„Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme“ erschienen

Gütersloh. Es fehlt an Erzieherinnen: Der Personalmangel in der Kinderbetreuung ist nicht nur die größte Hürde, wenn es ab August gilt, den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einzulösen. Auch die Qualität der frühkindlichen Bildung ist ausbaufähig. In Nordrhein-Westfalen bieten die Krippen zwar ein relativ günstiges Betreuungsverhältnis, allerdings besuchen mehr als die Hälfte der unter Dreijährigen keine Krippe, sondern andere Gruppenformen – und erhalten dort wesentlich weniger Aufmerksamkeit der Erzieherinnen. Das geht aus dem diesjährigen „Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme“ hervor, den die Bertelsmann Stiftung heute veröffentlicht. Stichtag für die Datenerhebung war der 1. März 2012.
In Nordrhein-Westfalen betreut demnach in den Krippengruppen eine Vollzeitkraft mehr als drei Ganztagskinder (1:3,4). Das ist ein guter Personalschlüssel im Ländervergleich – im Durchschnitt liegen die westdeutschen Bundesländer bei 1:3,7. Wie die meisten Bundesländer hat auch Nordrhein-Westfalen damit noch einen gewissen Abstand zum von der Bertelsmann Stiftung empfohlenen Personalschlüssel von 1:3. Die günstigste Betreuungsrelation haben die Krippen in Bremen, wo eine eine Erzieherin rechnerisch für 3,1 Kinder verantwortlich ist.
Die Bildungschancen der unter Dreijährigen verschlechtern sich deutlich, wenn sie statt einer Krippe andere Gruppenformen besuchen, in denen auch ältere Kinder betreut werden. In Nordrhein-Westfalen zählen dazu Gruppen für Kinder unter vier Jahren, altersübergreifende Gruppen (bis zum Schuleintritt) und für Zweijährige geöffnete Kindergartengruppen – das sind Kindergartengruppen für Kinder ab drei Jahren, die auch  Zweijährige besuchen. Mehr als 21 Prozent besuchen in Nordrhein-Westfalen Gruppen für Kinder unter vier Jahren, die mit 1:3,7 noch einen vergleichsweise akzeptablen Personalschlüssel aufweisen. 24,5 Prozent der Kita-Kinder unter drei sind in einer altersübergreifenden Gruppe mit einem ungünstigeren Personalschlüssel von 1:5,5. Weitere fast 38 Prozent der Kita-Kinder unter drei Jahren müssen sich in einer für Zweijährige geöffneten Kindergartengruppe mit einem durchschnittlichen Personalschlüssel von 1:7,6 begnügen.
Mit Blick auf den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, den Kinder ab dem vollendetem ersten Lebensjahr von August an besitzen, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung: „Der notwendige Ausbau der Kita-Plätze darf nicht zu Lasten der Qualität gehen. Mehr als die Hälfte der unter Dreijährigen findet in Nordrhein-Westfalen heute keine optimalen Bedingungen.“ Für die Qualität von frühkindlicher Bildung ist es von entscheidender Bedeutung, wie viele Kinder eine Erzieherin zu betreuen hat. Studien zeigen: Bessere Personalschlüssel ermöglichen mehr bildungsanregende Interaktionen und Aktivitäten für die Kinder. Zudem hat sich gezeigt, dass bei vergleichsweise guten Personalschlüsseln Kinder ihre sprachlich-kognitiven und sozialen Fähigkeiten besser entwickeln.
Für die Gruppe der Kinder zwischen drei Jahren und Schuleintritt ist eine unzureichende Anzahl an Kita-Plätzen kaum noch ein Problem. Auch in Nordrhein-Westfalen nehmen fast 93 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe eine Kindertagesbetreuung in Anspruch. Die Personalausstattung der Kindergärten ist hier allerdings schlechter (1:8,8) als im Westdurchschnitt (1:8,6) und erreicht nicht die Empfehlung der Bertelsmann Stiftung von 1:7,5. Spitzenreiter im Ü3-Bereich ist erneut Bremen mit 1:7,3.
Überdurchschnittlich viele Kinder nutzen in Nordrhein-Westfalen Ganztagsangebote. Mehr als 54 Prozent der unter dreijährigen KiTa-Kinder besuchen länger als 35 Stunden wöchentlich eine Kindertageseinrichtung – der westdeutsche Mittelwert liegt bei knapp 44 Prozent.  Obwohl in der Regel mit dem Alter der Kinder deren zeitlicher Betreuungsbedarf steigt, sinkt im Westen die Ganztagsquote bei Kindern, die älter als drei Jahre sind. So auch in Nordrhein-Westfalen: Knapp 42 Prozent der über dreijährigen Kita-Kinder nutzen hier ein Ganztagsangebot. Der Durchschnitt im Westen beträgt 34 Prozent. Der NRW-Wert ist relativ hoch vor dem Hintergrund des Fehlens eines gesetzlich geregelten Anspruchs auf eine tägliche Mindestbetreuungszeit. „Alle Kinder sollten Anspruch haben auf eine verlässliche ganztägige Betreuung. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz sollte deshalb auf eine Ganztagsbetreuung ausgeweitet werden“, sagte Dräger.
Zum Länderreport „Frühkindliche Bildungssysteme“:
Grundlage des jährlich erscheinenden Reports sind Auswertungen von Daten der statistischen Ämter des Bundes und der Länder aus der Kinder- und Jugendhilfestatistik und weiteren amtlichen Statistiken sowie einer Befragung aller zuständigen Fachministerien der Bundesländer durch die Bertelsmann Stiftung. Die Berechnungen hat der Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut / Technische Universität Dortmund durchgeführt. Der Länderreport bietet für jedes Bundesland ein Profil seines frühkindlichen Bildungssystems. Diese Profile sowie alle weiteren Daten und Fakten zu den frühkindlichen Bildungssystemen finden Sie im Internet unterwww.laendermonitor.de.
Der Personalschlüssel umfasst die Gesamtarbeitszeit einer Erzieherin, die sie einerseits direkt mit Kindern verbringt und darüber hinaus für weitere Aufgaben benötigt wie z.B. Elterngespräche, Teamsitzungen, Fortbildungen oder die Kooperation mit anderen Institutionen. Für diese Aufgaben benötigt sie mindestens 25 Prozent ihrer Arbeitszeit. Hieraus ergibt sich bei einem Personalschlüssel von 1:3 eine Fachkraft-Kind-Relation von einer Vollzeitkraft zu vier Ganztagskindern.