„Making Data Count“ in der Universität Bielefeld

Plakat_Maemecke_TagungBielefeld.(JK) Unter dem Titel „Making Data count – Quantifizierung und Kollektivierung im Internet“ fanden sich am 07. und 08. Februar Medienforscher/-innen verschiedener Disziplinen in der Universität Bielefeld zusammen. Dabei standen vor allem die Fragen im Vordergrund, wie sich durch interaktive  Internettechnologien zahlenbasierte Beobachtungsräume ausbilden und wie sich die Nutzer/-innen solcher Technologien  in Form wechselseitiger Orientierung, des Wettbewerbs, der Angleichung oder der Optimierung auf einander beziehen.

Das Internet ist ein genauso faszinierendes wie auch unerforschtes Medium. Internetfirmen wie Google, Amazon und Facebook sammeln nicht erst seit heute massenhaft Daten ihrer Nutzer und stellen sie ihnen wiederum zur Verfügung. So können sich die Nutzer untereinander vergleichen – vom meistgeklickten Videoclip über beliebte Suchbegriffe bis hin zu Verweisen auf Produkte, die andere Nutzer gekauft haben. Genau in diesem Feld versuchten sich die Medienforscher einen Überblick über laufende empirische und theorieorientierte Forschungen zu verschaffen. Dreizehn Forscher/-innen stellten in elf Präsentationen ihre neuesten Projekte vor und sorgten bei den weiteren Teilnehmern für reichlich Diskussionsstoff.

Den Anfang machte Ralf Adelmann von der Universität Paderborn mit seinem Vortrag „Plattformen zwischen regulativen Modellen und dezentralen Praxen“. Zunächst versuchte er die Frage zu klären, was Plattformen eigentlich sind und stieß dabei auf eine Vielzahl von Bedeutungen. Dementsprechend hielt Adelmann fest, dass Plattformen vor allem eine Grundlage für etwas anderes sind –zum Beispiel Betriebssysteme oder Programmiersprachen. Adelmanns Plädoyer während des Vortrags war, Plattformen, wie etwa WhatsApp, Facebook, Google, Twitter usw. überhaupt als solche zu problematisieren. Dabei stellte Adelmann eine nicht uninteressante These auf und behauptete, je erfolgreicher Plattformen agieren würden, desto unsichtbarer seien sie. Wenn man bedenkt, dass Plattformen, wie Facebook, Google, usw. noch nicht ansatzweise erforscht sind, so scheint Adelmann mit seiner These genau den Nerv der Zeit zu treffen. Trotz millionenfacher Nutzung bleibt die Plattform als solche relativ unscheinbar. Nicht nur deshalb, so waren sich alle Teilnehmer einig, muss der Begriff der Plattform angepasst werden und auf die neuen Zusammenhänge und Aktivitäten im Internet reagieren. Dementsprechend sei Adelmanns Projekt ein wichtiges theoretisches Angebot auf die neuen Herausforderungen im Internet.

Wer sich im Netz aufhält, hinterlässt eine Fülle von Datenspuren, die – ob einem das gefällt oder nicht – automatisiert gelesen und mit den Spuren vieler anderer Teilnehmenden verglichen werden können. Immer mehr Applikationen erfassen selbst flüchtige Aktivitäten wie das Anklicken einer Webseite, um mehr über Vorlieben, Interessen und Gewohnheiten der Netzteilnehmenden herauszufinden. Mit dem Vergleich von Usern beschäftige sich auch Thorben Mämecke von der Universität Paderborn in seinem Vortrag „Von Quetelet bis Quantified Self – Kleine Genealogie der Verdatung“. Jedoch untersuchte Mämecke solche Applikationen, in denen Daten zu persönlichen Vorlieben oder Aktivitäten freiwillig weitergegeben werden. Diese finden sich etwa im Gesundheits- und Fitnessbereich auf zahlreichen Webseiten und dienen der Verwaltung von Trainingsdaten. Bisweilen gehen diese Portale sogar so weit, dass sie ein tagebuchartiges Protokoll aller über den Tag verteilten Aktivitäten ermöglichen. Eben solche Portale waren Forschungsgegenstand von Mämecke. Unter anderem anhand des Vermessungsportals „rescue-time“ zeigte er auf, wie diese Selbstverdatungen funktionieren. So bewertet der Dienst „rescue-time“ die Produktivität der Nutzer und stellt sie in Vergleich zu anderen Usern. Durch zahlreiche statistische Verfahren werden Leistungen und Gewohnheiten beobachtbar und vergleichbar gemacht. Die User werden dadurch ständig mit Verschlechterungen oder Verbesserungen ihrer Produktivität konfrontiert.
Für Mämecke wurde so deutlich, dass die Selbstbeobachtungen dezentralisiert werden. Erst der Vergleich mit anderen und somit auch das „messen“ mit anderen Nutzern  würden die zentralen Selbstbeobachtungsmechanismen unserer Zeit ausmachen.

Eine spannende Frage stellte sich auch die Mediensoziologin Jutta Weber (Universität Paderborn) in ihrem Vortrag: „The fear of not being watched: Big Data und Techno-Security“. Warum geben User freiwillig ihre Daten an Portale wie Facebook ab? Was ist das Verführerische an solchen Portalen? Die Beantwortung dieser Frage sei jedoch noch „very work in progress“ und wurde dementsprechend kontrovers diskutiert. Für Weber wurde jedoch eines deutlich: es geht den Usern vornehmlich darum, selbst wahrzunehmen aber auch wahrgenommen zu werden. Dies sei vielleicht sogar ein kulturelles Bedürfnis. Schließlich würden wir in einer globalisierten Welt leben, in der das Gefühl der Verlassenheit immer mehr Leute ergreife. Außerdem schlug Weber die These vor, dass mediale Vorverhandlungen von Geschehnissen Überraschungen vermeiden würden – die Nutzer von Facebook also durch ihre Beobachtung und Teilnahme an solchen Vorverhandlungen ein Stück weit sicherer in die Zukunft blicken würden. Dennoch wunderte sich Weber, dass in Zeiten der Snowden-Affäre immer noch kein wirklicher Aufschrei durch das Netz ginge und die User weiter fleißig und scheinbar sorglos Portale wie Facebook, Google, usw. nutzen würden.

So gab die Tagung insgesamt einen Überblick über laufende Projekte, Forschungen und Überlegungen rund um die hier skizzierten Thematiken. Christoph Engemann (Universität Braunschweig) befasste sich etwa mit Transaktionen. In seinem Beitrag „Transaktionen – The ultimate unit of actitivity?“ kam der studierte Psychologe zu dem Schluss, dass die sozialen Medien aus allen Handlungen Transaktionen machen würden und auch zum Beispiel Anzeigen bei Google ökonomische Transaktionen seien.

Ramón Reichert von der Universität Wien beschäftige sich in seinem Vortrag „Big Data – Zur Epistemologie wissenschaftlicher Datenpraktiken“ unter Anderem mit der Anatomie eines Verbreitungsmechanismus. Anhand eines Videos zeigte er auf, inwiefern sich eine Nachricht über die sozialen Medien verbreitete. Dabei machte er einzelne „opinion-leaderships“ aus, deren Einträge über Twitter oder Facebook dafür sorgten, dass sich eine Nachricht besonders schnell ausbreitete. Reicherts Anliegen war und ist es vor allem, die Dynamik eines solchen Entstehungsprozesses zu beschreiben und herauszufinden, wie sich Nachrichten über die ganze Welt verbreiten.

Nicole Zillien und Gerrit Fröhlich von der Universität Trier stellten in ihrer Präsentation „Kollektive Selbstvermessung – Empirische Befunde zur Quantifizierung und Aggregation von Körperdaten“ ein empirisches Forschungssetting vor, welches die vitale Selbstvermessung behandelt und verwiesen damit auf eine einsetzende „reflexive Selbstverwissenschaftlichung“.

Auch am zweiten Tag standen viele spannende Vorträge auf dem Programm. Unter anderem ein Beitrag von Gerd Möll „Die Verdatung des Glücksspiels – Handlungsmöglichkeiten und Handlungsprobleme am Beispiel von Pokerspielern“ oder von Stefan Meißner „Quantified Self jenseits allgegenwärtiger Optimierung“.

Organisiert wurde die Tagung von Josef Wehner (Universität Bielefeld), Thorben Mämecke (Universität Paderborn) und Jan-Hendrik Passoth (TU Berlin). Eine gelungene und für alle Beteiligten sicherlich fruchtbare Veranstaltung, die in Zukunft wiederholt werden soll!

Text: J. Kotzott