Pläne der NRW-Landesregierung sollen Flächen des Staatswaldes dauerhaft aus der forstlichen Nutzung nehmen
Kreis Höxter. Die Naturschutzverbände im Kreis Höxter begrüßen die geplanten Wildnisgebiete in der Egge. Die nordrhein-westfälische Landesregierung aus CDU und Grünen plant, landesweit 5.000 Hektar Wald im landeseigenen Besitz aus der forstlichen Nutzung zu nehmen und einer natürlichen Entwicklung zu überlassen.
In der Egge bestehen bereits einzelne Wildnisgebiete. Nach Angaben der Naturschutzverbände erreichen diese jedoch überwiegend nicht die für ein zusammenhängendes Wildnisgebiet angestrebte Fläche von 1.000 Hektar. Deshalb unterstützen die Verbände das Vorhaben, weitere Teile des Staatswaldes in der Egge aus der Nutzung zu nehmen.
Die geplanten Flächen hätten zusammengenommen nicht die Dimension eines Nationalparks. Nach Angaben der Verbände sollte ein Nationalpark in Deutschland gemäß den Empfehlungen des Bundesamtes für Naturschutz eine Mindestgröße von 10.000 Hektar besitzen.
Die Wildnis-Entwicklungsgebiete seien dennoch ein wichtiger Schritt für den Schutz der Natur, die Artenvielfalt, das Klima und einen langfristig tragfähigen Umgang mit den Wäldern. Vom Ziel der Nationalen Biodiversitätsstrategie, zwei Prozent der Landesfläche einer natürlichen Entwicklung zu überlassen, sei Nordrhein-Westfalen noch weit entfernt. Bislang seien etwas mehr als 0,2 Prozent der Landesfläche entsprechend ausgewiesen.
Großer Teil des Staatswaldes bleibt bewirtschaftet
Die Naturschutzverbände betonen, dass durch die vorgesehenen Wildnisgebiete nicht der gesamte Eggewald stillgelegt werde. Der weitaus größte Teil des Staatswaldes solle weiterhin forstwirtschaftlich genutzt werden. Auf den ausgewählten Flächen werde lediglich der Holzeinschlag eingestellt, damit sich der Wald ohne wirtschaftliche Nutzung entwickeln könne.
„Dort bekommt die Natur Zeit und Raum – viel Zeit zum Leben. Bäume dürfen wachsen, älter werden, absterben und schließlich verrotten. Genau dieser natürliche Kreislauf schafft Strukturen, die in intensiv genutzten Wäldern selten geworden sind: Totholz, Baumhöhlen, alte Habitatbäume und natürliche Lichtungen auf großen Flächen“, erklärt Ralf Liebelt vom NEW.
Die Egge sei nicht nur Wirtschaftswald, sondern auch Lebensraum und Rückzugsgebiet für zahlreiche Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Darüber hinaus erfülle sie wichtige Funktionen als Wasserspeicher und für den Klimaschutz.
Irene Büttner von der Kreisgruppe des BUND bezeichnet die geplante Umsetzung eines Teils des Wildnisprogramms im Staatswald in Ostwestfalen-Lippe als einen Schritt in die richtige Richtung. Die Hitze- und Dürreperioden des Sommers 2026 hätten erneut gezeigt, welche Herausforderungen der Klimawandel für die Wälder mit sich bringe.
Größere zusammenhängende Waldflächen, die sich natürlich entwickeln können, könnten nach Einschätzung der Naturschutzverbände das Wasserhaltevermögen verbessern, die Regeneration des Grundwassers unterstützen und eine standorttypische biologische Vielfalt fördern. Zudem könnten sich dort Baumarten und Waldgesellschaften entwickeln, die besser mit Hitze, Trockenheit und veränderten Umweltbedingungen zurechtkommen.
Naturschutzgebiet Egge-Nord umfasst 2.600 Hektar
Das Naturschutzgebiet Egge-Nord erstreckt sich über rund 2.600 Hektar. Es umfasst unter anderem alte Buchenwälder, Höhlen, Schluchten und Felsformationen. Diese Lebensräume besitzen nach Auffassung der Verbände in einer zunehmend intensiv genutzten Landschaft eine besondere Bedeutung.
Bereits vor mehr als zehn Jahren wies das Land Nordrhein-Westfalen westlich von Altenbeken mit dem „Naturerbe Buchenwald“ ein erstes Wildnis-Entwicklungsgebiet aus. Die Flächen gehören zum Naturschutzgebiet Egge-Nord. Auch empfindliche Arten wie der Schwarzstorch kommen dort vor.
Die vorgesehenen Wildnisgebiete sollen für Besucher auf den bestehenden Waldwegen zugänglich bleiben. Wandern, Naturbeobachtung und Umweltbildung seien weiterhin möglich. Die Natur werde nicht abgesperrt, sondern erhalte auf ausgewählten Flächen mehr Raum für eine eigenständige Entwicklung.
„Manchmal ist es das Wertvollste, was wir tun können, einfach einmal nichts zu tun. Lasst die Bäume auf der Egge wachsen. Lasst sie alt werden. Lasst sie wild werden. Für die Artenvielfalt, für das Klima, für unser Wasser und für die Menschen, die auch morgen noch eine lebendige Egge erleben wollen“, erklären die Naturschutzverbände des Kreises Höxter.
Verbände fordern Unterstützung der Kommunen
Kritisch bewerten die Naturschutzverbände das aus ihrer Sicht bislang kaum erkennbare kommunale Engagement für zusätzlichen Naturschutz im Wald. Seit längerer Zeit werde über ein Konzept mit der Bezeichnung „Naturpark plus“ gesprochen. Konkrete Inhalte und sichtbare Ergebnisse seien jedoch bisher kaum erkennbar.
„Die Kreise und Kommunen sollten die Wildnispläne des Landes unterstützen. Was könnte besser zu einem Naturpark plus passen als mehr Raum für Natur?“, erklärt Karsten Otte von der Bezirkskonferenz Naturschutz OWL.
Die Diskussion über die Zukunft der Egge dürfe sich nach Auffassung der Verbände nicht allein auf die wirtschaftliche Nutzung und die mögliche Holzmenge pro Hektar beschränken. Die Egge sei zugleich Lebensraum, Wasserspeicher, Klimaschützer, Erholungsraum und Heimat.
Rudolf Ostermann, Vorsitzender des NABU, weist auf die Bedeutung alter Bäume als Lebensraum hin: „Wenn ein Baum gefällt wird, bevor er sein natürliches Alter erreicht hat, endet sein Leben als Lebensraum oft genau dann, wenn er ökologisch besonders wertvoll wird. Haben wir endlich den Mut, kleinste, von uns intensiv genutzte Flächenteile der Natur zurückzugeben.“
Das Land Nordrhein-Westfalen könne als Eigentümerin des Staatswaldes entscheiden, welche Flächen weiterhin wirtschaftlich genutzt und welche einer natürlichen Entwicklung überlassen werden. Die Naturschutzverbände sprechen sich dafür aus, diese Möglichkeit in der Egge stärker zu nutzen.






