Abenteuer Bücherbus

Paderborner BuecherbusPaderborn (krpb). Schon als Grundschülerin begeisterte sich Esther Ahmann für Bücher. Keine Frage, dass die Bentfelderin deshalb regelmäßig auf den Bücherbus des Kreises Paderborn wartete. Bücher begleiteten die 20-Jährige auch durch das vergangene Jahr. Doch nicht in der Heimat, sondern rund 20 Flugstunden und über 9.000 km entfernt: Für ein Jahr lebte und arbeitete Esther in Nicaragua. Für ihr soziales Jahr ausgesucht hatte sich die künftige Wirtschaftspsychologie-Studentin ein Bücherbus-Projekt in Zentralamerika. Wie die Menschen dort arbeiten und leben, erzählte sie nach ihrer Rückkehr den Mitarbeitern des Kreiskulturamtes in Büren.

Auf die Frage des stellvertretenden Kulturamtsleiters, Heinz-Josef Struckmeier, wie sie auf diese Idee gekommen sei, sprudelt es aus Esther nur so heraus. „Was mach ́ ich nach der Schule?“, fragte sich die damalige Abiturientin und nahm dabei immer wieder ein Jahr im Ausland mit in die engere Wahl. Bei stundenlangen Recherchen im Internet stieß sie schließlich auf den „Bibliobús“ in Nicaraguas Hauptstadt Managua. „Hey, den Bücherbus kenn ich. Aus meiner eigenen Schulzeit“, so die 20-Jährige. Noch heute leiht ihre ganze Familie regelmäßig Medien bei der Kreisfahrbücherei aus. Esthers Vater, Rainer Ahmann, engagiert sich im Förderverein des Bücherbusses.

Über die Organisation „Sozialer Friedensdienst Kassel e.V.“ erhielt die Bentfelderin die Zusage für ihr soziales Jahr. Los ging es im August 2013. „Ich wusste außer meinem Jahresprojekt eigentlich nichts. Noch nicht mal, wo ich schlafe. Es war echt abenteuerlich“, so die Studentin.

73 Haltestellen fährt der Bücherbus des Kreises Paderborn regelmäßig an. Zwei Mitarbeiter des Kulturamtes sind an Bord, um die Leser im Kreisgebiet mit den neuesten Medien zu versorgen. Seit 43 Jahren bringen diese mit der Kreisfahrbücherei großen und kleinen Lesern sämtliche Medien direkt vor die Haustür. Der einzige nicaragische Bücherbus „Bibliobús“ hat eine ganz eigene Route: Quer durch das ganze Land steuert er sieben Schulen und vier Gefängnisse an. Das bedeutete auch für Esther, zweimal wöchentlich eine Tagesreise zu unternehmen. „Morgens um 6 Uhr geht’s los. Abends um 21 Uhr waren wir zurück“, erzählt Ahmann. „Ich konnte mein Schulspanisch, mehr nicht. Englisch können die Menschen dort eigentlich nicht“. Und auch der Bücherbus war so ganz anders, als Esther ihn kannte. Dort fährt aktuell ein robuster, buntbemalter LKW. Die Bücher werden in den Regalen eingeklemmt, damit sie auf den langen, meist ungeteerten Buckelpisten nicht auf dem Fußboden laden.

Buecherbus 1Der Bibliobús fährt ergänzend zu einer Bibliothek. Auch dort arbeitete die 20-Jährige, gab Deutschkurse für Erwachsene, übersetzte Texte oder half bei Werbeprojekten mit. Einen Verdienst erhielt sie nicht. So mancher hätte schnell aufgegeben. Esther nicht. Sie war gespannt auf all das, was sie in Nicaragua erleben würde. „Dieser Mut, in eine andere Welt einzutauchen, ist bewundernswert“, findet Heinz-Josef Struckmeier. Für ein Jahr lebte Esther in dieser völlig anderen Welt. „Lesen zu können ist in Nicaragua nicht normal“. Ein Buch kostet umgerechnet 10 bis 15 €. Das können sich die Menschen nur selten leisten. „Da ist es wichtiger, Reis und Bohnen zu kaufen“. Besonders die Kinder stürzen sich deshalb auf Kinder- und Jugendbücher mit vielen Bildern. „Astrid Lindgren kannte dort keiner“, schmunzelt die Abenteuerin. Auch habe sie versucht jedem „LKW-Besucher“ Ronja Räubertochter schmackhaft zu machen. „Nicht wirklich mit Erfolg“. Doch die Gefängnisinsassen beherrschten das Lesen oftmals. „Wie züchte ich Bonsais?“ oder Kochbücher sind bei den Erwachsenen hoch im Kurs. Selbst besuchen durfte die Bentfelderin die Gefängnisse aus Sicherheitsgründen auf den regelmäßigen Fahrten nicht. Für ein Theaterprojekt aber gelangte sie hinter die Gefängnismauern.

Als das Bürener Bücherbus-Team über Rainer Ahmann vom Förderverein „Der Bücherbus“ von den Plänen seiner Tochter erfuhr, sammelten es prompt doppelte und ausrangierte Bücher zusammen und schnürte ein großes Paket. „Das habe ich dort in Empfang genommen und mich riesig gefreut“, erzählt die Bentfelderin. Nur so kann das Projekt am anderen Ende der Welt funktionieren. Denn alle Mitarbeiter und Bücher werden über den Verein „Pan Y Arte e.V.“ und somit über Spendengelder finanziert. Neun feste und pro Jahr ein freiwilliger Mitarbeiter arbeiten im Bibliobús und Bibliotheken-Team. 40 Cordobar, wenig mehr als 1 €, erhalten sie pro Fahrt mit dem Bücherbus zu ihrem Verdienst dazu. Und doch lieben sie ihren Job. „Unser Fahrer lebt dafür“, erzählt Esther. Von der damaligen Gründerin des Projektes, einer deutschen Bibliothekarin, wurde er in einem Arbeitsamt angesprochen. „Suchen Sie Arbeit? Haben Sie einen Führerschein?“, und schon war der Mann eingestellt.

Wo in Nicaragua rund 200 Bücher im Bibliobús-Regal einen Platz finden, sind es im Kreis Paderborn ca. 6.000 Medien. 50.000 Bücher, DVDs, Kassetten und Hörbücher sind im Bürener Magazin eingelagert. Bibliobús und Bibliothek bieten in Mittelamerika zusammen 14.000 Bücher. „Meine Chefin in Nicaragua hat aber seit kurzem einen E-Reader im Einsatz“, so Ahmann.
Auch das deutsche Ausleihsystem mit neuester Technik, Barcodes, Laptop und Internet ist für Esther neu. Sie arbeitete dort noch mit einem Karteikartensystem.

Und während die Leserinnen und Leser im Kreis Paderborn in der Regel rechtzeitig und ordnungsgemäß ihre Medien zurückbringen, gilt in Nicaragua das Motto „Komm ich heut nicht, komm ich vielleicht morgen“. „Es geht viel verloren“, so die 20-Jährige, die mit unbezahlbaren Erfahrungen und Erlebnissen auf ein „bereicherndes und spannendes Jahr“ zurückblickt.
Und sollte ihre Gastschwester sie tatsächlich – wie geplant – in den nächsten Jahren einmal in Deutschland besuchen, ist auch schon klar, was sie hier erwartet. „Sie kommt natürlich zu uns, zum Bücherbus“, lautet das spontane Angebot von Heinz-Josef Struckmeier.

Buecherbus2Zur Geschichte des Biblio Busses:
In den 80er Jahren ging die deutsche, ehemalige Bibliothekarin, Elizabeth Zilz, nach Nicaragua. Sie setzte sich zum Ziel, bei der damaligen Alphabetisierungskampagne im Land zu helfen. Bildung und Literatur waren ihr Lebenselixier.
Da zu Beginn Bücher fehlten, ging sie auf die Suche nach Buchspenden. Sie startete bei der Frankfurter Buchmesse.
Der erste und bisher einzige Bücherbus in Nicaragua, der „Bibliobús“ war ein ehemaliger DDR- Bulli.
Als der Platz im Bus für die vorhandenen Bücher nicht mehr ausreichte, entstand eine dazugehörige Bibliothek. Heute fährt der Bus in der sechsten „Bus-Generation“.

Im August 2012 verstarb Elizabeth Zilz.

BU-1: Ein besonderer Austausch zwischen Nicaragua und Deutschland – Esther Ahmann (links) erzählte Andy Schulte und Marita Bültmann vom Bücherbus-Team des Kreiskulturamtes von ihren Erlebnissen in Zentralamerika

BU-2+3: In einer anderen Welt – der Biblio-Bus und seine Fans in Nicaragua