Wie Aufmerksamkeit Wahrnehmung, Erinnern und Handeln koordiniert

Bielefeld. Wer eine Tastatur benutzt, muss eine Reihe von Auswahlprozessen ausführen: Welcher Buchstabe soll geschrieben werden? Welche Taste ist zu drücken? Welcher Finger soll bewegt werden? Die moderne Psychologie und die Neurowissenschaften versuchen solche Auswahlprozesse als selektive Informationsverarbeitung im Gehirn zu verstehen, die alltagssprachlich mit dem Wort Aufmerksamkeit bezeichnet wird. Ungeklärt ist bisher, wie diese Auswahlprozesse über die Grenzen von Wahrnehmung, Gedächtnis und Handlung hinweg zusammenwirken, um komplexe Aufgaben – wie zum Beispiel das Maschineschreiben – zu lösen. Antworten auf diese Frage sucht eine neue internationale Forschungsgruppe des Zentrums für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld.

Sie startet mit ihrer Eröffnungstagung von Dienstag bis Donnerstag, 9. bis 11. Oktober, im ZiF.

Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass Wettbewerb, Auswahl und Prioritätskontrolle Kernmerkmale von Aufmerksamkeitsprozessen sind und diese Kernmerkmale in Wahrnehmung, Gedächtnis und Handlungssteuerung stets vorzufinden sind. In jeder Situation sind Menschen von einer Vielzahl von Objekten und Ereignissen umgeben – mehr als sie zeitgleich wahrnehmen können. Es sind in jeder Situation auch mehr Gedächtnisinhalte verfügbar als abgerufen werden können. Und es sind schließlich mehr Handlungen möglich als tatsächlich ausgeführt werden können. Das heißt: Aufmerksamkeitsprozesse müssen immer wieder aufs Neue auswählen, was wahrgenommen wird, welche Gedächtnisinhalte aktiviert werden und was getan werden soll.

Auf der Eröffnungskonferenz stellen international führende Forscherinnen und Forscher aus den Disziplinen Psychologie, Biologie, Medizin, Physik und Informatik neueste experimentelle Ergebnisse und Theorien vor. 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zehn Nationen nehmen an der Konferenz teil.

Leiter der Fachtagung sind der Experimentalpsychologe und Neurowissenschaftler Professor Werner Schneider von der Universität Bielefeld und der Neurophysiker Professor Wolfgang Einhäuser-Treyer von der Philipps-Universität Marburg. Die Konferenz wird auf Englisch abgehalten. Für die Tagung kooperiert das ZiF mit dem Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) der Universität Bielefeld.

Die neue ZiF-Forschungsgruppe heißt „Competition and Priority Control in Mind and Brain: New Perspectives from Task-Driven Vision” (Wettbewerb und Prioritätskontrolle in Geist und Gehirn: neue Perspektiven aus der aufgabengesteuerten visuellen Wahrnehmung). Sie kommt von Oktober 2012 bis Ende Juli 2013 zusammen. Mögliche Anwendungsgebiete ihrer grundlagenzentrierten Forschung sind Rehabilitationen nach Hirnschädigungen und intelligente künstliche Systeme wie Roboter oder virtuelle Assistenten. Die Forschungsgruppe richtet neben der Eröffnungskonferenz auch spezialisierte Workshops und eine Schlusskonferenz aus.