Ostwestfälische Wirtschaft bleibt in Wartestellung

IHK-Konjunkturumfrage zeigt schwache Nachfrage, hohe Kosten und zurückhaltende Investitions- und Beschäftigungserwartungen

Ostwestfalen. Die Wirtschaft in Ostwestfalen kommt weiterhin nur langsam in Schwung. Das geht aus der am 5. Oktober vorgestellten Herbst-Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen (IHK) hervor. Zwar haben sich Wirtschaftsleistung und Konjunkturaussichten bundesweit zuletzt verbessert, von einer nachhaltigen Trendwende in der Region kann laut IHK jedoch noch keine Rede sein.

Foto: Tilo Sommer/IHK Ostwestfalen.

Stellen die Ergebnisse der IHK-Herbstkonjunkturumfrage vor (von links): Handelsausschussvorsitzender Rainer Döring, IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker, Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke und Götz Dörmann, Geschäftsführer International, Handel, Verkehr. Foto: Tilo Sommer/IHK Ostwestfalen.

Der IHK-Konjunkturklimaindex ist gegenüber dem Frühjahr von 97 auf 95 Punkte gesunken und liegt damit weiter unter der neutralen Marke von 100 Punkten. Auch die Industrieumsätze liegen noch leicht unter dem Vorjahreswert – und damit das dritte Jahr in Folge im Minus.

„Die wirtschaftliche Lage hat sich zuletzt etwas stabilisiert, ein echter Aufbruch ist aber noch nicht erkennbar. Viele Unternehmen warten auf Reformen und bessere Rahmenbedingungen“, erklärt IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker.

An der Umfrage beteiligten sich von Mitte August bis Mitte September 1.547 Unternehmen mit zusammen rund 107.000 Beschäftigten. Branchenübergreifend bewerten derzeit 23 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, 26 Prozent als schlecht und die Hälfte als befriedigend. Auch die Erwartungen bleiben zurückhaltend: 18 Prozent der Betriebe rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit einer Verbesserung ihrer Geschäftslage, 24 Prozent erwarten eine Verschlechterung. Die Mehrheit rechnet mit keiner Veränderung.

Die Entwicklung fällt in den einzelnen Wirtschaftsbereichen unterschiedlich aus. Insbesondere Industrie und Handel leiden unter schwacher Nachfrage sowie hohen Energie- und Arbeitskosten. Der Dienstleistungsbereich zeigt sich stabiler.

Industrie bleibt unter Druck

In der Industrie hat sich die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage zwar etwas verbessert. Jeder fünfte Betrieb bewertet sie inzwischen als gut, im Frühjahr waren es 16 Prozent. Rund 30 Prozent stufen ihre Lage allerdings weiterhin als schlecht ein.

Auch die realen Umsätze spiegeln die schwierige Situation wider. Seit 2023 sind die Industrieumsätze in Ostwestfalen stetig zurückgegangen und liegen aktuell rund 14 Prozent unter dem Niveau von 2023. Von Januar bis Ende Juli dieses Jahres erzielten die ostwestfälischen Unternehmen mit mindestens 50 Beschäftigten Umsätze von 26,1 Milliarden Euro. Das waren 1,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Umsätze im Ausland entwickelten sich mit einem Plus von 0,2 Prozent auf 10,8 Milliarden Euro besser als im Inland. Im Juni und Juli lagen die Gesamterlöse immerhin über den jeweiligen Vorjahreswerten.

Eine durchgreifende Erholung ist nach Einschätzung der IHK weiterhin nicht in Sicht. Nur 19 Prozent der Unternehmen erwarten für die kommenden zwölf Monate eine Verbesserung der Geschäftslage, 23 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Gleichzeitig bleibt die Produktionsauslastung niedrig. Unverändert melden lediglich 18 Prozent der Industriebetriebe eine Auslastung von mehr als 95 Prozent. Der Anteil der Unternehmen mit einer Auslastung von weniger als 80 Prozent stieg seit dem Frühjahr von 34 auf 39 Prozent. Die Investitionstätigkeit bleibt zurückhaltend.

Seit 2023 ist die Zahl der Beschäftigten in der ostwestfälischen Industrie um mehr als 9.400 auf rund 163.000 zurückgegangen. Für die kommenden Monate rechnet fast jedes dritte Unternehmen mit einem Personalabbau, während lediglich 15 Prozent einen Beschäftigungsaufbau planen.

Handel mit schwacher Nachfrage

Auch im Handel überwiegt die Tendenz zur Personalreduzierung. Die Situation bleibt angespannt: Nur 19 Prozent der Groß- und Einzelhändler bewerten die aktuelle Lage als gut, jeder dritte als schlecht. 39 Prozent der Betriebe berichten von rückläufigen Umsätzen, nur ein Viertel von gestiegenen Umsätzen.

Die Ertragslage hat sich bei fast jedem zweiten Handelsbetrieb verschlechtert, lediglich 15 Prozent melden eine Verbesserung. „Hohe Kosten treffen auf eine schwache Nachfrage und Konsumzurückhaltung. Die Möglichkeiten, Preissteigerungen vollständig weiterzugeben, sind damit begrenzt“, sagt Rainer Döring, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses.

Dienstleistungen stabiler

Der Dienstleistungssektor zeigt insgesamt eine gewisse Stabilität, hat aber an Dynamik verloren. Jedes vierte Unternehmen bewertet die aktuelle Geschäftslage als gut, 21 Prozent als schlecht und jedes zweite als befriedigend. Umsätze und Erträge geraten auch hier unter Druck, die Erwartungen haben sich eingetrübt. Positiv stechen laut IHK die IT-Dienstleister im Umfeld von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz hervor.

Einstellungen im Dienstleistungsbereich sowie in der öffentlichen Verwaltung haben dazu beigetragen, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Ostwestfalen Ende 2025 mit 767.358 auf Rekordniveau lag. „Zur Einordnung gehört dabei auch: Die Teilzeitbeschäftigung ist in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen und hat die Entwicklung maßgeblich mitgeprägt“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke.

Unternehmen fordern Reformen

Als größte Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung nennen die Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen nahezu übereinstimmend eine schwache Inlandsnachfrage, hohe Arbeitskosten, gestiegene Energiepreise sowie belastende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen.

„Genau an diesen Punkten muss die Politik jetzt ansetzen. Die Unternehmen brauchen jetzt keine weiteren Ankündigungen, sondern konkrete Entscheidungen und wirtschaftspolitische Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit“, betont Wahl-Schwentker. Dazu gehörten auch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie ein konsequenter Abbau bürokratischer Belastungen.

Zur Verbesserung der Rahmenbedingungen könnten nach Ansicht der IHK auch zwei im Koalitionsvertrag vereinbarte und bislang nicht umgesetzte Vorhaben beitragen: die Reduzierung der Stromsteuer und die Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. In der Umfrage nennen die Unternehmen zudem eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge und Flexibilisierungen beim Kündigungsschutz als mögliche Maßnahmen.

„Reformen müssen jetzt zügig beschlossen und umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass sie in den Unternehmen schnell spürbar ankommen“, fordert der IHK-Präsident.