Neues Wahlmodul bereitet angehende Pflegefachkräfte auf Krisensituationen vor und vermittelt Einblicke in Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz.
Bielefeld. Wie können Pflegefachkräfte bei Naturkatastrophen, Pandemien, großflächigen Stromausfällen oder anderen Krisenlagen handlungsfähig bleiben? Mit dieser Frage beschäftigen sich Pflegestudierende der Hochschule Bielefeld (HSBI) in einem neuen Wahlmodul. Professorin Dr. Christina Anna Hajek möchte damit das Thema „Disaster Nursing“, also die professionelle Pflege in Krisen- und Katastrophensituationen, stärker im Studium verankern. Neben theoretischen Grundlagen stand eine Exkursion zur Feuerwehr Bielefeld auf dem Programm.

Ziel des Wahlmoduls, in dessen Rahmen die Exkursion stattfand, war es das Thema „Disaster Nursing“ („Katastrophenpflege“) stärker im Pflegestudium zu verankern. Foto: P. Pollmeier/HSBI
Die Flutkatastrophe im Ahrtal und die Covid-19-Pandemie haben gezeigt, welche Herausforderungen außergewöhnliche Krisenlagen für das Gesundheitswesen mit sich bringen können. Auch lang anhaltende Stromausfälle, Hitzewellen, Anschläge oder Unfälle mit zahlreichen Verletzten stellen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen vor besondere Aufgaben.
Für Pflegefachkräfte bedeutet dies, dass sie auch dann eine Versorgung sicherstellen müssen, wenn gewohnte Abläufe und Strukturen nicht mehr zuverlässig funktionieren. Genau hier setzt das neue Lehrangebot der HSBI an.
Disaster Nursing als Bestandteil des Pflegestudiums
Das von Prof. Dr. Christina Anna Hajek entwickelte Wahlmodul trägt den Titel „Aktuelle und internationale Entwicklungen im Gesundheitswesen: Globale Gesundheitsdynamiken in Krisen und Katastrophen – professionelles Handeln im internationalen Vergleich“.
Hajek verwendet bewusst den international etablierten Begriff „Disaster Nursing“. Die deutsche Übersetzung „Katastrophenpflege“ erfasse das gesamte Handlungsfeld ihrer Ansicht nach nicht ausreichend. Entscheidend sei die Frage, wie professionelle Pflege unter außergewöhnlichen Bedingungen arbeits- und handlungsfähig bleibe.
Aus ihrer früheren Tätigkeit in der Pflegedirektion weiß die Professorin, dass Pflegefachkräfte im Berufsalltag durchaus mit Krisensituationen konfrontiert werden. Eine systematische Vorbereitung darauf finde während der Ausbildung oder des Studiums jedoch häufig nicht statt.
Mit dem neuen Modul möchte Hajek diese Lücke verkleinern und Studierende frühzeitig für die besonderen Anforderungen sensibilisieren.
Einblicke in den Rettungsdienst der Feuerwehr Bielefeld
Ein wesentlicher Bestandteil des Lehrangebots war der Besuch bei der Feuerwehr Bielefeld. Dort erhielten die Studierenden Einblicke in die praktische Arbeit des Rettungsdienstes und des Katastrophenschutzes.

Dr. Carsten Obermann hob als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Bielefeld die Bedeutung von Abläufen, Datenfluss und Zuständigkeiten hervor. Foto: P. Pollmeier/HSBI
Dr. Carsten Obermann, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Bielefeld, erläuterte unter anderem die sogenannte Patienten-Anhänge-Tasche (PAT). Sie wird in Nordrhein-Westfalen beispielsweise bei einem Massenanfall von Verletzten eingesetzt, um Betroffene anhand eines Farbcodes zu kennzeichnen.
Die Farben Rot, Gelb, Grün und Blau dienen dabei der Kennzeichnung unterschiedlicher Behandlungsprioritäten. In einer solchen Ausnahmesituation müssen Rettungskräfte entscheiden, welche Menschen besonders dringend medizinische Hilfe benötigen.
„Dann geht es nicht mehr um Individualmedizin, sondern nur noch darum, so viele Menschen wie möglich zu retten“, erklärte Obermann den Studierenden.
Damit wurde deutlich, wie stark sich medizinische Entscheidungen bei einer größeren Schadenslage von den gewohnten Abläufen der individuellen Patientenversorgung unterscheiden können.
Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Pflege verbessern
Auch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen spielte während der Exkursion eine wichtige Rolle. Feuerwehr-Amtsleiter Gordon Majewski betonte das Interesse seiner Behörde an einem intensiven fachlichen Austausch.
Zwischen Rettungsdienst und Pflege gebe es zahlreiche Berührungspunkte, insbesondere bei der Einlieferung von Notfallpatientinnen und Notfallpatienten in Krankenhäuser.
Dr. Obermann unterstrich, dass ein gegenseitiges Verständnis der jeweiligen Anforderungen notwendig sei, um Arbeitsabläufe besser aufeinander abzustimmen und Übergaben möglichst reibungslos zu gestalten.
Zu den wichtigen Voraussetzungen gehören nach seinen Angaben transparente Informationen über die verfügbaren Krankenhauskapazitäten. Rettungskräfte müssen möglichst schnell erkennen können, welche Klinik geeignete Behandlungsmöglichkeiten bietet. Dadurch lassen sich unnötige Transportwege vermeiden.
Darüber hinaus seien feste Ansprechpartner, strukturierte Übergaben und funktionierende Rückmeldesysteme erforderlich. Die Krankenhäuser benötigten ihrerseits frühzeitig Informationen über die aktuelle Lage, deren mögliche Entwicklung und die voraussichtliche Zahl eintreffender Patientinnen und Patienten.
Eine besondere Bedeutung misst Obermann der Digitalisierung der Kommunikationswege bei. Als Beispiel für bestehende Schwierigkeiten verwies er auf Krankenhäuser, die während der Covid-19-Pandemie noch mit Faxgeräten arbeiteten. Solche Kommunikationswege könnten insbesondere außerhalb regulärer Arbeitszeiten zu Verzögerungen führen.
Gemeinsame Übungen für den Ernstfall
Pflegestudentin Lea Spasojević interessierte sich besonders dafür, wie die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen praktisch trainiert wird. Sie fragte nach Möglichkeiten, bei denen unterschiedliche Teams gemeinsam üben und Erfahrungen austauschen können.
Gordon Majewski berichtete daraufhin von Simulationsübungen der Feuerwehr Bielefeld. Dabei werde beispielsweise die Evakuierung einer Pflegeeinrichtung gemeinsam mit den beteiligten Einsatzkräften und Mitarbeitenden trainiert.
Wie wichtig solche Vorbereitungen sein können, verdeutlichte Hajek anhand einer eigenen beruflichen Erfahrung. Kurz nach einer umfangreichen Brandschutzübung sei in einer Einrichtung tatsächlich ein Feuer ausgebrochen. Weil die Mitarbeitenden ihre Aufgaben bereits kannten, habe die betroffene Station schnell und geordnet evakuiert werden können.
Das Beispiel zeigt einen zentralen Aspekt des Disaster Nursing: Neben der Versorgung unmittelbar verletzter Menschen geht es auch darum, die reguläre pflegerische Betreuung während außergewöhnlicher Ereignisse aufrechtzuerhalten.
Pflegefachkräfte stärker in den Katastrophenschutz einbinden
Nach Einschätzung von Prof. Hajek verfügen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zwar über Krisen- und Katastrophenpläne. Allerdings seien diese vielen Beschäftigten nicht ausreichend bekannt.

HSBI-Professorin Dr. Christina Anna Hajek weiß aus eigener Erfahrung, dass Pflegefachkräfte im Berufsalltag mit Krisen- und Katastrophenlagen in Berührung kommen. Deshalb macht sie sich für eine Verankerung im Studium stark. Foto: P. Pollmeier/HSBI
Im Ernstfall seien Einrichtungen deshalb häufig auf kurzfristige Lösungen angewiesen. Vieles funktioniere nur durch die Improvisationsfähigkeit und das besondere Engagement der Mitarbeitenden. Eine verlässliche Krisenvorsorge könne darauf jedoch nicht dauerhaft aufbauen.
Hajek fordert deshalb klar definierte Kompetenzen für die Vorbereitung, die Bewältigung akuter Ereignisse und die anschließende Nachsorge. Ebenso notwendig seien entsprechende Qualifizierungswege und eindeutig beschriebene berufliche Rollen.
Für diese Ziele engagiert sich die Professorin auch auf Bundesebene in der Fachkommission Katastrophenpflege des Deutschen Pflegerates.
Ihr Anliegen ist es, Pflegefachpersonen nicht lediglich als unterstützende Kräfte im Katastrophenfall zu betrachten, sondern ihre fachliche Expertise bereits bei der Planung von Schutzmaßnahmen, in Krisenstäben sowie bei Übungen und deren Auswertung einzubeziehen.
Pflegefachkräfte kennen nach Hajeks Einschätzung die tatsächlichen Versorgungsbedingungen besonders gut. Sie können deshalb beurteilen, welche Abläufe unter normalen Umständen funktionieren und an welchen Stellen bei außergewöhnlichen Belastungen Probleme entstehen könnten.
Mit dem neuen Wahlmodul an der Hochschule Bielefeld möchte Hajek einen Beitrag dazu leisten, diese Kompetenzen bereits während des Studiums zu vermitteln. Bei den Studierenden stößt das Thema auf Interesse. Lea Spasojević bezeichnete die Inhalte als „sehr spannend“ und verwies zugleich auf ihre aktuelle Bedeutung.





