LehrerInnen aus Westfalen-Lippe erkunden Schlachtfeldern Belgien

Lehrerstudienfahrt_2013_TynBielefeld/ Münster/ Ypern. 2014 jährt sich zum 100. Mal der Beginn des Ersten Weltkrieges. An den früheren Kriegsschauplätzen laufen die Vorbereitungen auf diesen Jahrestag bereits auf Hochtouren – so auch rund um die Stadt Ypern in der belgischen Provinz Westflandern. Wie wichtig ist das Gedenken an diesen Krieg für unser heutiges europäisches Bewusstsein? Welche Erinnerung bleibt und soll bewahrt werden? Ist die Geschichte des Ersten Weltkrieges auch für junge Menschen interessant? Auf Einladung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. machten sich vom 2. bis 5. Oktober 2013 25 Lehrer/-innen und Lehrer aus Westfalen-Lippe auf den Weg, um diese Fragen an Ort und Stelle zu beantworten.

Vor hundert Jahren hinterließen Minen, Geschütze und Granaten in Westflandern eine Trümmerlandschaft. Zwar sind die Städte und Dörfer längst wieder aufgebaut. Doch noch heute erinnert eine Vielzahl an Denkmälern, Gedenkstätten und Kriegsgräberfriedhöfen daran, dass diese Region einst ein einziges großes Schlachtfeld war, auf dem mehr als eine halbe Million Soldaten ihr Leben verlor. Besonders eindrucksvoll werden die Folgen des Krieges auf den Soldatenfriedhöfen sichtbar. Tyne-Cot – das ist der Name der weltweit größten Kriegsgräberstätte des Commonwealth. Auf einem Hügel nahe der Stadt Ypern reiht sich hier ein weißer Marmorgrabstein an den anderen. Fast 12.000 Opfer der Schlacht bei Passchendaele in den Jahren 1917/18 sind hier bestattet. Sie stammen aus England und Schottland, aber auch aus Australien, Neuseeland, Kanada und Südafrika

Lehrerstudienfahrt_2013_GruAls die deutsche Lehrergruppe auf dem Friedhof eintrifft, tummeln sich schon zahlreiche Schüler auf dem Friedhof. Sie kommen aus England und den Niederlanden. Die englischen Schüler beantworten Fragebögen und suchen die Gräber von Angehörigen. In Großbritannien gehört der Besuch der britischen Kriegsgräber zum Pflichtprogramm. Das Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges ist in den Staaten des ehemaligen Commonwealth, aber auch in Frankreich und Belgien noch sehr präsent.

Ein ähnliches Bild bietet sich auf der zehn Kilometer entfernten deutschen Kriegsgräberstätte Langemark. Auch hier erkunden die Schüler aus den europäischen Nachbarstaaten das Gräberfeld. Fast 45.000 deutsche Kriegsopfer sind hier bestattet. Von ihren Lehrern lassen sich die die Schüler die  Geschichte und den Mythos der Schlacht Langemark erklären. Im Oktober und November 1914 sind hier besonders viele junge Soldaten – Studenten und Schüler – ums Leben gekommen. Dem Mythos zufolge seien sie mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in die Schlacht gezogen. Wahr ist vermutlich, dass die verzweifelten Soldaten durch Rufe die rückwärtige Artillerie darauf aufmerksam machen wollten, dass sie die eigenen Leute beschoss.

Dienen die Friedhöfe heute als Mahnmale an den fürchterlichen Krieg, so vermittelt das Museum „In Flanders Fields“ in der wieder aufgebauten, prächtigen Tuchhalle von Ypern die historischen Hintergründe. Multimedial, mit vielen Animationen, anhand von Einzelschicksalen und zahlreichen Exponaten wird hier die Geschichte des Ersten Weltkrieges in Flandern eindrucksvoll dargestellt. Auch dieser Ort ist jetzt, bereits ein Jahr vor dem Jahrestag, von zahlreichen Einzelpersonen und Gruppen bevölkert.

Den Abschluss dieses Tages bildet für die Lehrergruppe die Teilnahme an der „Last Post“, dem „letzten Gruß“, einer Gedenkveranstaltung die seit 1927 allabendlich am Menentor in Ypern stattfindet. Gestaltet wird sie an jedem Tag von anderen Gruppen. An diesem Abend leistet ein Knabenchor aus England den musikalischen Beitrag. Staunend und bewegt nimmt die Lehrergruppe auch hier zur Kenntnis, wie viele Schüler und Jugendliche an der Veranstaltung teilnehmen, sowohl als Akteure als auch als Gäste.

Abgerundet wird die viertägige Fahrt durch den Besuch des „Parlamentariums“ in Brüssel. Seit 2012 präsentiert das EU-Parlament hier in 24 Sprachen die Geschichte und die Funktionsweise der Europäischen Union. Das Museum richtet sich in erster Linie an junge Besucher. Zeitgleich mit der Lehrergruppe sind Schüler aus mehreren europäischen Staaten anwesend, die mit Interesse die zahlreichen Multimedia-Angebote erproben. In einem Rollenspiel können Schüler hier als Abgeordnete des EU-Parlamentes den Prozess der europäischen Gesetzgebung nachvollziehen.

LEHRERSTUDIENFAHRT_2013_GruAm Ende der Fahrt sind die Lehrer durchweg beeindruckt von ihren Erlebnissen. „Meine Familie war zwar nicht vom Krieg betroffen,“ sagt Mechthild Weber aus Münster. „Trotzdem macht mich sehr betroffen, wie eine ganze Region durch den Ersten Weltkrieg verwüstet wurde. Unwillkürlich muss ich an den Bürgerkrieg in Syrien und andere aktuelle Kriege auf der Welt denken.“ Und angesichts der vielen britischen Schüler fragt der Bad Lippspringer Lehrer Matthias Schmitt: „Warum besuchen nicht viel mehrdeutsche Schüler diese Kriegsgräberstätten? Auf jeden Fall wäre dies ein wichtiger Impuls für ein europäisches Bewusstsein.“ Ob die Erinnerung an diesen Krieg für die Europäer aktuell und in Zukunft wichtig sei?  Diese Frage antworten alle Fahrtteilnehmer mit einem eindeutigen Ja.

Die Studienfahrt wurde ermöglicht durch die Stiftung „Gedenken und Frieden“ in Kassel und das AKE-Bildungswerk Vlotho. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. bietet ab sofort Schulprojekttage auf Kriegsgräberstätten in Westflandern an. Auskünfte erteilen die Landesgeschäftsstelle NRW (Tel. 0201/84237-0, E-Mail:  jugend-nrw[at]volksbund.de) die Bezirksgeschäftsstelle Bielefeld (0521/64443) oder die Bezirksgeschäftsstelle Münster (0251/56834).

BU1: Deutscher Soldatenfriedhof Langemark (Belgien): Fast 45.000 Tote des Ersten Weltkrieges sind hier bestattet.
BU2: Teilnehmerinnen der Fahrt erkunden diese größte Kriegsgräberstätte des Commonwealth.
BU3: Das  „Parlamentarium“ in Brüssel. Seit 2012 informiert die EU hier über ihre Geschichte und Funktionsweise.

Fotos: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.