Talleseen bieten künftig 500.000 Kubikmeter Stauraum

Im Vordergrund rechts das Hochwassergerinne durch das der Hochwasserabfluss in die Talleseen geleitet wird. Inzwischen wurde auch die B1 Querung fertiggestellt. Foto: Kreis Paderborn

Im Vordergrund rechts das Hochwassergerinne durch das der Hochwasserabfluss in die Talleseen geleitet wird.
Inzwischen wurde auch die B1 Querung fertiggestellt. Foto: Kreis Paderborn

Kreis Paderborn (krpb). Die Bilder des diesjährigen Hochwassers sind unvergessen. Die Natur bewies wieder einmal auf dramatische Weise, wie zerstörerisch sie sein kann. Im Kreis Paderborn wird in diesen Tagen eine wichtige Lücke im Hochwasserschutz geschlossen. Unter Federführung des Wasserverbandes Obere Lippe (WOL) werden die Talleseen zu einem riesigen Auffangbecken mit einem Stauraum von 500.000 Kubikmeter umgebaut, um bei einem so genannten Jahrhunderthochwasser Schloß Neuhaus vor den Fluten zu schützen. Die Mitglieder der Verbandsversammlung des Wasserverbandes Obere Lippe machten sich ein Bild vor Ort vom Fortschritt der Bauarbeiten. Zurück im Trockenen brachten sie anschließend ein millionenschweres Investitionsprogramm auf den Weg. So sollen von 2014 bis 2017 weitere rund 9 Mio. Euro in den Hochwasserschutz und die Renaturierung der insgesamt 488 Gewässerkilometer fließen.

„Das ist gut investiertes Geld“, sagt Landrat Müller, zugleich Verbandsvorsteher des WOL. Das diesjährige Hochwasser an der Elbe habe für viele Menschen schwere Schicksalsschläge bedeutet. Familien hätten ihr Zuhause verloren, Unternehmen ihre Existenzgrundlage. „Die Menschen werden die Natur nie beherrschen können. Aber wir werden hier in Paderborn alles Menschenmögliche tun, um derartige Katastrophen zu verhindern oder wenigstens abzumildern“ bekräftigt Müller.

Lageplan des Hochwasserrückhaltebeckens „Talleseen“. Foto: Kreis Paderborn

Lageplan des Hochwasserrückhaltebeckens „Talleseen“. Foto: Kreis Paderborn

Martin Lehmann, Betriebsleiter des WOL, erläuterte die Funktionsweise des zukünftigen Hochwasserrückhaltebeckens. Sobald die Lippe ansteige, würden die Seen als Hochwasserspeicher im Nebenschluss genutzt. Über eine 170 m lange Überlaufschwelle oberhalb des Diebesweges erfolge dann die Ableitung des Hochwassers in Richtung Talleseen.

Für diese Zuleitung musste die Bundesstraße B1 mit einem Brückenbauwerk durchquert werden. Zunächst wird im Hochwasserfall der Mittelsee gefüllt und bei Ereignissen, die noch seltener sind als alle 50 Jahre, also extreme Hochwasser, dient dann auch der untere See als Speicherraum. Sobald beide Seen bis an den Rand gefüllt sind, wird der Zulauf zu den Seen durch 2 große Hubschütze am Brückenbauwerk der B1 verschlossen. Um die benötigten Dämme und die so genannten Hochwasserüberlaufschwellen bauen zu können, mussten bereits vor zwei Jahren die dort im Wege stehenden Pappeln gefällt werden.

Nach Beendigung des Hochwassers bzw. bei fallendem Lippepegel erfolgt künftig die gedrosselte und kontrollierte Entleerung der beiden Seen in Richtung Lippe. Hierzu wurden bereits zwei Entleerungsleitungen unter der Bundesstraße B1 gebaut.

Der Umbau der Talleseen ist Teil eines aus ingesamt vier Abschnitten bestehenden Gesamtkonzeptes. In Fließrichtung beginnend sind das Hochwasserschutzmaßnahmen an der Beke in Marienloh, die Renaturierung der Lippe oberhalb des Diebesweges, der Umbau der Talleseen sowie die Umgestaltung der Lippe in Schloß Neuhaus.

Allein für den Umbau der Talleseen wurden rund 3,7 Mio Euro investiert. Dazu zählt auch die Errichtung eines Betriebsgebäudes, „das für die Steuerung der Hochwasserschutzanlage notwendig ist“, erläutert Lehmann. Im Ernst-, also Hochwasserfall, werde die Anlage vor Ort rund um die Uhr besetzt.

Die jetzt angelaufenen Arbeiten des zweiten Bauabschnittes umfassen die Errichtung von zwei Verwallungen (am Damm zwischen Mittelsee- und Untersee sowie am westlichen Ufer des Untersees). Dazu kommen noch Schachtbauwerke sowie eine Wasserleitung für den sogenannten Muschelgraben. Hier hat sich die seltene Bachmuschel angesiedelt, die sauberes Wasser zum Überleben braucht. Braune Hochwasserfluten würden sie vernichten. Im Hochwasserfall kann durch die Leitung frisches Wasser aus dem Obersee in den Muschelgraben gepumpt werden. Der Umbau der Talleseen soll Ende 2013 fertiggestellt sein. „Dazu muss allerdings das Wetter mitspielen“, sagt Lehmann.

Volker Karthaus, technischer stellvertretender  Geschäftsführer des WOL, erläuterte den Mitgliedern der Verbandsversammlung die bereits erfolgte Renaturierung der Lippe im Bereich Tallehof. Der ehemals begradigte Fluss bekam dort bereits Ende 2011 wieder sein ursprüngliches Bett zurück. Auf der Grundlage von historischen Karten war ihr ursprünglicher Verlauf rekonstruiert worden. Mit einer Länge von 1400 m ist sie jetzt etwa doppelt so lang und schlängelt sich seitdem im gemächlichen Tempo durch die Auenlandschaft. Im Hochwasserfall kann sich die Lippe kräftig ausdehnen und die Wiesen überfluten, ohne irgendeinen Schaden anzurichten.

„Die heimische Tier- und Pflanzenwelt hat sich in kurzer Zeit das Gebiet zurückerobert“, sagt Karthaus. Zahlreiche Fischarten besiedeln das von Kies und Sand geprägte Gewässerbett. Auch Flussregenpfeifer und Schwarzstorch seien zu beobachten. Im Uferbereich seien Pflanzenarten, z.B. Binsen, aufgetaucht, die vorher nicht an der Lippe zu finden waren.

Die gesamte Aue und angrenzende städtische Flächen werden von Rindern extensiv beweidet. Diese Beweidung ist in den Plänen der Bezirksregierung als genehmigende Behörde zwingend vorgeschrieben. „Ohne Zäune ist das nicht möglich“, erläutert Karthaus.

In den nächsten Jahren werde sich eine halb-offene Auenlandschaft entwickeln, in der sich Gehölzbestände mit Wiesenbereichen abwechseln. „Der Wasserverband wird  dann außerhalb der Brutzeit Exkursionen in das Naturschutzgebiet anbieten, um den Menschen die Vielfalt und Dynamik einer naturnahen Aue erfahrbar zu machen“, kündigt Karthaus an.

Christian Hesse, kaufmännischer stellvertretender Geschäftsführer des WOL, stellte abschließend in der Verbandsversammlung die rund 28 laufenden Förderprojekten mit einem Investitionsvolumen von rund 9 Millionen Euro für die Jahre 2014 – 2017 vor. Finanziert werden die Maßnahmen zum größten Teil durch Fördermittel des Landes. Um den Eigenanteil aufbringen zu können, wurden zahlreiche Kooperationsverträge mit den Kommunen geschlossen. „Die Bezirksregierung Detmold bescheinigt dem WOL eine vorbildliche Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie und sichert auch für die kommenden Jahre Fördermittel zu“, konnte Hesse abschließend vermelden.

Hintergrund:

Das verheerende Hochwasser in 1965 in den damaligen Kreisen Büren und Paderborn kostete neun Menschen das Leben. Viele wurden verletzt, zahlreiche Existenzen vernichtet. Für die Region war das eine traumatisierende Initialzündung für die Erstellung und Umsetzung eines Hochwasserschutzkonzeptes. Für dessen Umsetzung wurde 1971 der Wasserverband Obere Lippe gegründet. Die Bilanz: Seitdem sind in den Kreisen Paderborn und Soest über 20 Hochwasserrückhaltebecken und die Aabachtalsperre gebaut worden. Insgesamt stehen in diesen Tagen über 20 Millionen Kubikmeter Hochwasserstauraum zur Verfügung. Der Wasserverband Obere Lippe betreibt zudem seit 1983 ein Daten- und Warnsystem. Alle hochwasserrelevanten Daten aus dem Lippe- und Emsgebiet der Kreise Paderborn und Soest werden in die Hochwasserzentrale in Büren übertragen. Seit 2000 kann man damit Niederschlags-Abflussmodelle füttern und so mit Hilfe von Niederschlagsprognosen an mehreren Punkten im Einzugsgebiet der Lippe Abflüsse vorausberechnen. Diese Modelle leisteten auch beim Hochwassergeschehen wertvolle Dienste.