Lehrer sind auch nur Menschen

Lehrerrunde: Frau Brune, Frau Jacobs, der langjährige Schulleiter Horst Grote und Karl-Heinz Becker. Foto: Zentrale Öffentlichkeitsarbeit Stadt Gütersloh

Gütersloh (gpr). Mit der Schulzeit hat es schon etwas ganz Besonderes auf sich. Und wenn man sich nach 40, 50 oder gar 60 Jahren wieder erinnert – da kommen plötzlich Sachen hoch! Gut 50 ehemalige Schülerinnen und einige Lehrer unterzogen sich diesem Rückführungsprozess beim zweiten „Erzählcafé“ dieses Sommers, das mit dem Titel „Vom Lyzeum zur Europaschule“ das 125 jährige Bestehen des Städtischen Gymnasiums in den Fokus stellte. Gefeiert wird ab 13. September. Das „Erzählcafé“ war ein kleiner Vorlauf, der Appetit auf mehr machte.

Als Ort für die Veranstaltung hatte das Moderatorenpaar Susanne Zimmermann (selbst „Alt-Schülerin“, Abijahrgang 1976) und Dr. Rolf Westheider, Leiter des Stadtmuseums, die neue Mensa auf dem Schulgelände ausgewählt – ein heller freundlicher Raum mit Bistrocharakter der viel aussagt über das Selbstverständnis des „Städtischen“. Schüler haben hier im Vorfeld ihre Anregungen eingebracht, die auch umgesetzt wurden. Von der Qualität des Caterers konnten sich die Cafégäste selbst anhand leckerer Obstkuchenstücke überzeugen. Friedhelm Reichert ließ in Vertretung von Schulleiter Dr. Siegfried Betlehem in seiner Begrüßung 35 Jahre selbst erlebter Schulgeschichte komprimiert Revue passieren: Nicht nur der Ganztag gehört hier zu den markanten Veränderungen.

Die prägten auch früher schon den Schulalltag in unterschiedlichster Form. Spannend war an diesem Erzählcafé, dass hier gleich mehrere Schülergenerationen lebhaft ihre Eindrücke schilderten. Dass im wesentlichen gestandene Frauen an diesem Nachmittag beisammen saßen, war wohl tatsächlich der Geschichte des Hauses und der Tatsache geschuldet, dass die Einladung zur Erinnerung offensichtlich speziell „ältere Semester“ zum Erinnern animiert. Schade eigentlich, denn die Jüngeren hätten vermutlich gestaunt über die kritische Offenheit, mit der die Eltern- und Großelterngeneration auf ihre Schulzeit zurückblickt.

So hat auch das „Mädchengymnasium“ in den späten Sechzigern und besonders Anfang der Siebziger Jahre den Paradigmenwechsel erlebt, der den Umgang mit Autoritäten in dieser Zeit prägte. Ein bisschen später vielleicht als anderswo, dafür aber mit der Wucht vor allem eines Beitrags in der Schülerzeitung „Zet“, der mit Schärfe und präziser Beobachtungsgabe das Lehrer-Schüler-Klima analysierte und kritisierte. Jürgen Jacobs, damals junger Lehrer, erinnert sich noch lebhaft an die Diskussionen im Klassen- wie im Lehrerzimmer. Und auch für die Teilnehmerinnen am Erzählcafé, die zu diesen Jahrgängen gehören, war die Stimmung von damals noch sehr präsent: „Wir hatten keine schöne Schulzeit,“ fasst eine von Ihnen die Jahre „vor 68“ lakonisch das System von Befehl und Gehorsam zusammen – und ist dann selbst Lehrerin geworden.

Zwei Schülerinnen-Generationen: Gretlies Steinbrügge aus Versmold und Frau Wiedey, geb. Kampwirth aus Gütersloh. Foto: Zentrale Öffentlichkeitsarbeit Stadt Gütersloh

Pauschalurteile vergeben die Gesprächsteilnehmerinnen an diesem Nachmittag allerdings nur selten. Schulgeschichte ist immer persönlich, differenziert und geprägt von der großen Erfahrung des Erwachsenwerdens in der jeweiligen Zeit. So sind die Berichte von Lucie Göhlsdorf aus Gütersloh oder Gretlies Steinbrügge aus Versmold verknüpft mit der Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs, während die Generation derer, die in den Fünfziger Jahren „Abi machten“, kaum Erinnerungen hat an den vermeintlich historischen Gütersloher Wettbewerb der beiden Gymnasien: „Wir fühlten uns als ‚Mädchenschule’ niemals zweitrangig,“ erklärte eine Teilnehmerin unter beifälligem Nicken ihrer Altersgenossinnen. Es scheint, so das Ergebnis nach intensiver Diskussion, ohnehin eine Unterscheidung, die von aussen an die Schulen herangetragen worden ist. Auch Vertreterinnen der so genannten „Frauenoberschule“ aus den Sechzigern verweisen zu Recht auf fundierte Fremdsprachenkenntnisse, Abiprüfung vor dem kompletten Kollegium und nachfolgende Unikarriere.

Der langjährige ehemalige Schulleiter Horst Grote repräsentiert beim Erzählcafé die Zeit wesentlicher Veränderungen, die „das Städtische“ heute noch prägen. Die Oberstufenreform, das immense Wachstum der Schule, der Aufbau internationaler Kontakte und ein Generationswechsel innerhalb der Lehrerschaft gehören zu seiner Amtszeit ebenso wie – nach Überwindung der Lehrermangel-Jahre – ein verstärktes Angebot von Schulaktivitäten außerhalb des Stundenplans. Auch daran erinnert man sich an diesem Nachmittag gern: an Ausflüge und vor allem an Klassenfahrten, an denen vermeintlich unerbittliche Pädagogen Schuhe und Strümpfe auszogen, um mit ihren Schülerinnen im Watt zu wandern oder die auf andere Weise zeigten, dass Lehrer „auch nur Menschen“ sind. Diese Haltung – so scheint es – wird von allen Schülergenerationen honoriert.

Alle Infos zum Schuljubiläums-Programm unter www.sg-guetersloh.de