Nachhaltige Mobilität für den Verkehr am Wesertor

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Mindener Verkehrsakteure diskutieren Perspektiven von Mobilität in Minden.

Minden. „Einen großen Bogen“, so Bürgermeister Michael Buhre, haben Mindener und Experten am vergangenen Donnerstag gespannt. Denn in einer Veranstaltung im Großen Rathaussaal ging es um Verkehr und Mobilität in der Zukunft, um städtebauliche Aspekte in der Mindener Innenstadt und Lösungen für den Verkehr im Wesertor-Quartier. Rund 120 Minderinnen und Mindener verfolgten die Vorträge von Prof. Dr. Topp (Verkehrswissenschaftler aus Kaiserslautern), Olaf Mumm (Urban Index Institut, Darmstadt) sowie Verkehrsgutachter Jörn Janssen (SHP-Ingenieure, Hannover) und diskutierten im Rahmen der Quartiersentwicklung Wesertor über das Thema nachhaltige Mobilität in Minden.

„Mobilität heute und morgen“ beleuchtete Professor Topp in seinem mit großem Interesse verfolgten Vortrag und hielt den Mindenern den Spiegel vor, die sich laut einer jüngsten Untersuchung – auch für kleine Strecken – am liebsten mit dem Auto fortbewegen: 57 Prozent nimmt danach der Pkw-Verkehr, 20 Prozent der Radverkehr und nur 5 Prozent der ÖPNV in Minden ein. In anderen Städten sind die Anteile des Autoverkehrs mit zum Beispiel 35 Prozent in Tübingen deutlich geringer, der Anteil des Fahrradverkehrs liegt hier bei 23 Prozent. Auch der ÖPNV-Anteil fällt in anderen Städten, wie in Schwerin und Potsdam mit jeweils 17 Prozent, vergleichsweise höher aus.

„Mobilität wird deutlich teurer“, so Prof. Dr. Topp. Deshalb gehe es in der Zukunft darum, mehr Mobilität mit weniger Verkehrsaufwand zu erreichen, multimodal zu agieren – also verschiedene Verkehrsträger für Wege zu benutzen – und häufiger das Fahrrad beziehungsweise das Pedelec für Strecken bis zu 10 Kilometern zu nutzen. Eine Zukunft sieht er auch für Mobilitätsverbünde (mehrere Haushalte teilen sich ein Auto), das Car-Sharing, Fahrradverleihstationen an Bushaltehaltestellen und Shared-Space (geteilter Raum) als funktionierende Verkehrslösung in Innenstädten.

Ziel müsse ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Verkehrsarten in einer Innenstadt sein, so der Verkehrswissenschaftler. Dem Auto komme hier oft ein zu großes Gewicht zu. Insbesondere für kurze Wege in einer Stadt sollten Menschen motiviert werden, umweltfreundliche Verkehrsmittel zu nutzen oder zu Fuß zu gehen. Topp: „Nur Fußgänger erzeugen Urbanität“. In Zusammenhang mit einer geplanten Verkehrslösung an der Kreuzung  Grimpenwall/Marienwall/Hermannstraße, die für das geplante Center am Wesertor notwendig wird, ermutigte Topp Politiker und Bürger, „keine Angst vor Eingriffen“ zu haben.

Wie Lösungen für einen solchen Eingriff aussehen können, trug Diplom-Ingenieur und Verkehrsgutachter Jörn Janssen im zweiten Teil der Veranstaltung vor. Zwei Möglichkeiten haben sich laut seiner Untersuchung, zu der auch eine Verkehrszählung gehörte, herauskristallisiert: 1. eine Kreuzung mit Signalanlage, an die der Marienwall zusätzlich angeschlossen wird und 2. einen Kreisverkehr. Diesen hält Janssen nach einer Gegenüberstellung für die bessere Lösung – trotz Kapazitätsengpässen in der Spitzenzeit (15 bis 18 Uhr). Der Kreisel gewährleiste insgesamt eine gute Erschließung des Quartiers und trage darüber hinaus zu einer Schadstoff- und Lärmreduzierung bei.

„Es gibt alternative Wege, vor allem für den Durchgangsverkehr, der allein 45 Prozent des Verkehrs auf dem Grimpenwall ausmacht“, so Janssen. Das sahen Mindener Bürger und Politiker, die von Moderator Andreas Jacob (FIRU, Kaiserlautern) direkt angesprochen wurden, eher skeptisch. Kritisch wurde in Bezug auf die starke Belastung dieses Abschnitts auch die vorgestellte „Verjüngung“ des Grimpenwalls zwischen Weserbrücke und künftigem Kreisel gesehen. Dieses würde Fußgängern und Radfahrern insgesamt mehr Raum geben und Möglichkeiten für eine komfortable Querung schaffen.

Wie schafft die Mindener Innenstadt mit einer Neuordnung des Wesertor-Quartiers den Sprung an die Weser? Dieser Frage stellte sich Olaf Mumm vom Urban Index Institut im Vorfeld des Referates von Jörn Janssen. Anhand von historischen und heutigen Fotos beleuchtete er eindrücklich die städtebaulichen und verkehrlichen Veränderungen, die Minden in den vergangenen 130 Jahren im Bereich Wesertor genommen hat.

In einer Podiumsdiskussion stellten Mindener Verkehrsakteure heraus, dass sich die Muster von Mobilität und auch der Umgang damit grundsätzlich verändert hätten. Ralf Collatz, Pressesprecher des ADAC OWL sagte, dass sich der größte Automobilclub Europas immer stärker für eine multimodale Mobilität ausspricht und sich in diesem Sinne heute eher als Mobilitätsdienstleister versteht. Burkhard Witte, Vorsitzender des ADFC Minden, bestätigte den allgemeinen Trend einer intensiveren Fahrradnutzung und sprach sich zugleich für eine bessere Einbindung der Fahrradfahrer in den Gesamtverkehr aus.

Kay Busche, Vertreter der Minden-Herforder Verkehrsgesellschaft mbH (MHV) wies darauf hin, dass die Verkehrsgesellschaft zusammen mit den Partnern stetig an einer Verbesserung und Stärkung des ÖPNV arbeitet. Die Neugestaltung des ZOB beispielsweise hätte bereits eine positive Entwicklung gezeigt. Eckhard Rüter, Vorsitzender des Beirats für Menschen mit Behinderung, merkte an, dass man sich in Minden beim Thema Barrierefreiheit auf einem guten Weg befinde und machte deutlich, dass bei den anstehenden Planungen in der Innenstadt darauf geachtete werden müsse, keine nachträglichen Sonderlösungen zu schaffen. „Maßnahmen zur barrierefreien Gestaltung müssen von vorneherein mitgedacht werden, davon profitieren letztendlich alle Menschen in einer Stadt“, so Rüter.

Das Schlusswort hatte Bürgermeister Michael Buhre, der Chancen in einer Umgestaltung der verkehrlichen Situation am Wesertor und einem Mobilitätskonzept für das gesamte Stadtgebiet sieht. Es gehe darum die Innenstadt zu stärken und attraktiver für Fußgänger und Radfahrer zu machen, so Buhre. Diese müssten sich „wohl fühlen“. Er ermunterte die Mindener das Wagnis einzugehen und einen ersten kleinen Schritt zu machen, auf dem weitere größere Schritte folgen. Ziel der Verkehrslösung am Wesertor müsse es auch sein, die Innenstadt näher an das Wasser zu bringen, beispielsweise mit einem öffentlichen Platz an der Weser.