Zum Japsand im Winter

Eine winterliche Wattwanderung von der Hallig Hooge zum Japsand.

Hallig Hooge im Winter, Foto: Nordsee - Tourismus

Hallig Hooge im Winter, Foto: Nordsee – Tourismus

Hallig Hooge. Es ist ein klarer, knackig kalter Wintermorgen und Michael Klisch entdeckt beim Blick über das Wattenmeer etwas gleißend Helles. Da strahlt was über dem endlosen Grau des trockenfallenden Meeresbodens als er nach Südwesten schaut. Die große Sandbank Japsand ist das nicht, da ist sich Klisch, Leiter der Schutzstation Wattenmeer auf Hooge, sicher. Viel zu hell, viel zu gleißend. „Da habe ich mir das Spektiv geholt und genauer hingeschaut …!“ Welches winterliche Phänomen taucht da im Wattenmeer auf? „Das war eine Eisscholle. Drei Meter lang vielleicht und einen halben Meter dick, sie wirkte wegen des strahlenden Lichtes schon ziemlich groß.

Wenn es lange genug gefroren hat, kann hier vor Hooge durchaus Treibeis stranden“, erklärt Klisch. Zauberhaft auch schon, wenn nur gefrorener Reif in der Morgensonne glitzert und das kalte, nordische Licht über die Nordsee flutet. Wenn eine unglaubliche Klarheit über dem Halligmeer liegt. Dann rücken Distanzen scheinbar zusammen. Das vermeintlich Nahe aber liegt trotzdem in weiter Ferne. So wie Eisscholle, die an diesem Morgen niemand besichtigt hat und die mit der nächsten Flut wieder fortschwamm. So wie Amrum und Föhr, die scheinbar zum Greifen nah liegen. Und ebenso wie die Südspitze von Sylt, also Hörnum mit dem Führlicht seines Leuchtturms, plötzlich ganz nah wirken auf der Hallig Hooge. Die doch gerade im Winter so weltenfern ist. An diesem Januarmorgen ging niemand ins Wattenmeer, wo doch die strahlende Scholle Neugier weckte. Das soll nicht heißen, dass Ausflüge auf den Meeresboden im Winter gar nicht stattfinden. Sie tun das durchaus, nur tun sie das seltener – und sind von daher etwas Besonderes. „Ich versuche, die Wattwanderungen im Winter auf die Wochenenden zu legen – damit möglichst viele Gäste die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen“, erklärt Klisch. Und überhaupt: Die Abgeschiedenheit, dieses Gefühl weit weg vom Rest der Welt zu sein, machen den Reiz einer Winterreise nach Hallig Hooge aus.

Und an manchen Tagen geht es noch weiter weg, bis ans Ende der Welt. Der Japsand ist eine Sandbank, die in Teilen soweit aus der Nordsee aufgetaucht ist, dass sie bei normalem Hochwasser nicht mehr untergeht. Wenn man so sagen möchte – vor der Halligwelt taucht Neuland auf. Einsam ist es dort im Sommer schon, im Winter ist es völlig entrückt.   Die Leute treffen sich auf dem kleinen Deich am südwestlichen Ende der Hallig, Reif knirscht unter den Gummistiefeln. Wenn sich das Wasser weit genug zurückgezogen hat, auch davon ist eine Wattwanderung abhängig, kann man relativ einfach zum Japsand marschieren – nur: Niemals allein, immer mit ortskundiger Führung!

Keine Farben außer Grau und Blau hier draußen. Die aber im ganzen Spektrum: Vom zarten, fast ätherischen und kaum wahrnehmbaren, Grau bis zum – je nach Sonnenstand – tiefen Blau der Nordsee gibt es diese beiden Farben in allen denkbaren Schattierungen. Aber kein Grün. „Sie werden kaum Algen oder Seegras entdecken, das gibt es im Winter kaum. Wenn Sie sich allerdings umsehen, dann erscheinen das Gelb des Grases und das Rot der Ziegel unserer Hallighäuser viel deutlicher, viel brillanter.“ Anders ist es, wenn Nebel herrscht auf der Hallig – „…der wirkt im Winter viel dicker als sonst.“ Dann legt sich eine fast spukhafte Stille über die Hallig, und Zeit und Raum scheinen sich endgültig aufgelöst zu haben. Es ist auch eine solche Einsamkeit, die die Gäste winters auf der Hallig suchen. „Die Leute wollen diese Ruhe tanken, in sich aufnehmen. Und sich im Wintersturm vielleicht auch mal richtig durchpusten lassen“, meint Michael Klisch.

„Einmal richtig raus kommen“, sagt er…das kann man hier auf Hooge im Winter wirklich.“ Zum Beispiel bei einer Wanderung zum Japsand; auch das sei ein Grund, warum manche Gäste extra kommen. Wegen der Muße und Ruhe, die Gruppen sind kleiner, es bleibt mehr Zeit für die individuellen Bedürfnisse, es geht noch einen Takt gemütlicher. Erst recht hier am Ende der Welt, wohin schon die Anfahrt mit der kleinen Fähre durch die große Stille des Wattenmeeres ein Erlebnis ist und der Aufenthalt auf der Hallig selbst ein Garant fürs Runterkommen.  Nach rund anderthalb Stunden hat die kleine Gruppe den Japsand erreicht. Eine helle, blanke Sandfläche. Wie leergefegt und so rein wie am ersten Tage der Erschaffung. Rings herum nur Wasser, nur Watt und dieses phantastische, beruhigende Blau und Grau. Der Blick verliert sich ohne Halt im Nirgendwo. Absolute Einsamkeit und ein seltsam tiefer Frieden.

„Im Winter wird der Japsand häufiger überflutet als im Sommer, deshalb sind auch die Primärdünen viel flacher. An diesen Dünen bildet sich übrigens der erste Bewuchs auf einem solchen Außensand, oder Hochsand, wie diese Gebilde, wie der Japsand, genannt werden. Sie sind zwar noch keine Insel, aber doch schon mehr als eine gewöhnliche Sandbank“, erklärt Klisch. Ein kalter Wind weht auf dem Rückweg ins Gesicht; Ostwind, das heißt auch Kälte an der Küste.  Den Wattwanderer umgibt eine eigenartige, doch wohlgefällige Stimmung. Liegt Eis im Watt und hört man genau hin, wird man an den Prielen ein sachtes, leises Scharren und Knistern hören; dann, wenn die Strömung die Schollen schiebt und das Eis aneinander reibt. Hooge kommt näher und empfängt den Wanderer auf seinem Weg von Irgendwo nach Nirgendwo. Als die Kante erreicht wird, wehen die sehnsuchtsvollen, klagenden Rufe der Brachvögel durch die Einsamkeit und unterstreichen dieses schaurig-schöne Gefühl der Verlorenheit. „Den Brachvogel, ein streng geschützter, eigentlich selten gewordener Vogel, sehen wir in den vergangenen Jahren hier auf Hooge immer häufiger“, sagt Klisch. Noch ein Wintergast, der die einsame Halligwelt entdeckt hat.

Graugänse fliegen in der typischen Formation und mit dem seltsam klagenden Rufen über dem Wattenmeer, auf der Hallig selbst, so Klisch, überwintern im Schnitt hundert Brandenten. Und von dieser Art gibt es mehr Vertreter als nur die vom Stadtparkteich: Zu den seltenen Wintergästen auf Hooge gehört zum Beispiel die Schellente, ein schöner, schwarz-weiß gemusterter Vogel, oder die, noch hübscher und regelrecht farbenfroh, Pfeifente. Und noch jemand hat sein Winterrefugium auf den Halligen gefunden: Michael Klisch blickt durch das Fernglas, sucht dann die Wiesen mit dem Spektiv ab, konzentrierte Ruhe während er die Optik mit der starken Vergrößerung über die Landschaft schwenkt. „Komm mal mit!“  Zu sehen ist nichts, zu hören auch nichts außer dem ewigen Wind und vereinzelten, verwehten Möwenschreien. Und nun sitzt da ein kleiner, rundlicher Vogel, unscheinbar – und er tut nichts. Flüchtet nicht, schert sich nicht um die beiden Menschen, die ein paar Meter entfernt stehen bleiben. „Das ist ein Meerstrandläufer“, erklärt Klisch, „er kommt aus Norwegen und noch nördlicheren Gefilden.“

Merkwürdig: „Dieser Vogel hat keine Fluchtdistanz, er flieht nicht, fliegt nicht auf, wenn wir uns nähern“, sagt Michael Klisch, „…den kannst Du gut mit bloßem Auge beobachten. Aber wollen wir ihn nicht unnötig stören und gehen nicht näher heran.“  Dieser Vogel hat im Winter auf den Halligen etwas gefunden, das ihm sehr wichtig ist. Er hat auf der Hallig Ruhe gefunden. Die frühe Dämmerung schiebt sich über das Himmelsgewölbe, erste Sterne beginnen zu blinken – die Venus zum Beispiel, heller als alle anderen, und heute als Abendstern. Später der Polarstern, noch später dann Sirius. Überhaupt die Sterne: der Blick auf nächtliche Firmament ist phantastisch. Abseits der Lichtverschmutzung leuchten die Sterne hier besonders prachtvoll.

Nächste Termine Wattwanderung zum Japsand:

19.10.2019, 09:45 Uhr
23.10.2019, 13:30 Uhr
04.11.2019, 10:30 Uhr
13.11.2019, 11:45 Uhr
20.11.2019, 11:00 Uhr
04.12.2019, 10:45 Uhr
19.12.2019, 11:00 Uhr
31.12.2019, 09:00 Uhr
04.01.2020, 12:00 Uhr
18.01.2020, 11:30 Uhr
01.02.2020, 10:15 Uhr
15.02.2020, 10:15 Uhr
29.02.2020, 09:15 Uhr
14.03.2020, 09:15 Uhr

Information & Anmeldung für Angebote der Schutzstation Wattenmeer auf Hallig Hooge: www.schutzstation-wattenmeer.de/unsere-stationen/hooge , es gibt neben einer Exkursion zum Japsand zum Beispiel auch Halligführungen und Vogelbeobachtungen. Informationen zur Hallig allgemein www.hooge.de, Fährverbindungen unter www.faehre.de.

Weitere Informationen zu Naturveranstaltungen im Wattenmeer: www.nordseetourismus.de/naturveranstaltungen

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