Zeckenstichrisiko – FSME-Impfung im Urlaub

Zecke-in-Nahaufnahme-_72dpiOWLj. Die Impfung empfiehlt sich für die Endemie-Gebiete, in denen die Krankheit vorkommt. In Europa und in Nordasien. In Europa hauptsächlich in Südskandinavien, das südliche Deutschland, Osteuropa, Teile des Balkans sowie die unmittelbaren Nachbarländer wie Österreich und Schweiz. Sehr stark zunehmend ist FSME in Osteuropa, besonders im Baltikum und Russland, Sibirien bis nach Nordchina in die Manchurai. In diesen Ländern ist eine Impfung sinnvoll, wenn man sich viel draußen aufhält und ein Zeckenstichrisiko besteht.

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Wie stark ist FSME im europäischen Ausland verbreitet?

Es ist eine Zunahme sowohl in der Verbreitungsfläche als auch in den Fallzahlen in Europa zu beobachten. Es ist bislang aber nicht bekannt, warum das so ist. Definitiv ist es so, dass es immer mehr Fälle gibt. Eine starke Zunahme ist in Südskandinavien zu sehen, dort sind in den letzten Jahren relativ viele Fälle aufgetreten. Auch Norwegen und Teile von Dänemark sind neu hinzugekommen, die früher gar nicht befallen waren. Und im Baltikum haben sich die Fälle mehr als verzwanzigfacht.

Was ist bei Interkontinental-Reisen zu beachten? Gibt es einen wirksamen Schutz?

In Amerika gibt es keine FSME, sondern nur in Europa und in Nordasien. Es gibt verschiedene Subtypen dieses Virus, die alle durch die Impfung komplett abgedeckt sind. Es gibt eine hundertprozentige Kreuzimmunität. Man kann sich darauf verlassen, dass die deutsche Impfung auch die sibirischen und fernöstlichen Varianten des Virus abdeckt.

Wie lange vor einer Reise sollten sich Urlauber impfen lassen?

Optimaler Weise vier bis sechs Wochen vorher, damit der Impfschutz auch zuverlässig aufgebaut ist, bevor man losfährt. Zur Not geht es auch noch 14 Tage vor der Abreise. Allerdings kann es dann sein, dass der Schutz in den ersten Tagen der Reise noch nicht zu 100 Prozent vorhanden ist.

Wo bekommt man Informationen zur FSME-Situation im Ausland?

Im Internet gibt es einige gute Quellen, etwa zecken.de oder auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts. Und beim Centrum für Reisemedizin.

Wer sollte sich impfen lassen und wer nicht?

Impfen lassen sollten sich Menschen, die in Länder fahren, in denen FSME vorkommt und ein Zeckenstichrisiko haben, also draußen unterwegs sind und somit infiziert werden können. Die Impfung ist ein Totimpfstoff, der gut verträglich ist. Die Impfung braucht nicht, wer nicht in Risikogebiete reist und nicht draußen unterwegs ist. Bei Städtereisen etwa ist das Risiko einer FSME verschwindend gering.

Hilft eine Impfung direkt nach einem Zeckenstich, wenn man vorher nicht geimpft war?

Das Problem ist, dass die Infektion – also die Übertragung des Virus – sofort in den ersten Sekunden bis Minuten des Zeckenstiches stattfindet. Das heißt, man hat nicht wie bei der Borreliose eine Latenz, dass die Zecke erst stundenlang saugen muss, um den Erreger zu übertragen. Es passiert bei FSME sofort.

Ist eine Impfung gegen FSME bei Kindern sinnvoll?

Da Kinder viel draußen sind, ist das Risiko bei ihnen höher, von einer Zecke gestochen zu werden. Erfahrungsgemäß lässt sich sagen, dass die FSME bei Kindern etwas milder verläuft als bei Erwachsenen. Die schweren Komplikationen sind ab dem 50. Lebensjahr tendenziell häufiger. Das heißt aber nicht, dass bei Kindern keine schweren Verläufe auftreten können. In Österreich hat die konsequente Durchimpfung in der Bevölkerung – auch bei Kindern – gezeigt, dass sich schwere Komplikationen deutlich senken lassen. Deswegen macht eine Impfung auch bei Kindern Sinn. Die heutigen Impfstoffe sind auch für Kinder sehr gut verträglich.

Schützt die FSME-Impfung gegen das in der Türkei bzw. dem Balkan durch Zecken übertragbare Krim-Kongo-Fieber?

Nein, das ist ein völlig anderes Virus und hat von der Abwehr nichts mit der FSME zu tun. Hier gibt es keinen zuverlässigen Schutz. Das einzige, was getan werden kann, ist Zeckenschutz. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Wie hoch ist das potentielle FSME-Infektionsrisiko ohne Impfung?

Das hängt ganz stark davon ab, wie viele Zecken infiziert sind. Es gibt Gebiete, in denen nur 0,5 Prozent der Zecken infiziert sind, in anderen Gebieten sind es zwei bis fünf Prozent. Höher gehen die Infektionsraten in der Regel bei Zecken nicht. Wenn man von einer Zecke gestochen wird, hat man also zunächst eine relativ gute Chance, dass das Tier gar keine FSME-Viren in sich hat. Wenn ein Mensch infiziert wird, liegt die Wahrscheinlich, gar nicht krank zu werden, bei etwa 30 Prozent. 70 Prozent der Infizierten entwickeln eine Art mildes grippales Syndrom, eine Art Sommergrippe. Von diesen Personen entwickeln maximal 30 Prozent eine zweite Krankheitsphase, in der es zu neurologischen Komplikationen kommt. Wer in die zweite Phase übergeht, ist wirklich gefährdet. Auch wenn das Risiko gering ist, erkranken dennoch jedes Jahr in Deutschland bis zu 500 Menschen.

Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Das Risiko ist nicht groß, aber das Problem ist der Einzelfall. Das wird als „low risk, high impact disease“ bezeichnet: Es besteht ein geringes Risiko, einen schweren Verlauf zu entwickeln, aber wenn es passiert, hat das einen hohen Impact. Das heißt, es kommt zur Verwüstung im Körper, Nervenzellen werden zerstört. Das ist die Gefahr, denn es lässt sich natürlich nicht vorhersagen, wen es treffen wird und wen nicht. Eine Impfung ist also sinnvoll, da es keine andere Art gibt, um zu reagieren. Es gibt keine Therapien. Wenn jemand einen schweren Verlauf entwickelt, kann nur symptomatisch behandelt werden. Das kann im Einzelfall sehr tragisch sein. Es müssen also relativ viele Menschen geimpft werden, um einen Fall zu verhindern. Aber das lohnt sich, da dieser Fall schwer verlaufen wäre.

Wer trägt die Kosten der FSME-Impfung bei Reisen oder Aufenthalten in den deutschen und ausländischen Risikogebieten?

Wer in Deutschland in Risikogebieten lebt oder dorthin verreist, bekommt die Impfung von allen gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Für Reisen ins Ausland muss die Impfung von den Kassen nicht übernommen werden, da es sich dann um eine Reiseimpfung – also eine freiwillige Leistung – handelt. Aber viele Kassen übernehmen es trotzdem.

Vegetarier durch Zeckenstich?

Fleischallergie nach einem Zeckenstich? Wissenschaftler haben Beweise für diese Theorie gefunden.

Nach dem Verzehr von Fleisch reagieren einige Menschen mit Ausschlag oder Atemnot – sie haben eine Fleischallergie. Wird diese durch Zecken ausgelöst? US-Mediziner haben einen Zusammenhang zwischen Zeckenstichen und allergischen Reaktionen auf Fleisch von Säugetieren untersucht. Auch die Universität Tübingen hat sich mit dem Thema beschäftigt.

Ein saftiges Steak, zartes Rinderfilet oder ein Schnitzel: Für Fleischesser leckere Speisen, die bei einigen Menschen allerdings zu heftigen allergischen Reaktionen führen. Die Ärzte Thomas Platts-Mills und Scott Commins von der Universität Virginia haben im Blut der betroffenen Allergiker einen Antikörper gegen das Zuckermolekül alpha-GAL entdeckt. Dieser Zucker kommt in fast allen Säugetieren vor, allerdings nicht bei Menschen und Menschenaffen. Essen die Betroffenen Fleisch, in dem der Zucker enthalten ist, kann dies im Körper eine lebensbedrohliche allergische Reaktion auslösen.

Auch in Deutschland beschäftigen sich Wissenschaftler mit diesem Thema. Der Allergie auslösende Stoff sei nicht wie üblich bei allergischen Erkrankungen ein Eiweiß, erklärt Dr. Jörg Fischer, Allergologe an der Universitäts-Hautklinik Tübingen, sondern eine Zuckerkette, die auf dem Eiweiß aufgelagert ist. „Vereinfacht bildlich dargestellt: Wenn wir uns ein Eiweiß als einen Muffin vorstellen, so ist das Allergen, von dem wir hier sprechen, der Zuckerguss, der den Muffin verziert. Dieser Zucker ist alpha-GAL.“

Auf der Suche nach einem Grund, wieso manche Menschen allergisch auf Säugetierfleisch reagieren, finden die Wissenschaftler einen entscheidenden Hinweis bei der Analyse der Fälle in den USA. In den Vereinigten Staaten tritt die Allergie im Südosten auf, während das Problem an der Westküste und in den nördlichen Bundesstaaten relativ unbekannt ist. Die betroffenen Bundesstaaten in den USA sind zugleich das Verbreitungsgebiet des Rocky Mountain-Fleckfieber, eine bakterielle Erkrankung, die durch Stiche von Zecken – überwiegend der Buntzecke der Gattung Amblyomma – übertragen wird. Daraus ergibt sich bei den Wissenschaftlern die Vermutung, dass der beim Stich übertragene Speichel der Buntzecke Amblyomma die Quelle der Allergieentstehung ist.

Der naturwissenschaftliche Beweis für einen Zusammenhang zwischen einer Fleischallergie und Zeckenstichen stehe bislang allerdings noch aus, erklärt Fischer. „Aber die Indizienkette, die in den letzten zwei Jahren gesammelt wurde, ist beeindruckend.“ Würden Antikörper gegen alpha-GAL allein über Fleischverzehr ausgelöst, dürfte es in den USA keine geografische Häufung der Allergiker geben, da der Fleischkonsum an Ost- und Westküste der USA vergleichbar hoch ist. Erhärtet wird die Hypothese durch die Untersuchung der Lebensumstände der Allergiker. Betroffen sind in den Südoststaaten der USA Personen, die häufig von Zecken gestochen worden sind und über Wochen unter stark anhaltender juckender Rötung gelitten haben. „Zwischenzeitlich ist es auch gelungen, diesen Zucker im Darm von Zecken anzufärben“, sagt Fischer. „Somit ist belegt, dass dieser Zucker nicht exklusiv in der Tierwelt bei Säugetieren vorkommt, sondern auch von Schildzecken verwendet wird.“

Da Zecken der Gattung Amblyomma in Europa nicht heimisch sind, wird zunächst angenommen, dass diese Allergie in Europa nicht vorkommen kann. „Diese Einschätzung ist leider gänzlich falsch“, sagt Fischer. Der erste Nachweis von alpha-GAL in Zecken gelingt einem schwedischen Forscherteam bei der in Europa heimischen Zeckenart „Gemeiner Holzbock“ (Ixodes ricinus). Nach derzeitigem Wissensstand müsse man davon ausgehen, dass alle Schildzeckenarten, die Menschen und Säugetiere befallen, diesen Zucker auf ihren Speicheleiweißen zur Tarnung vor dem Abwehrsystem der Wirtstiere besitzen, erklärt Fischer. Aktuelle epidemiologische Untersuchungen gehen von einem Vorkommen von Antikörpern gegen alpha-GAL bei bis zu zwei Prozent der europäischen Bevölkerung aus.

In Deutschland treten die meisten Fälle von Fleischallergikern in Baden-Württemberg auf. Fischer: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass nur ein Teil der Personen bei denen Antikörper gegen alpha-GAL nachgewiesen werden können, tatsächlich als erkrankt einzustufen sind.“ Zudem seien vor allem Personen gefährdet, diese Allergie zu entwickeln, die im hohen Maße Zecken exponiert sind, etwa Forstmitarbeiter oder Jäger.

Zum Zwangsvegetarier müssten Betroffene übrigens nicht werden, sagt Fischer. Geflügel oder Reptilienfleisch, ebenso Fisch, enthalte den Zucker alpha-Gal nicht, und könne daher gefahrlos verzehrt werden. „Große Vorsicht ist aber bei Säugetierfleisch und teilweise auch bei Arzneimitteln tierischen Ursprungs geboten.“ Wer nach dem Verzehr allergische Reaktionen an sich feststelle oder ungewöhnliche Hautreaktionen nach einem Zeckenstich entwickle, sollte sich zur Abklärung und individuellen Beratung bei einem Allergologen vorstellen.

Neu: www.zecken.de auf Türkisch

Neuer Service für türkischsprachige Mitbürger: Das deutsche Portalwww.zecken.de gibt es ab sofort in der türkischen Versionwww.keneler.de. Was tun bei einem Zeckenstich? Wo leben welche Zecken-Arten? Welche Krankheiten können sie übertragen? Und wie schütze ich mich richtig? Auf www.keneler.de werden in türkischer Sprache alle wichtigen Fragen beantwortet. Neben der Zeckensituation in Deutschland informiert das Portal auch über die Lage in der Türkei und die dort heimischen Arten – die Hyalomma-Zecke, der Gemeine Holzbock und die Auwaldzecke.

In Deutschland übertragen Zecken vor allem die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Borreliose. Während die Borreliose gut mit Antibiotika behandelt werden kann, schützt vor der FSME einzig die Impfung. Gerade Menschen aus der Türkei verfügen oft über einen unzureichenden Impfschutz – in ihrem Heimatland ist die FSME nicht verbreitet. Jeder, der in Deutschland lebt, sollte sich über Zecken, FSME-Risikogebiete und der FSME-Impfung informieren! Auch in vielen anderen europäischen Ländern, wie Österreich, Tschechien oder dem Baltikum ist die FSME ein Problem. Die Impfung schützt vor allen bekannten Virusstämmen der FSME.

Weitere Informationen unter www.keneler.de

Fotos: www.zecken.de