Walzgesellen bekommen Zuwachs

12 Wandergesellen sprachen am Montagvormittag im Rathaus vor. Der Rheda-Wiedenbrücker Zimmermann Simon Austermann (zweiter von rechts vorne) gehört jetzt offiziell dazu und wurde von Bürgermeister Theo Mettenborg offiziell verabschiedet. Sein Begleiter wird in den ersten Wochen der Altgeselle Simon sein (vorne links). Foto: Stadt Rheda-Wiedenbrück

12 Wandergesellen sprachen am Montagvormittag im Rathaus vor. Der Rheda-Wiedenbrücker Zimmermann Simon Austermann (zweiter von rechts vorne) gehört jetzt offiziell dazu und wurde von Bürgermeister Theo Mettenborg offiziell verabschiedet. Sein Begleiter wird in den ersten Wochen der Altgeselle Simon sein (vorne links). Foto: Stadt Rheda-Wiedenbrück

Rheda-Wiedenbrück (pbm). Simon trägt noch keinen roten Schlips, als er zusammen mit 11 Wandergesellen in Zunft bei Bürgermeister Theo Mettenborg im Rathaus vorspricht. Der 23-jährige Rheda-Wiedenbrücker Simon Austermann wurde nämlich erst gerade in die Gruppe der Wandergesellen aufgenommen und bekommt seinen roten Schlips, das Erkennungszeichen der Ehrbarkeit, erst, wenn er alle Riten überstanden hat, und er sich als ehrbar erwiesen hat. Der gelernte Zimmermann Simon Austermann hat sich schon lange mit dem Gedanken beschäftigt auf die Walz zu gehen. Er nahm an mehreren Treffen teil, lernte andere Gesellen kennen und der Entschluss, sich auch auf dieses große Abenteuer einzulassen, wuchs. Am Montag war es dann soweit. Nachdem insgesamt 16 Wandergesellen bei Simon daheim seinen Abschied gefeiert haben und ihm den Ohrring mit einem Nagel durch das Ohrläppchen gehauen haben, gehört er dazu. Er wird in den ersten Wochen – das können bis zu 12 sein – von dem Alt-Wandergesellen Simon begleitet. Die Jungs stellen sich überall nur mit ihren Vornamen vor, denn alles andere ist unwichtig. Ein kleines Bündel mit etwas Werkzeug, Arbeitskleidung, etwas Wechselwäsche, Bücher, Tabak und ein Kissen – mehr tragen die Jungs nicht mit sich, außer ihrem Wanderstock dem Stenz. Drei Jahre und einen Tag wird Austermann nun unterwegs sein. Seine Hauptbeweggründe sich der Urform des modernen Work-and-Travel hinzugeben sind zum Einen das Interesse die große weite Welt kennen zu lernen und zum Anderen, seine Arbeitstechniken zu verbessern. „Ich möchte noch ganz viel lernen und das kann ich nur, wenn ich viele Betriebe in ganz Deutschland, aber auch im benachbarten Ausland kennenlerne. Die Wandergesellen gehören einem Dachverband, dem Schacht an, und werden in der Regel überall recht freundlich aufgenommen. Sein Begleiter Simon meinte, dass es auch viel an einem selber liege, wie man aufgenommen wird. Bescheidenheit, ein einfaches Leben ohne Luxus, auch mal eine Nacht unter freiem Himmel, kein Handy und wenig Geld in der Tasche bestimmen die nächsten 1.096 Tage des Simon Austermann. Er ist aufgeregt aber auch voller Vorfreude, als er vor dem Rathaus zum letzten Mal seine Eltern Manfred und Ute sowie einige Verwandte trifft. Noch schnell ein Eis, dann auf zum Ortsausgangsschild, wo er ein letztes Ritual erfüllen musste. Dort vergräbt er eine Flasche Schnaps, die er nach drei Jahren, am Ende seiner Wanderschaft, wieder ausgräbt. Das Duo will zunächst Richtung Paderborn und „wenn alles klappt dann bis zum Ende der Woche nach Fehmarn“, meint der Altgeselle. Unterwegs bringt er ihm das Gedicht bei, das Simon dann immer, wenn er sich bei einer Firma vorstellt, aufsagen muss. Auch in den Rathäusern der durchwanderten Städte sprechen sie vor und bekommen meistens eine kleine Spende. Bürgermeister Theo Mettenborg wünschte den Wanderern ein gute Zeit und immer ein Dach über dem Kopf.

Voraussetzungen um auf die Walz gehen zu können:

Man muss eine abgeschlossene Handwerksausbildung haben und darf nicht älter als 30 Jahre sein. Ferner muss man unverheiratet und kinderlos sein. Man benötigt einen Altgesellen, der einen abholt und die Riten und Sprüche Wort für Wort beibringt. Am Ende erreicht der Novize die Ehrbarkeit, er gehört offiziell dazu. Man darf nie näher als 50 Kilometer an den Heimatort kommen, in den ersten vier Wochen gar keinen Kontakt aufnehmen, später lediglich mal schreiben oder anrufen. Heimatbesuche zwischendurch sind nicht erlaubt. Alle Arbeitsstellen und Stationen inklusive Arbeitszeugnisse werden in einem Buch festgehalten. Man darf weder für Fahrten noch für Hotels Geld ausgeben. Entweder wandert man oder trampt. Manchmal werden die Gesellen auch eingeladen.