wichtigen Beitrag in der Diskussion aktueller gesellschaftlicher Themen leistet. Dabei ist die Frage zentral, inwiefern historische Werke aus der Sammlung der Kunsthalle in Verbindung mit zeitgenössischen Diskursen neu gesehen werden können. Gerade auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Pandemie geht es darum, die Rolle von und Erwartungen an die Museen zu hinterfragen.

Mit der künstlerischen Intervention im Stadtraum im Vorfeld der Ausstellung «Monica Bonvicini. LOVER’S MATERIAL» oder der neuen Konstellation, welche die Skulptur «Der Denker» von Auguste Rodin mit Werken von Jeff Wall eingeht, werden Spannungsfelder zwischen Museum und Stadtraum sowie Geschichte und Gegenwart aufgespannt. Christina Végh betont: «Es ist mir ein Anliegen, dass sichtbar wird, dass Ausstellungen und die Kunst immer in Verbindung mit unserem Leben stehen.»

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Monica Bonvicini
LOVER’S MATERIAL

Die Ausstellung «LOVER’S MATERIAL» von Monica Bonvicini erstreckt sich über das gesamte erste Obergeschoss der Kunsthalle und umfasst die neuesten Arbeiten der Künstlerin, von denen einige speziell für die Ausstellung in Bielefeld geschaffen wurden.

Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die Biographie Philip Johnsons, den Architekten der Kunsthalle Bielefeld, und dabei im Besonderen auf die Beziehung Johnsons zu seinem damaligen Partner Jon Stroup. Franz Schulze, der Autor der Biographie, beschreibt Stroup als «unfehlbar zugetan, angenehm passiv und ewig dankbar für die materielle Großzügigkeit seines Liebhabers.»

Diese nuancierte Beschreibung des unausgewogenen Machtgefüges zwischen den beiden Liebenden hat Bonvicini dazu animiert, in ihren Arbeiten für die Ausstellung zahlreiche private und öffentliche, politische und wirtschaftliche Abhängigkeiten, sowohl innerhalb als auch außerhalb von Ausstellungsräumen, zu untersuchen. Mit pointierter Kritik und dem ihr eigenen Humor reflektiert sie aktuelle Themen, die im Jahr 2020 zentral geworden sind: Die Räume, in denen wir leben, und die wir uns angeeignet haben, und die Fürsorge denen gegenüber, sowohl privat wie gesamtgesellschaftlich, mit denen wir diese Räume teilen.

Die Ausstellungsräume präsentieren eine Vielzahl an Narrativen und Choreographien aus Bildern, skulpturalen Werken und architektonischen Interventionen. Sie sind in Paaren und größeren Kompositionen arrangiert, als ob jeder Raum ein anderes Kapitel einer übergeordneten Geschichte darstellt. Die Gesamtheit der Ausstellung wird durch Sounds und Licht zusammengehalten, die durch die eher starre Architektur des modernistischen Ausstellungsraumes wandern. Dadurch wird zugleich der Effekt einer Annäherung an die und Détournemet von der Narration erzeugt.

Im Hauptraum der Ausstellung bedeckt Monica Bonvicini mit der Arbeit «Breach of Decor», einer großformatigen Komposition aus Teppichen, fast den gesamten Fußboden. Die Arbeit versammelt Bilder einer photographischen Serie, die von der Künstlerin über einen langen Zeitraum aufgenommen wurden. Die Fotografien verdoppeln den Blickpunkt der Betrachter*innen von oben. Sie zeigen Fragmente unterschiedlicher Bodenbeläge mit darauf liegenden Kleidungsstücken. Beim Laufen über die Arbeit erkunden die Besucher*innen Szenen, die aus dem eigenen Alltag bekannt erscheinen. Das Publikum findet sich in einem ambivalenten Schwindel von visuellen Perspektiven und ironischer Subversion wieder.

Monica Bonvicini, NEVER TIRE, 2020 © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2020 Photo: Jens Ziehe

Monica Bonvicini, NEVER TIRE, 2020 © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Jens Ziehe

Die Wandinstallation «Never Tire» im angrenzenden Raum besteht aus Malereien, die Monica Bonvicini während der Zeit des Lockdowns geschaffen hat. Die Installation kreiert eine nebulöse schwarze, dunkelgraue und pinkfarbene Landschaft, aus der Maschendraht, Ketten und Textzeilen hervortreten. Die Textzeilen heben sich leuchtend vom undefinierten Hintergrund ab. Es handelt sich um Zitate aus Schriften von Roland Barthes, Judith Butler, Natalie Diaz, Soraya Chemaly und Andrea Dworkin. Die Textpassagen sind in sich verdreht, gekürzt und verändert und erlangen so eine neue, poetische Dimension: «Weep Me Crude», «Power Joy Humor & Resistance», «I Never Tire». Die Papierarbeiten sind auf vertikalen Aluminiumpanelen mit sichtbaren Metallrändern befestigt und erinnern dadurch an politische Protestschilder, in denen sich die Vielstimmigkeit von Forderungen, Aussagen und Inhalten manifestiert. Die unmittelbaren Assoziationen, die durch das Werk aufgerufen werden, sind zugleich persönlich, politisch und aktuell.

Weitere neue Arbeiten in der Ausstellung sind eine Videoarbeit und eine ortsspezifische Installation. Das Video «I See a White Building, Pink and Blue» ist eine abstrakte Verbildlichung der Fahrt der Künstlerin zum Atelier im Frühling während des Lockdowns. Die abstrakte, laute Sequenz voller Lichtblitze erfasst die Betrachter*innen körperlich und führt beinahe zu halluzinatorischen Effekten. Die ortsspezifische Installation «Be Your Mirror» besteht aus einer Aluminiumwand, die zum Teil zu einer spiegelnden Oberfläche poliert wurde und die während der Laufzeit der Ausstellung durch Mitarbeiter*innen des Museums aktiviert wird. Die Aluminiumoberfläche wird jeden Tag poliert, um den Unterschied zwischen der klar spiegelnden und der matten Oberfläche zu erhalten. Die eine Fläche wirkt wie ein gleißender Spiegel, während die andere die Betrachter*innen mit einer geisterhaft verschwommenen Fläche konfrontiert. «Be Your Mirror» stellt auf metaphorischer Ebene die Idee des Reinigens in psychologischen und gesellschaftlichen Kontexten zur Diskussion.

Die ausgestellten Werke unterscheiden sich stark in ihrer Größe, kleinere skulpturale Interventionen verschmelzen fast mit dem Innern des Museums. Die Ausstellungsräume erfahren durch die Künstlerin eine Domestizierung und die klare, makellose Anmutung des Museums wird ästhetisch dekonstruiert durch verschiedene Objekte von ungewöhnlichem, nahezu abjekthaftem Dekor.

Auf diese Weise befragt «LOVER’S MATERIAL» die Räume des Komforts und der Isolation, an die wir uns in diesem Jahr gewöhnt haben. Die Aussagen, die die Künstlerin durch ihre Installationen eloquent kommuniziert, unterminieren die gegenwärtige gesellschaftliche Benommenheit gegenüber drängenden und oft schockierenden, globalen Ereignissen.

Monica Bonvicini (*1965, lebt in Berlin) wurde international mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Unter anderem gewann sie den Goldenen Löwen der Venedig Biennale (1999), den Preis der Nationalgalerie, Berlin (2005) und in jüngster Zeit den Oskar-Kokoschka-Preis (2020). Ihre Werke wurden vielfach auf der Venedig- und Berlin-Biennale gezeigt und werden in diesem Herbst auf der Quadriennale in Rom, der Busan Biennale und im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen sein. Neben ihren zahlreichen nationalen und internationalen Gruppenausstellungsbeteiligungen zeigte sie jüngst umfassend Werke im BALTIC Centre for Contemporary Art (2016), auf der 15ten Istanbul Biennale (2017), im Belvedere 21, Wien, und im OGR (Officine Grandi Riparazioni), Turin (2019). Eine Einzelausstellung im Kunst Museum Winterthur wird im Januar 2021 eröffnen.

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Jeremy Deller
WIR HABEN DIE SCHNAUZE VOLL

Jeremy Dellers Arbeit WIR HABEN DIE SCHNAUZE VOLL ist ein bild- und tonmächtiges Musikvideo zur 7. Symphonie Ludwig van Beethovens. Die filmische Arbeit hat der britische Konzeptkünstler in Kooperation mit dem Beethoven Orchester Bonn und Bonner Schulkindern entwickelt. Das Werk entstand im Rahmen des Beethoven-Jubiläumsjahres und wurde Anfang 2020 im Bonner Kunstverein ausgestellt. Wie in vielen anderen Werken Dellers fördert die Arbeit die Kraft zutage, die in der Erfahrung von Gemeinschaft liegen kann und berührt zugleich zentrale politische Fragen unserer Zeit. Die mit der Symphonie verwobenen Themen wie Freiheit, Natur oder Demokratie führen in der Interaktion zwischen dem Orchester und den Kindern zum energischen Protest. Dieser findet Ausdruck in der Teilnahme an einer Fridays for Future-Demonstration. Titelgebend ist ein Protestschild aus dem Demonstrationszug, das auch in Form einer Flagge im Raum präsentiert wird.

Jeremy Deller, Ausstellungsansicht “Wir haben die Schnauze voll”, 2020. Foto: Philipp Ottendörfer

Jeremy Deller, Ausstellungsansicht “Wir haben die Schnauze voll”, 2020. Foto: Philipp Ottendörfer

Für die Ausstellung in der Kunsthalle hat Deller eine zweite, über die Länge von 10 Metern laufende Flagge entworfen. Zu sehen ist in piktogrammartigen Formen und bunten Farben das Bild einer heilen Welt, in der Sonne, Bäume und lustig tanzende Äpfel zu Musiknoten überleiten. Mit dieser feierlich anmutenden Heraldik steht Deller für die dringlichen Fragen der Gegenwart ein. In seinem Werk nutzt Deller wiederholt Flaggen, Banner oder Poster, wie sie bei Prozessionen, im Sport oder in der Politik gebraucht werden. Er verbindet seine künstlerische Autorenschaft mit dem Anspruch, Partizipation als politische Kraft wirksam zu machen. Bekannt wurde er mit der Arbeit «Battle of Orgreave» (2001), einem Reenactment eines in die britische Geschichte eingegangenen Streiks irischer Minenarbeiter, welcher 1984 mit außergewöhnlicher Brutalität seitens der Thatcher-Regierung niedergeschlagen wurde und eine Zäsur im Umgang mit Demonstrationen darstellte.

Jeremy Deller (*1966, lebt in London) gilt als einer der wichtigsten britischen Künstler. Er wurde 2004 mit dem Turner Prize ausgezeichnet und vertrat Großbritannien bei der 55. Biennale von Venedig (2013). Vertreten war er mit Einzelausstellungen u. a. im Museum of Contemporary Art, Cleveland (2017); Brooklyn Museum, New York (2016); oder in der Hayward Gallery, London; Wiels, Brussels; ICA, Philadelphia; Contemporary Art Museum, St. Louis (2012); Hammer Museum, Los Angeles (2009) und ebenso in Großausstellungen wie Skulptur Projekte Münster (2017 und 2007); Biennale von São Paulo (2016 und 2010) oder Gwangju Biennale (2014).

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Auguste Rodin | Jeff Wall
DIE DENKER
miteinander gegenüber #1

Die Reihe «miteinander gegenüber» stellt Kunstwerke verschiedener Epochen, Formate, Stile und Inhalte unter einer thematischen Fragestellung einander gegenüber. Im Dezember geht «Der Denker» von Auguste Rodin, der den Eingang der Kunsthalle Bielefeld seit ihrer Eröffnung 1968 flankiert, als Leihgabe auf Reisen (Fondation Beyeler, Basel / Arp Museum, Rolandseck). Aus diesem Anlass präsentiert die Kunsthalle die Werke «The Thinker» (1986) und «The Giant» (1992) des international renommierten kanadischen Künstlers Jeff Wall im Eingang des Hauses.

Seit den späten 1970er Jahren überführt Wall die Fotografie mittels Leuchtkästen in an die Malerei erinnernde großformatige Tableaus. Seine Bildfindungen sind aufwendig inszeniert und suggerieren eine erzählerische Handlung, die mit der vom Medium Fotografie erwarteten Vorstellung einer Momentaufnahme im Widerspruch steht. Oft setzt sich Wall mit Werken aus der Geschichte der Kunst auseinander. Bei seinen Rückgriffen geht es nicht um reine Bildzitate, sondern darum, Vergangenem eine aktualisierte Gestalt zu verleihen.

Jeff Wall, The Thinker, 1986. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht. Foto: Philipp Ottendörfer

Jeff Wall, The Thinker, 1986. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht. Foto: Philipp Ottendörfer

«The Thinker» (1986) geht auf einen Stich Albrecht Dürers und die Skulptur «Le Penseur/Der Denker» von Auguste Rodin zurück. Während das eigentümliche Schwert im Rücken der Figur Dürers Motiv der im Bauernaufstand von 1527/28 vernichtend geschlagenen Bauern aufgreift, erinnert die Körperhaltung an Rodins «Denker». Ursprünglich als Teilfigur an oberster Stelle des Giebelfeldes über dem «Höllentor» angelegt, verkörpert der «Denker», nach Dantes «Inferno» entworfen, den Dichter selbst. Durch das Verknüpfen beider Bezugswerke verleiht Wall seinem «The Thinker» eine Doppeldeutigkeit. Zwar ist die Figur des Arbeiters wie Dürers Bauern von einem Schwert rücklings getroffen, dennoch erscheint sie im Denken versunken, darüber erhaben.

In der kleinformatigen Arbeit «The Giant» (1992) ist ebenfalls der Akt des Denkens und der Wissensaneignung thematisiert. Die überlebensgroße, ältere Frau in einer Bibliothek erscheint wie eine zeitgenössische Allegorie des Wissens. Die Tatsache, dass es sich um eine ältere Frau handelt, widerspricht dabei gängigen Darstellungen, die bevorzugt jugendliche Anmut ins Bild setzen. Sowohl bei «The Thinker» wie auch bei «The Giant» nutzt Wall das Mittel der Groteske, um aus gegenwärtigen Ansichten der Welt Bildfindungen zu konstruieren.

Das Werk von Jeff Wall (*1946, lebt in Vancouver / Los Angeles) ist in zahlreichen Einzelausstellungen zu sehen gewesen, zuletzt u.a. im Museum of Modern Art in New York, im Art Institute in Chicago, im Tate Modern in London und im Deutschen Guggenheim in Berlin. Seine Arbeiten waren auf der Documenta 7 (1982), 8 (1987), X (1997) und 11 (2002) zu sehen. 2006 erhielt er den Hasselblad Foundation International Award in Photography und 2008 den Audain-Preis für sein Lebenswerk.

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RAUM ZEIT ARCHITEKTUR GENDER
Blick in die Sammlung #1

László Moholy-Nagy Komposition K XVII, 1923 Kunsthalle Bielefeld Foto: Axel Struwe

László Moholy-Nagy Komposition K XVII, 1923 Kunsthalle Bielefeld, Foto: Axel Struwe

«Raum, Zeit, Architektur» ist der Titel der 1941 publizierten Schrift des Architekturhistorikers Sigfried Giedion. Darin betont er das Zusammenspiel der Aspekte Raum und Zeit als Grundlage der Moderne in Kunst und Architektur. Diese Begriffe spielen auch im Werk Monica Bonvicinis eine wesentliche Rolle. Bonvicini allerdings greift auch die Frage nach Gender auf, welche in der Moderne weitgehend unreflektiert blieb. Der Blick in die Sammlung orientiert sich an diesen vier Eckpunkten. In fünf ineinander übergehenden Gruppierungen (konkreter Raum, geistiger Raum, Gender, aufgebrochener Bildraum, Zeit) eröffnen sich neue thematische Beziehungen zwischen Werken aus unterschiedlichen Zeiten.

Zu sehen sind Arbeiten von Josef Albers, Monica Bonvicini, Agnes Martin, Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy, Katharina Bosse, Yoko Ono, Matthias Müller und Christoph Girardet, Lucio Fontana, Konrad Lueg, Günther Uecker, Paula Modersohn-Becker, Oskar Schlemmer, William Burroughs, Kurt Kranz, Charlotte Poseneske, Man Ray, Hiroshi Sugimoto u. a.

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