Mit 33 Jahren beruflich neu durchstarten

Technische ZeichnerinKREIS LIPPE. Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, Aussiedlerin, keine formale Ausbildung in Deutschland und ohne Berufserfahrung – eigentlich sprach alles gegen Jenni Giesbrecht, als sie mit 33 Jahren den beruflichen Neuanfang wagte. Doch mit Hilfe von Norbert Priesel, Weiterbildungsberater beim Jobcenter Lippe, fand sie den Mut, eine Ausbildung in einem technischen „Männerberuf“ zu absolvieren. Ein Mut, der sich gelohnt hat! Noch vor der letzten Examensprüfung unterschrieb sie ihren ersten Arbeitsvertrag bei der Stork GmbH in Detmold.

„Als ich in meiner Heimat Kasachstan studiert habe, hatte ich ganz andere Pläne und Visionen für meine Zukunft im Kopf“, sagt Jenni Giesbrecht. „Dass ich schließlich über zehn Jahre zuhause bleibe und meine Lebenswelt sich nur auf die Kinder und die Krümel unterm Esstisch begrenzt, hätte ich nie gedacht.“ Wie kam es dann dazu? Kurz nach ihrem Abschluss wanderte Giesbrecht zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland aus. Ihr vierjähriges Fachhochschulstudium zur Buchhalterin und Ökonomin wird hier nicht anerkannt. Bald kam das erste Kind, dann das zweite. Jenni Giesbrecht lernte die Sprache und wurde mit ihrer Familie in Detmold heimisch. Doch es blieb der Wunsch, auch beruflich etwas zu erreichen. „Ich wollte wieder das Gefühl haben nützlich zu sein, für mich und mein Selbstwertgefühl, und nicht mehr von Hartz IV zu leben.“

Die logische Wahl fiel auf einen kaufmännischen Beruf, schließlich hatte sie diese Fachrichtung in Kasachstan studiert. Doch Norbert Priesel vom Jobcenter Lippe hatte andere Vorschläge. Nach einem Eignungstest und einem achtwöchigen Erprobungskurses stand das Ausbildungsziel fest: Technische Zeichnerin.

„Viele Frauen, die zu mir kommen, denken zu sehr in traditionellen Rollenmustern“, erzählt Weiterbildungsberater Priesel. Doch in den klassischen Frauenberufen sind auf dem Arbeitsmarkt kaum offene Stellen zu bekommen, während im technischen Bereich Arbeitnehmer händeringend gesucht werden. „Ein technischer Beruf muss nicht immer heißen, mit dem Blaumann durch die Werkstatt zu gehen. Auch hier gibt es Bürojobs bei denen nicht Muskelkraft, sondern abstraktes Denken oder räumliches Vorstellungskraft gefragt sind“, erklärt Priesel den Frauen dann. Seiner Erfahrung nach sind es nicht die Wirtschaftsunternehmen, die Probleme mit Frauen in Männerberufen haben, sondern die Frauen würden sich zu zögerlich in fremdes Terrain wagen.

Auch für Jenni Giesbrecht war der Gedanke zunächst sehr fremd: „Ich wusste zwar, dass ich in der Schule gut in Physik und Mathe war, aber ein technischer Beruf? Darauf wäre ich nie gekommen.“ Die anfängliche Skepsis wich nach dem Vorbereitungskurs Begeisterung. Zwei Jahre lang pendelte sie jeden Tag von Detmold nach Paderborn zur vom Jobcenter finanzierten Schule. Ihre kleinere Tochter war beim Ausbildungsbeginn gerade erst drei Jahre alt. „Da hatte ich ein bisschen Bauchschmerzen. Aber dank der Unterstützung der Großeltern hat die Betreuung gut geklappt“, so Giesbrecht.

Gleich nach der bestandenen Ausbildung fing sie Anfang des Jahres bei dem Detmolder Familienunternehmen Stork an, das sich auf Hallenbau spezialisiert hat. So hat die Firma an der Messe-Hannover oder am Moskauer Flughafen mitgearbeitet. Firmeninhaber Willi Stork lobt seine neue Angestellte: „Was ihr an Berufserfahrung gerade auf der Baustelle fehlt, gleicht sie durch Motivation und Interesse aus.“

Bildunterzeile: Hätte nie gedacht, dass ein technischer Beruf etwas für sie ist – Jenni Giesbrecht zeigt Norbert Priesel ihren neuen Arbeitsplatz. Foto: Stadt Detmold