Unerhörte Musikschätze

KAmmerorchester_1Detmold. Bekannt und gelobt für seine außerordentliche Programmvielfalt spürt das Detmolder Kammerorchester (DKO) für sein Publikum einmal mehr verborgene und unerhörte Schätze der Musikwelt auf. Beim 5. Abonnementkonzert am 20. Mai, 19.30Uhr (Konzerthaus Detmold) entdeckt das junge Ensemble unter Leitung von Alfredo Perl zwei wichtige Kompositionsgrößen der ehemaligen Sowjetunion wieder: den Russen Rodion Shchedrin (*1932) und den polnisch-jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919–1996).

In bewährter DKO-Couleur stehen zwei selten aufgeführte Werke beider Komponisten auf dem Programm. Shchedrins höchst unterhaltsame und mitreißende Carmen-Suite und als deutsche Erstaufführung Weinbergs Kammersinfonie Nr. 3, op. 151. Mit diesem Programm wird das DKO auch im Sendesaal Bremen (25. Mai) zu Gast sein; der Konzertmitschnitt durch Radio Bremen wird am 5. Juli 2014 ab 20.04Uhr über Nordwestradio ausgestrahlt.
Diesseits des ehemaligen „eisernen Vorhanges“ waren lange nur Schostakowitsch, Prokofjew oder Strawinsky bekannt; viele ihrer Kollegen blieben im Westen weitestgehend unerhört. Dabei waren Weinberg und Shchedrin in der damaligen Sowjetunion – u.a. Dank der Unterstützung Dimitri Schostakowitschs – durchaus anerkannt, wobei sie massiv mit der stalinistischen Terrorverfolgung zu kämpfen hatten. Erst nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion konnte Shchedrin, nun abwechselnd in Moskau und München lebend, verstärkt am internationalen Musikleben teilnehmen. Weinberg hingegen bot der Zusammenbruch der UdSSR Ende 1991 nur bedingt Vorteile: Er hatte wenig Verbindungen in den Westen und sah sich bereits in seinen letzten Lebensjahren einem schwindenden Bekanntheitsgrad ausgesetzt. Nun erleben der zu Unrecht in Vergessenheit geratene Komponist und sein vielfältiges wie umfangreiches Werk in jüngerer Zeit eine Wiederentdeckung.

Shchedrins Ballettmusik Carmen-Suite adaptiert eine der berühmtesten Meisterwerke der Opernbühne überhaupt: Georges Bizets vieraktige Oper Carmen. Uraufgeführt 1967 am Bolschoi-Theater (Moskau) greift Shchedrins Suite die Geschichte um Carmen und ihren verzweifelten Liebhaber Don José auf, musikalisch allerdings nicht in der Großbesetzung der Opernvorlage. Im Gegenteil, hier versprühen mit äußerster Verve in dreizehn aufeinanderfolgenden Einzelsätzen ein Streicherorchester und über 30 verschiedene Schlagwerkinstrumente die bekannten Melodien und Rhythmen aus Carmen. Das Resultat der Bearbeitung ist einmalig, virtuos und äußerst humorvoll. Nach ihrer ersten Aufführung wurde die Carmen-Suite durch die sowjetische Zensur verboten. Schostakowitsch setzte sich für ihre Rehabilitierung ein, heute ist sie eines der bedeutendsten Werke Shchedrins überhaupt.

Weinberg schuf insgesamt 26 Sinfonien (die 27. blieb unvollendet), von denen er vier als Kammersinfonien bezeichnete. Der Titel sollte dabei allerdings nicht täuschen: Die Kammersinfonien, alle vier in den späten 1980er bzw. frühen 90er Jahren entstanden, unterscheiden sich in ihrer Komplexität nur geringfügig von Weinbergs Sinfonien. Weinberg selbst äußerte sich, seine Kammersinfonien hätten lediglich diese Werkzählung, da er „mit den hohen Ordinalzahlen nicht weitermachen“ wolle. Entgegen den Sinfonien der 80er Jahre strahlen die Kammersinfonien eine gelassene Heiterkeit aus. Fünf Jahre vor seinem Tod verströmt Weinbergs Kammersinfonie Nr. 3 (1991), basierend auf dem 1945 in Moskau entstandenen Streichquartett Nr. 5, Optimismus und Ironie. Ein bewegendes musikalisches Bekenntnis im Hinblick auf die unerfreulichen Aspekte, die die Biographie dieses unzutreffend vergessenen, großen Komponisten durchziehen.

Karten für das Konzert am Dienstag, 20. Mai 2014, 19.30Uhr im Konzerthaus Detmold sind zu 20/16/12Euro bzw. ermäßigt 10/8/6Euro erhältlich in allen Geschäftsstellen der LZ und NW, der Touristinformation am Markt in Detmold, an der Abendkasse oder online unter: www.detmolder-kammerorchester.de. Schüler, Studenten und Inhaber eines Schwerbehindertenausweises oder einer Kultur-Card erhalten 50% Ermäßigung. Karten für das Konzert am Sonntag, 25. Mai 2014, 20.00Uhr im Sendesaal Bremen erhältlich unter 0421-33005767 oder www.sendesaal-bremen.de.

BU 1: Alfredo Perl © Marco Borggreve