Maike Lammert untersucht in ihrer Promotion, wie Frauen nach sehr frühen Geburten besser unterstützt werden können
Bielefeld. Mütter von Frühgeborenen sind nach sehr frühen Geburten oft erheblichen körperlichen, emotionalen und psychosozialen Belastungen ausgesetzt. Wie Hebammen sie in dieser Situation besser unterstützen können, untersucht Maike Lammert, erfahrene Hebamme und Lehrkraft für besondere Aufgaben am Fachbereich Gesundheit der Hochschule Bielefeld (HSBI), in ihrer Promotion. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Das Potenzial einer umfassenden Hebammenbetreuung für Mütter frühgeborener Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm“.
Weltweit werden rund zehn Prozent der Kinder zu früh geboren, in Deutschland sind es jährlich etwa acht Prozent. Als frühgeboren gilt ein Kind, wenn es vor Beendigung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Besonders hohe gesundheitliche Risiken bestehen bei extrem Frühgeborenen, die vor der 29. Schwangerschaftswoche geboren werden. Sehr kleine Frühgeborene sind aufgrund ihrer unreifen Organe unter anderem häufiger von Erkrankungen der Lunge, des Herzens und des Darms sowie von Hirnblutungen betroffen. Auch langfristig können erhöhte Krankheits- und Behinderungsrisiken bestehen.
Mütter geraten bei der Versorgung leicht aus dem Blick
Während sich nach einer sehr frühen Geburt verständlicherweise vieles auf den gesundheitlichen Zustand und die intensivmedizinische Versorgung des Kindes konzentriert, kann die Situation der Mutter nach Einschätzung Lammerts leicht in den Hintergrund geraten. Genau hier setzt ihre Forschungsarbeit an. Sie untersucht Erfahrungen und Erlebnisse der Frauen sowie Potenziale der Hebammenbetreuung vor, während und nach einer Frühgeburt.
Für ihre Promotion bewarb sich Lammert beim Programm Career@BI, mit dem sich Fachleute für eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften qualifizieren können. Betreut wird die Arbeit von Prof. Dr. Annette Bernloehr, Leiterin des Studiengangs Angewandte Hebammenwissenschaft an der HSBI, und Universitätsprofessorin Dr. Nicola H. Bauer von der Universität zu Köln.
Lammert konzentriert sich auf Fälle, in denen ein Neugeborenes weniger als 1.500 Gramm wiegt. Nach den jüngsten Erhebungen betrifft dies in Deutschland 1,39 Prozent der Neugeborenen. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Annahme, dass Mütter von Frühgeborenen eine andere Unterstützung benötigen als Frauen nach der Geburt eines reif geborenen Kindes. Mögliche Ansatzpunkte sieht die Forscherin unter anderem in einer intensiveren offenen Kommunikation, einer stärkeren Einbeziehung der Familie und einer kontinuierlichen Unterstützung bei der oft herausfordernden Muttermilchgewinnung. Hebammen könnten zudem als erste Ansprechpartnerinnen und bei Bedarf als Lotsinnen zu weiteren Hilfsangeboten fungieren.
Bis zu 30 teilstrukturierte Interviews geplant
Grundlage der qualitativen Untersuchung sind bis zu 30 teilstrukturierte Interviews mit Müttern, die zur Zielgruppe gehören. Erste Gespräche hätten die Relevanz des Themas für Lammert noch deutlicher gemacht. Dabei berichteten Gesprächspartnerinnen sowohl von emotionalen Belastungen, die teilweise auch Jahre nach der Geburt noch nachwirkten, als auch von positiven Erfahrungen mit der Betreuung.
Die Studienteilnehmerinnen sollen dabei nicht nur befragt, sondern auch in die Interpretation der Ergebnisse einbezogen werden. Lammert betrachtet die Mütter als Expertinnen ihrer eigenen Erfahrungen und möchte gemeinsam mit ihnen mögliche Verbesserungen erarbeiten. Die Ergebnisse der qualitativen Studie sollen später zusätzlich per Fragebogen von den Teilnehmerinnen beurteilt werden.
Kontakt zu interessierten Müttern stellte die Doktorandin unter anderem über Flyer, einen Studienaufruf auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft sowie einen vom Bundesverband „Das frühgeborene Kind e.V.“ verbreiteten Instagram-Aufruf her. Nach Angaben der HSBI haben bereits mehr Mütter Interesse an einer Teilnahme gezeigt als die bis zu 30 vorgesehenen Teilnehmerinnen. Lammert würde sich dennoch über weitere Interessierte aus Ostwestfalen freuen. Informationen zur Studie gibt es unter www.frühchen-studie.de.
Forschungsergebnisse sollen in die Praxis einfließen
Wenn die Arbeit planmäßig verläuft, will Lammert ihre Forschungsergebnisse in etwa zwei Jahren präsentieren. Ziel ist es, daraus Empfehlungen für die Hebammenbetreuung abzuleiten. Über eine Aufnahme des Themas in das Curriculum des Hebammenstudiums sollen die Erkenntnisse anschließend auch in die Praxis übertragen und die Unterstützung von Frühchen-Müttern langfristig verbessert werden.







