Pionierarbeit, die sich gewaschen hat

47705Bad Lippspringe (lwl). Die Wäscherei „Die Brücke“ ist etwas Besonderes: Der Betrieb in Bad Lippspringe (Kreis Paderborn) wäscht und bügelt nicht nur professionell Wäsche, sondern gehört auch zu den Pionieren unter den Integrationsunternehmen in Westfalen-Lippe.

Adelheid Hoffbauer hat es geschafft, für sie steht die Rente an. Nur kann sich in dem Integrationsunternehmen „Die Brücke“ in Bad Lippspringe niemand ein Arbeiten ohne sie so recht vorstellen. Denn sie ist nicht nur Selfmade-Unternehmerin, sondern auch die Mitgründerin der Wäscherei in Ostwestfalen.

Der Betrieb expandiert und ist vergangenes Jahr in eine neue Produktionshalle am bisherigen Standort gezogen. Momentan arbeiten hier 33 Menschen, davon 16 mit einer Behinderung. Und es gibt noch ehrgeizigere Pläne: Die Geschäftsleitung strebt eine Verdoppelung der Kapazitäten und der Beschäftigten innerhalb von drei Jahren an. 60 Menschen sollen hier künftig insgesamt arbeiten. Nur will Adelheid Hoffbauer ja dann in Rente sein. „Definitiv“, sagt sie und nickt ihrer Schwiegertochter Christiane Hoffbauer zu, die neben ihr sitzt. Die junge Diplom-Pädagogin ist für die psychosoziale Betreuung im Unternehmen verantwortlich und wird einmal die Geschäftsführung übernehmen. Noch ein weiteres Familienmitglied arbeitet in diesem Betrieb: Adelheid Hoffbauers Tochter, die zugleich auch Ende 1996 einer der Hauptgründe war, „Die Brücke“ aus der Taufe zu heben.

„Meine Tochter hat eine Lernbehinderung. Das Unternehmen soll ihr und anderen Menschen mit Behinderungen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bieten“, sagt Adelheid Hoffbauer. „Die Brücke“ gehört damit zu den Vorläufern der Integrationsunternehmen in Westfalen-Lippe.

Selbst einen Betrieb zu gründen, war für die Unternehmerin ein großer Schritt. Aber ein nötiger, wie sie sich erinnert: Ihre Tochter hatte über drei Jahre einen Hauswirtschafts-Lehrgang für Jugendliche mit schweren Lernbehinderungen beim Kolping-Berufsförderungszentrum in Paderborn besucht. Das Pilotprojekt nach der Förderschule qualifizierte zwölf Menschen für den allgemeinen Arbeitsmarkt. Nur gab es für sie dort keine Arbeit, stellten die Eltern fest. „Die lernen doch unheimlich viel. Und es macht traurig, wenn nach drei Jahren nichts mehr ist.“ Und so kamen die Hoffbauers damals auf eine Idee: „Was hindert uns daran, eine Wäscherei aufzumachen?“ Ihr früh verstorbener Mann Dirk war Mehrheitsgesellschafter einer Firma für Leinwände in Kinos. Und das alte Rohrlager stand leer. Sie richteten es her und machten daraus die Keimzelle der „Brücke“: „Innerhalb eines halben Jahres haben wir das alles hier umgebaut.“
Der Paderborner Kolping-Diözesanverband wurde Teilhaber und wies den Weg zum LWL, der förderte und unterstützte. „Das war Pionierarbeit“, sagt Adelheid Hoffbauer und erinnert sich, wie sie sich vor 18 Jahren an einen Tisch setzte, mit LWL, Arbeitsamt und Kolpingbildungswerk. „Ich hatte furchtbare Angst davor, dass der Betrieb scheitert. Wir sind ein großes Risiko eingegangen.“ Sie wäre damals nicht allein auf die Idee gekommen, sagt sie. Aber ihr Mann gab ihr Mut. Nach seinem Tod übernahm die gelernte Grund- und Hauptschullehrerin das Zepter. „Heute würde ich mir das auch allein zutrauen“, sagt sie. Die meiste Unterstützung sei vom LWL gekommen. „Und alle, die heute beim LWL dabei sind, waren damals schon da“, sagt sie und freut sich über die Kontinuität in der Betreuung.

Als jetzt der Neubau für die Wäscherei anstand, der ebenfalls vom LWL mit gefördert wurde, stellte sie fest, dass sich die Zeiten geändert haben. Zum Positiven: Die betriebswirtschaftliche Beratung der Handwerkskammer Münster zum Beispiel gab es früher noch nicht. Das erledigte die Finanzbuchhaltung ihres Mannes. „Wir schauten bei Neuanstellungen immer schon danach: Was kannst du?“, blickt Adelheid Hoffbauer zurück. „Bei uns kommt es aber eben überhaupt nicht darauf an, was man nicht kann.“ Alle Mitarbeiter werden nach ihren Kompetenzen eingesetzt. „Das mussten wir erst lernen. Ebenso wie betriebswirtschaftlich zu denken“, so die heute erfahrene Chefin, „Denn Kuschelkurs geht nicht, wenn man im Wettbewerb standhalten muss.“ Christiane Hoffbauer ergänzt: „Die Arbeit muss machbar sein und die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie ihren Lebensunterhalt selbstständig verdienen.“

„Die Brücke“ bietet heute Arbeitsplätze hauptsächlich für Frauen. Derzeit arbeiten nur zwei Männer in der Wäscherei, auch wenn der Betrieb ursprünglich mit vier jungen Männern startete. „Denen war das hier zu sauber“, sagt Adelheid Hoffbauer und lacht laut mit ihrer Schwiegertochter. „Wir hätten aber gerne noch einen Wäscher zum Befüllen der Maschinen. Das ist für Frauen sehr anstrengend.“ Der Anspruch an die Qualität und Ordnung ist hoch – bis hin zu Details. „Kreuz und quer gepackte Frotteetücher? Das akzeptieren unsere Kunden nicht“, sagt Adelheid Hoffbauer und schüttelt den Kopf.

So, wie fast alle Mitarbeiter der ersten Stunden noch in der „Brücke“ arbeiten, sind auch die Kunden aus den Großraum Paderborn der Wäscherei treu geblieben. Bildungshäuser waren die ersten Kunden, die ihre Wäsche in Bad Lippspringe waschen und bügeln ließen. Heute türmen sich die Pakete und Wannen sortiert in der neuen Regalwand hinter dem Laden, der von 7.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet ist. Hotels, Restaurants und Senioreneinrichtungen gehören ebenso zu den Kunden wie viele Bad Lippspringer. Auch das Bistum Paderborn vertraut dem „Brücke“-Team: „Wir machen die ganze Domwäsche“, sagt Adelheid Hoffbauer. „Und alle wollen pünktlich ihre Wäsche haben. Da geht es hier manchmal ganz schön rund.“

In Westfalen-Lippe gibt es zurzeit rund 150 Integrationsunternehmen oder -abteilungen in größeren Firmen aus Industrie, Handel und Gewerbe, in denen rund 1450 Menschen mit Be-hinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Die Betriebe, die in der Regel zwischen 25 und 50 Prozent Mitarbeiter mit Handicaps beschäftigen, sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig. Sie müssen sich wie jedes andere Unternehmen am freien Markt behaupten. Der LWL unterstützt diese Firmen mit Mitteln aus der Ausgleichsausgabe, die Unternehmen leisten müssen, die nicht mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Mitarbeitern besetzen. Die Integrationsunternehmen bekommen Zuschüsse zu Investitionen, betrieblichem Mehraufwand, Betreuung und Lohnkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Bundesagentur für Arbeit und das Land Nordrhein-Westfalen über das Programm „Integration unternehmen!“. Die Arbeitsplätze sind im Schnitt mit 7.100 Euro pro Jahr deutlich kostengünstiger als die Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung (14.500 Euro pro Jahr).


BU: Die Geschäftsführerin Adelheid Hoffbauer (l.) packt überall mit an. Hier legt sie Trockentücher zusammen.
Foto: LWL/Arendt