MONOCAB: Zweite Fahrzeuggeneration auf der InnoTrans vorgestellt

HSBI entwickelt Fahrwerk und Fahrzeugrahmen weiter – Ab Frühjahr 2027 sollen neue Testfahrzeuge im Extertal erprobt werden.

Berlin/Bielefeld/Lemgo. Das Forschungsprojekt MONOCAB hat einen weiteren Entwicklungsschritt erreicht. Auf der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik InnoTrans in Berlin stellte das MONOCAB-Konsortium vom 22. bis 26. September 2026 die zweite Generation seiner Testfahrzeuge vor. Erstmals vereint ein vollständiges Testfahrzeug das vorgesehene Fahrzeugdesign mit einer weiterentwickelten technischen Plattform. Nach der Winterpause sollen die neuen Fahrzeuge ab Frühjahr 2027 im Extertal erprobt werden.

Foto: P. Wehowsky

Der Messestand mit der zweiten MONOCAB-Generation auf der InnoTrans in Berlin, der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik. Foto: P. Wehowsky

Während bei der ersten Generation technische Versuchsträger und ein separates Designmodell zum Einsatz kamen, sind nun Konstruktion, Fahrwerk, Stabilisierung, Energieversorgung, Kabine und Innenraum in einem Fahrzeug zusammengeführt. Damit richtet sich die weitere Forschung zunehmend auf das Zusammenspiel sämtlicher Komponenten und die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems.

Forschungsverbund entwickelt neue Mobilitätslösungen

Das MONOCAB-Projekt wird seit 2020 von einem Forschungsverbund entwickelt. Zu den zentralen Partnern gehören die Hochschule Bielefeld (HSBI), die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) und das Fraunhofer IOSB-INA. Die Konsortialführung liegt bei der TH OWL, während Professor Dr. Thomas Schulte die Gesamtprojektleitung verantwortet.

Die beteiligten Einrichtungen übernehmen unterschiedliche Entwicklungsaufgaben. Die TH OWL arbeitet unter anderem an der Weiterentwicklung des Stabilisierungssystems und der dafür eingesetzten Kreisel. Die HSBI konzentriert sich insbesondere auf das Fahrwerk. Weitere Forschungsarbeiten befassen sich mit der Fahrzeugkonstruktion, Energieversorgung, Kabine und Technologien für das automatisierte Fahren.

MONOCAB soll bestehende Bahnstrecken nutzbar machen

Hinter dem Forschungsprojekt steht die Frage, wie stillgelegte oder wenig genutzte Bahnstrecken insbesondere im ländlichen Raum wieder für den Personenverkehr erschlossen werden können. Kleine, automatisiert fahrende Schienenfahrzeuge sollen künftig dazu beitragen, bestehende Mobilitätsangebote zu ergänzen.

Prof. Dr. Rolf Naumann, Bahnexperte und Projektleiter an der Hochschule Bielefeld, erläutert: „Hinter MONOCAB steht eine konkrete Frage: Wie lassen sich stillgelegte oder wenig genutzte Bahnstrecken im ländlichen Raum wieder sinnvoll für Mobilität nutzen?“

Gerade in Regionen mit wenigen Busverbindungen oder fehlenden Zughalten können zuverlässige Verkehrsangebote für Wege zur Arbeit, zu Arztterminen oder für private Besuche von Bedeutung sein. MONOCAB soll deshalb untersuchen, wie vorhandene Schieneninfrastruktur mit kleinen Fahrzeugen genutzt werden kann. Auch neue Strecken und Ergänzungen bestehender Verbindungen gehören zu den langfristigen Überlegungen.

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Bahnexperte Prof. Dr. Rolf Naumann im Gespräch mit Messebesuchern. Foto: P. Wehowsky

Mit der zweiten Fahrzeuggeneration entsteht eine technische Grundlage, um Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Alltagstauglichkeit des Konzepts unter realen Bedingungen zu untersuchen.

Hochschule Bielefeld entwickelt Fahrwerk und Fahrzeugrahmen

Eine wesentliche Rolle übernimmt das Institut für Systemdynamik und Mechatronik (ISyM) der HSBI. Dort wurde bereits für die erste MONOCAB-Generation ein eigenes Fahrwerk mit besonderem Radprofil entwickelt. Für den neuen Prototyp wurde die Konstruktion umfassend überarbeitet.

Darüber hinaus hat die Hochschule Bielefeld den Fahrzeugrahmen und die Kabine neu aufgebaut. Auch die Entwicklung einer Vorrichtung für den Spurwechsel gehört zu ihren Aufgaben. Dabei wird untersucht, wie sich das MONOCAB von einer Schiene auf die andere umsetzen lässt.

Für diese Arbeiten nutzt das ISyM seine Kompetenzen in der Schienenfahrzeugtechnik sowie im modellbasierten Entwurf und in der Simulation. Die Hochschule unterstützt außerdem die Integration der einzelnen Komponenten in das Gesamtfahrzeug und die anschließende Erprobung.

Projektleiter Naumann zeigt sich mit dem Entwicklungsstand zufrieden: „Bei dem zweiten Prototyp ist uns wirklich ein tolles ‚Ingenieurkunstwerk‘ gelungen, auf das wir sehr stolz sind!“

Zwei Forschungsvorhaben treiben die Entwicklung voran

Die aktuellen Arbeiten verteilen sich auf zwei geförderte Vorhaben. Im Projekt MONOCAB ready, das vom Bundesministerium für Verkehr gefördert wird, entstehen neue Versuchsfahrzeuge der zweiten Generation.

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Der Messestand mit der zweiten MONOCAB-Generation auf der InnoTrans in Berlin, der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik. Foto: P. Wehowsky

Dabei werden Basiskonstruktion, Energieversorgung und Kabine insbesondere im Hinblick auf Sicherheit und Wirtschaftlichkeit überarbeitet. Hinzu kommen ein verbessertes Stabilisierungssystem, das weiterentwickelte Fahrwerk, Technologien für das automatisierte Fahren und eine Spurwechselvorrichtung. Mit dieser sollen zusätzliche Betriebsmöglichkeiten auf vorhandener Schieneninfrastruktur untersucht werden.

Das zweite Vorhaben trägt den Namen MONOCAB Schlüsseltechnologien. Es wird vom Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert und von der Europäischen Union kofinanziert. Im Mittelpunkt stehen weitere Technologien, die für den Betrieb des Gesamtsystems erforderlich sind, sowie deren praktische Erprobung.

Die Fahrzeuge der ersten Generation bleiben weiterhin Bestandteil der Forschung. Sie werden unter anderem für Untersuchungen zum automatisierten Fahren, zu einzelnen technischen Komponenten und zum Betrieb mehrerer Fahrzeuge eingesetzt. Die zweite Generation soll dagegen zunehmend das Zusammenwirken des weiterentwickelten Gesamtsystems nachweisen.

Erprobung im Extertal ab Frühjahr 2027 geplant

Nach der Winterpause sollen die neuen MONOCAB-Testfahrzeuge ab Frühjahr 2027 im Extertal zum Einsatz kommen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie zuverlässig die weiterentwickelten Komponenten unter realen Bedingungen zusammenarbeiten und welche technischen Schritte bis zu einem späteren regulären Betrieb noch erforderlich sind.

Parallel entwickelt das Forschungskonsortium zusätzliche Systemkomponenten. Dazu gehören Vorrichtungen zum Umsetzen der Fahrzeuge sowie technische Lösungen für Weichen und Bahnübergänge. Diese sollen im Jahr 2027 weiterentwickelt und auf geeigneten Teststrecken untersucht werden.

Testflotte und Unternehmensgründung als nächste Ziele

Mit dem technischen Fortschritt rückt auch die mögliche wirtschaftliche Nutzung der Forschungsergebnisse stärker in den Mittelpunkt. Geplant ist die Gründung eines Start-ups, das die Entwicklung weiterführt und erste praktische Anwendungen vorbereitet. Dafür sucht das Konsortium nach Partnern und Investoren.

Eine wichtige Voraussetzung ist nach Einschätzung von Gesamtprojektleiter Professor Dr. Thomas Schulte der Aufbau einer Testflotte. „Technisch steht zunächst der Aufbau einer Testflotte an. Nur mit mehreren Fahrzeugen lassen sich das Zusammenspiel im Betrieb, automatisierte Fahrfunktionen und unterschiedliche Betriebssituationen unter realen Bedingungen erproben und die nächsten Reifegrade erreichen.“

Das Interesse an dem Mobilitätskonzept reicht inzwischen über Ostwestfalen-Lippe hinaus. Nach Angaben des Forschungskonsortiums liegen Anfragen und Angebote für mögliche Teststrecken aus verschiedenen Regionen Deutschlands, aus Europa und aus weiteren Ländern vor. Auch Kommunen und Gebietskörperschaften beschäftigen sich mit möglichen Einsatzmöglichkeiten.

Ob und unter welchen Voraussetzungen MONOCAB künftig im regulären Personenverkehr eingesetzt werden kann, sollen die weiteren technischen Untersuchungen und die geplante Erprobung mit mehreren Fahrzeugen zeigen.