Starke Stimme, starke Persönlichkeit

Gütersloh (vv). „Eine Stimme wie reifer Whiskey“  heißt es in der Vorankündigung zum Anne-Haigis-Konzert und zu ihrer aktuellen CD „Wanderlust“. Am Sonntag bewies die Ausnahme-Sängerin auf einer voll besetzten Freilichtbühne einmal mehr, dass zu einer starken Stimme auch eine starke Persönlichkeit gehört. Nur so entstehen Songs und Interpretationen, die über zwei Stunden lang ein Nachmittags-Publikum zu fesseln vermögen. Das wiederum macht Anne Haigis so leicht keine(r) nach: große Bühne, zwei Gitarren, exzellente Spielkunst und Texte, die niemanden kalt lassen.

Damit ist aber nur ein Teil dieses Konzerts beschrieben. Der andere gehört Anne Haigis, der großen Blues-Sängerin  mit geradezu animalischer Kraft, für die Melissa Etheridge einen Titel schrieb und die sich neben „Blues-Heroen“ wie Eric Burdon locker behauptete. Die gleiche Anne Haigis kann sehr zart, weich und sehr verletzlich intonieren: „Papa“ mit dem Text von Trude Herr ist ein Beispiel dafür oder das „Kind der Sterne“,  das seit den Achtzigern zu einem Klassiker wurde wie die „Freundin“, eine intelligente Hymne auf  das, was Männer nie verstehen werden.

Vor allem aber ist Anne Haigis authentisch. Die südliche Sprachmelodie bewahrt die gebürtige Rottweilerin auch nach über 25 Jahren Rheinland. Die Leidenschaft, mit der sie singt, hat etwas sehr Privates – trotz starker Bühnenpräsenz. Sie gibt den Ton an, im wahrsten Sinn des Wortes. Doch wer das Konzert beschreibt, kommt nicht am kongenialen Gitarrenspiel von Jan Laacks vorbei, der auch als Sänger das Klangbild  „rund“ macht. Wofür andere ein ganzes Band-Equipment brauchen, schaffen hier zwei Stimmen und zwei akustische Gitarren in einem Dialog, der viel offenbart von Musik als Ursprung aller Gefühle. Kunst ist das – nix Gekünsteltes. Und wenn Anne Haigis zum Abschied „Waltzing Mathilda“ anstimmt – dieses ursprünglich australische Volkslied, das mit Tom Waits und Rod Stewart Weltkarriere machte – dann mag man sich kaum verabschieden von diesem Sommer-Sonntag unter Bäumen, an dem das Wetter mal wieder ein Einsehen hatte. Wir wären aber auch bei Regen geblieben.  

Fotos: Stadt Gütersloh