Medizinische Fakultät muss kommen !

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Kreis Paderborn (krpb). Noch herrscht in Paderborner Praxen und Kliniken kein personeller Notstand. Doch auch die Ärzte werden immer älter. Das Durchschnittsalter der praktischen Hausärzte im Kreis Paderborn liegt beispielsweise bei 55 Jahren. „Nicht abwarten, sondern handeln“, sagt dazu Landrat Manfred Müller, der ins Paderborner Berufskolleg eingeladen hatte, um Chancen und Perspektiven der ärztlichen Versorgung zu diskutieren. Müller forderte erneut einen sofortigen Grundsatzbeschluss für die Gründung einer medizinischen Fakultät in OWL und bekam dafür prominente Schützenhilfe seitens der Ärzteschaft. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst, erklärte, dass in den nächsten 10 Jahren in OWL bis zu 2.200 Ärzte altersbedingt aus ihrer Berufstätigkeit ausscheiden würden. Gleichzeitig fehle der medizinische Nachwuchs. Windhorst forderte mehr und regional besser verteilte Studienplätze. Eine medizinische Fakultät in OWL könne dazu beitragen, dass mehr Mediziner in die Region kommen und vor allem auch bleiben. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einem Klebeeffekt.

Die Gründe für den sich abzeichnenden Ärztemangel seien neben hohem Altersdurchschnitt auch der Rückgang der Studienplätze. In Münster liege der Numerus Clausus beispielsweise bei 1,0, erläuterte Windhorst. Und trotzdem gebe es noch ein Losverfahren. Selbstverständlich habe er nichts gegen ein Einserabitur. Gleichwohl müsse auch die Motivation zählen. Der Nachwuchs werde vor dem Hintergrund dringend gebraucht, dass zunehmend Ärzte in Teilzeit arbeiten wollen, vor allem auch Frauen. Im Schnitt sei eine Ärztin nach der Approbation 29 Jahre alt. „Dann beginnt die biologische Uhr zu ticken“, sagte Windhorst. 70 Prozent der Ärztinnen arbeiteten bereits jetzt in Teilzeit. Der demographische Wandel und medizinische Fortschritt führten dazu, dass künftig noch mehr ärztliche Leistung nachgefragt werde. Demnächst fehlten 160 bis 170 Ärzte jährlich in OWL. Der Präsident der Ärztekammer erklärte auch, warum das Problem noch nicht richtig erkannt wurde: So liege beispielsweise der Anteil der ausländischen Assistenzärzte, die seit 2011 in den Regierungsbezirk Detmold gekommen sind, bei 58,9 Prozent. Für den Kreis Paderborn bewege sich dieser bei 64,2 Prozent. Ohne die ausländischen Fachkräfte „würde die Versorgung schon längst nicht funktionieren“, bekräftigte Windhorst. Der Präsident warb für flexiblere und familienfreundlichere Arbeitszeiten und mehr Teilzeit- und Anstellungsverhältnisse, die den Medizinern Lebensqualität und Sicherheit böten.

Marcos Luzius von der Kassenärztlichen Vereinigung bestätigte nicht nur die Zahlen sondern auch die Tatsache, dass die Medizin zunehmend „weiblicher“ würde (70 bis 80 Prozent der Studienanfänger sind Frauen) und generell bei Ärzten der Wunsch nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance bestehe. Seine Einschätzung untermauerte er durch die Ergebnisse eine Befragung unter Medizinstudenten (Quelle Hartmannbund 2012). Danach konnten sich nur 9 Prozent vorstellen, aufs Land zu ziehen. Die meisten würden sich lieber in einer mittelgroßen Kleinstadt ab 50.000 Einwohner (30 Prozent) sowie in einer größeren Stadt ab 200.000 Einwohner (ebenfalls 30 Prozent) niederlassen. Nur jeder zehnte möchte eine eigene Praxis gründen. 66 Prozent ziehen es vor, eine Gemeinschaftspraxis zu gründen. Allerdings könnten sich 35 Prozent und sogar 45 Prozent „vielleicht“ vorstellen, auf dem Land zu praktizieren und in der Stadt zu leben. „Da können Sie ansetzen“, meinte Luzius. Die Jungmediziner erhofften sich vor allem Unterstützung bei der Kinderbetreuung, kostenloser Bereitstellung von Praxisräumen und auch für den Ehepartner müsse sich ein Arbeitsplatz finden.

Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands und Hauptgeschäftsführer des St. Vincenz-Krankenhauses in Paderborn, setzte genau dort an und warb dafür, mehr Wohnraum für Fachärzte und junge Familien zur Verfügung zu stellen sowie Gemeinschaftspraxen zu fördern. Die unterschiedlichen Honorarsätze in den Bundesländern führten auch zu einem Wettbewerb zwischen den Regionen. Der demographische Wandel werde auch die Paderborner Kliniken vor eine große Herausforderung stellen. Bereits jetzt haben mehr als 50.000 Menschen im Kreisgebiet die Altersgrenze von 65 Jahren überschritten. Im Jahre 2030 würden zusätzliche 27.000 Menschen über 65 hinzukommen.

Dr. Ulrich Polenz vom Ärztenetzwerk Paderborn wies darauf hin, dass die Hausärzte 85 Prozent aller Diagnosen stellen würden. Dann folge die Bestätigung dieser Diagnose durch Fachärzte und Technik. Der Allgemeinmediziner müsse ein breites Wissen haben, der Fortbildungsbedarf sei zwangsläufig höher. Gleichzeitig verdiene er weniger als ein Facharzt. Diese hätten in Krankenhäusern und Kliniken häufig eine Lebensstellung, die ihnen finanzielle Sicherheiten böten. Vor dem Hintergrund sei es wenig verwunderlich, wenn junge Ärzte eher letzteres anstreben würden und „nach den Maikäfern auch bald die Hausärzte aussterben könnten,“ brachte er es plakativ auf den Punkt.

Beide Hauptvorträge können im Internet unter hier nachgelesen werden.

Bildunterzeile: Diskutierten Chancen und Perspektiven der ärztlichen Versorgung im Kreis Paderborn – von links nach rechts: Dr. Jürgen Polenz, Marcos Luzius, Dr. Theodor Windhorst, Dr. Josef Düllings, Landrat Manfred Müller