Klassik zu Pfingsten

Bad Salzuflen. Zwei Orchester- und zwei Kammerkonzerte sowie eine öffentliche Orchesterprobe: Zum nunmehr bereits zwölften Mal veranstaltet die Nordwestdeutsche Philharmonie das Festival „Klassik zu Pfingsten“ in der Konzerthalle im Kurpark von Bad Salzuflen, das zu einem „Muss“ für Musikfreunde aus nah und fern geworden ist und in diesem Jahr unter dem Motto „Mozart trifft Tschaikowskij“ steht. Auf dem Programm stehen beliebte Orchester-, Solo- und Kammermusikwerke von Wolfgang Amadeus Mozart und Peter I. Tschaikowkij oder aus deren Umfeld. Einzelkarten im Vorverkauf gibt es zu 22 bis 28 Euro für die Orchester-, zu 17 Euro für die Kammerkonzerte und zu fünf Euro für die Öffentliche Orchesterprobe an der Theaterkasse der Kurverwaltung, Telefon 05222/183-200, oder bei der Bürgerberatung im Rathaus an der Rudolph-Brandes-Allee, im Abonnement gibt es erhebliche Nachlässe für das „Gesamt-Abo“ (alle Konzerte inklusive Probe für 51 bis 70 Euro) oder das „kleine Abo“ (die beiden Orchesterkonzerte für 33 bis 42 Euro).

Nach der Eröffnung des Festivals am Freitag durch das Bläserensemble „Cologne Winds“ erklingen am Samstagabend das berühmte Klarinettenkonzert des Salzburger Meisters mit dem Soloklarinettisten Daniel Ottensamer von den Wiener Philharmonikern als Solisten sowie Tschaikowskijs „Fünfte“ aus dem Jahre 1888. Das Klavier steht dann am Sonntag und Montag im Mittelpunkt: Auf eine Matinee mit der jungen serbischen Pianistin Iva Jovanovic folgt mit Tschaikowskijs Erstem Klavierkonzert eines der vielleicht populärsten Werke seiner Gattung. Der dabei mitwirkende ebenfalls blutjunge Pianist Boqiang Jiang ist Preisträger des Wettbewerbes der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin und steht am Anfang einer viel versprechenden Karriere. Zudem können Interessierte am Samstag um 10 Uhr in der Konzerthalle auch an der Öffentlichen Generalprobe teilnehmen und „hautnah“ die Arbeit des Orchesters erleben. Die Leitung der Orchesterwerke liegt in diesem Jahr in den Händen von Simon Gaudenz, der 2009 mit dem Deutschen Dirigentenpreis die höchst dotierte Auszeichnung für Dirigenten in Europe gewonnen hat.
Los geht es mit
„Die Zauberflöte“

Die Ouvertüre aus der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ eröffnet das erste Kammerkonzert des diesjährigen Festivals am Freitag, 17. Mai, um 19.30 Uhr in der Konzerthalle im Kurpark, wobei sich das Ensemble „Cologne Winds“ vorstellen wird. Weiter im Programm sind „Mladi – Jugend“ von Leos Janacek, die „Sinfonia da Camera“ von Pierre Max Dubois, das Sextett Nummer eins von Carls Eisner, das Divertimento Nummer zwei in B-Dur (KV 439b, Anh. 299a) von Mozart sowie die „Tschechische Suite“ opus 39 von Antonis Dvorak. Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ ist nach wie vor die meistgespielte deutsche Oper. Ihr Erfolg liegt vor allem in der Volkstümlichkeit der melodischen Erfindungen. Leos Janacek ist vor allem als Opernkomponist zu Bekanntheit gelangt. Die überragende Bedeutung Janaceks liegt in dem Umstand, die Opernlibretti genauestens gemäß der tschechischen Sprachmelodie vertont zu haben. Der französische Komponist Pierre-Max Dubois gewann mit der „Serenade“ gewann Dubois den Großen Preis der Stadt Paris. Seine mehr als 150 Kompositionen sind in einer tonalen Musiksprache gehalten. Der fast völlig in Vergessenheit geratene Carl Eisner war erster Hornist der Königlichen Kapelle in Dresden und widmete das erste Bläsersextett dem Dresdner Tonkünstlerverein. Mozarts Divertimento (wörtlich übersetzt: Vergnügen) wiederum war eine musikalische Form, die gerade im 18. Jahrhunderten an europäischen Höfen gepflegt wurde. Es war von fröhlichem Charakter, mehrsätzig und wurde entweder als Tafelmusik oder Freiluftmusik gegeben. Im Konzert erklingen die Einzelstücke sechs bis zehn in einer frühen Bearbeitung für Oboe, Klarinette und Fagott gespielt. Und die „Tschechischen Suite“ von Antonin Dvorak opus 39 für Orchester war ursprünglich als Serenade geplant, aber im Verlauf der Arbeit an dem Werk entschied sich der Komponist für eine lockere Folge von Tanzsätzen. In der Konzerthalle erklingt das Werk in einer Bearbeitung für Bläsersextett von Ulf-Guido Schäfer.

Das Sextett „Cologne Winds“ wurde 2011 mit Studenten der Kölner Musikhochschule gegründet. Die jungen und talentierten Musikerinnen und Musiker verbindet in dieser außergewöhnlichen Besetzung nicht nur die Freude am gemeinsamen Musizieren, sondern auch die Harmonie des Zusammenklangs der Instrumente. Die Mitglieder Jennifer Seubel (Flöte), Marina Günkinger (Oboe), Felicia Kern (Klarinette), Fiona Williams (Horn), Peter Amann (Fagott) und Johannes Schittler (Bass-Klarinette) sind Preisträger renommierter Wettbewerbe und können auf eine große Orchestertätigkeit sowie auf eine bemerkenswerte Konzert- und Kammermusikerfahrung zurückblicken. Ihr Repertoire erarbeiten sie mit renommierten Professoren. Seit 2012 ist das Ensemble Stipendiat der Werner Richard-Dr. Karl Dörken-Stiftung.
Klarinettenkonzert
und fünfte Sinfonie

Das Klarinettenkonzert in A-Dur (KV 622) von Wolfgang Amadeus Mozart und die fünfte Sinfonie in e-moll opus 64 von Peter I. Tschaikowskij stehen dann am Sonntag, 18. Mai, um 19.30 Uhr in der Konzerthalle im Kurpark auf dem Programm des ersten Orchesterkonzertes unter der Leitung von Simon Gaudenz. Als Solist konnte dazu Daniel Ottensamer verpflichtet werden. Das Klarinettenkonzert ist Mozarts letzte Instrumentalkomposition und zugleich die Krönung seines Solokonzertschaffens. Die Faszination der Komposition dürfte in jener leisen Melancholie zu suchen sein, die viele Sätze des Mozartschen Spätwerks durchzieht. Die „Fünfte“ ist bis heute die am meisten gespielte der Tschaikowskij-Sinfonien. Sie erfreut sich beim Publikum auf Grund ihrer klangmächtigen Wirkungen größter Beliebtheit. Darüber hinaus ist sie formal ein perfekt gebautes Werk, das durch das Schicksalsthema eine zyklische Geschlossenheit erhält, wie sie nur wenige Werke der sinfonischen Literatur aufweisen können. Darin liegt letztlich ihre wahre Größe.

Am Pult des Orchesters steht Simon Gaudenz, der als international gefragter Gastdirigent zahlreiche renommierte Klangkörper in den Metropolen Europas leitete und leitet. Er erhielt viele Auszeichnungen und Preise und leitet seit 2004 als Künstlerischer Leiter und Chefdirigent das Collegium Musicum Basel. Seit der Saison 2010/11 ist er auch Erster Gastdirigent des Odense Symphony Orchestra. Tourneen, Auftritte bei Festivals, CD-Produktionen und Rundfunkaufnahmen runden seine umfangreiche künstlerische Tätigkeit ab. Seine Studien in den Fächern Klarinette, Komposition und Dirigieren absolvierte er in Luzern, Graz, Freiburg und Salzburg. Weitere wichtige Impulse erhielt er in der Zusammenarbeit mit Leon Fleisher, Kurt Masur, David Zinman und Eliahu Inbal.

Und Daniel Ottensamer gehört zu den international gefragtesten Solisten seines Faches. Sowohl als Solist und Kammermusiker, als auch in seiner Funktion als Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker konzertiert er mit namhaften Orchestern und bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten in den wichtigsten Musikzentren der Welt. Zahlreiche Preise bei internationalen Wettbewerben begleiteten seinen künstlerischen Werdegang. Meisterkurse gibt er in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Israel und Japan, daneben pflegt er eine umfangreiche Tätigkeit als Kammermusiker.
Erfindungswelten
großer Komponisten

Ein Programm der meisterhaften und fantasievollen Klavierwerke ist beim zweiten Kammerkonzert des Festivals als Matinee am Sonntag, 19. Mai, bereits um 11 Uhr in der Konzerthalle im Kurpark mit der jungen serbischen Pianistin Iva Jovanovic angesagt: wie sehr innerhalb eines vorgegebenen Formschemas kreativ komponiert werden kann, beweisen die für dieses Konzert ausgewählten Stücke. Sie alle reizen die Möglichkeiten der jeweiligen Gattung aus, spielen mit der Tradition, lassen den scheinbar begrenzten Rahmen hinter sich. Keines dieser Werke ist schematisch angelegt, immer siegt der Geist des jeweiligen Musikergenies über die potentiellen Grenzen der Gattung.

Das gilt sicher für Wolfgang Amadeus Mozarts eher unbekannten Variationenzyklus KV 398, der beweist, dass der wahre Meister auch im Gelegenheitswerk zu erkennen ist. Und das gilt erst recht für Ludwig van Beethovens Klaviersonate opus 27,1, die schon im Titel („Sonate quasi una Fantasia“) andeutet, dass hier Unerhörtes und Neuartiges geschieht. Aber auch Sergej Prokofieff zeigt in seinem Zyklus von klavieristischen Miniaturen opus 17 mit dem Titel „Sarkasmen“, was aus der in der Romantik scheinbar ausgereizten Form des kleinen Klavierstücks unter den Kompositionsbedingungen des zwanzigsten Jahrhunderts herauszuholen ist. Schließlich Frederic Chopin (Scherzo Nummer eins opus 20 h-moll, „Nocturne“ opus neun, Nummer eins b-moll, Ballade Nummer zwei, opus 38 F-Dur, „Nocturne“ opus neun, Nummer zwei Es-Dur und Ballade Nummer eins, opus 23 g-moll): Formstrenge und überbordende kompositorische Fantasie gehen Hand in Hand. Die Balladen scheinen frei von formalen Zwängen zu sein, unterliegen jedoch bei genauer Betrachtung einer strengen Ordnung. Und die Nocturnes sind ergreifende Kleinwerke, die kompositorisch aber zu beinahe unheimlicher Größe anwachsen.

Iva Jovanovic (Jahrgang 1989) erhielt ihre erste pianistische Ausbildung im Alter von sechs Jahren bei Professor Vanja Jelic, mit 13 Jahren besuchte sie das Musikgymnasium Kotor/Montenegro und studierte bei Professor Alexej Molchanov, ab 2005 das Musikgymnasium Belgrad in der Klasse von Olga Bauer. Bereits als Neunjährige gewann sie den ersten Preis des renommierten Internationalen Wettbewerbs „Nikolai Rubinstein“ für junge Pianisten in Paris, weitere bedeutende Auszeichnungen folgten. Mit 17 Jahren begann sie ihr Hochschulstudium zunächst an der Musikhochschule Belgrad, dann an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, wo sie zunächst bei Professor Arbo Valdma und seit 2010 beim renommierten Pianisten und Klavierpädagogen Professor Pavel Gililov studiert. Durch die Teilnahme an Meisterkursen bei bedeutenden Pianisten erhielt sie weitere wertvolle Impulse. Konzertreisen als Solistin und als Mitglied verschiedener Kammermusikensembles führten sie unter anderem nach Estland, Japan, Polen, Kroatien und Montenegro. Seit 2011 ist Iva Jovanovic Stipendiatin der Werner Richard-Dr. Carl Dörken-Stiftung.
Tschaikowskijs
Hommage an Mozart

„Nach meiner tiefen Überzeugung ist Mozart der höchste Gipfelpunkt, den die Schönheit im Bereich der Musik erreicht hat. Nur bei ihm habe ich geweint und gebebt vor Begeisterung, weil ich wusste, dass ich dem nahe war, was wir Ideal nennen. Beethoven hat mich auch erbeben lassen. Aber eher durch etwas wie Furcht und qualvolle Sehnsucht.“ Das schrieb Peter Tschaikowsky in sein Tagebuch. An seine Gönnerin Nadeschda von Meck schrieb er dann 1878: „Die Musik des Don Juan war die erste, die mich tief erschütterte. Sie weckte in mir die heilige Glut, die später Früchte trug. (…) Mozart verdanke ich, dass ich mein Leben der Musik widmete, er zwang mich, die Musik über alles zu lieben.“

Wolfgang Amadeus Mozart also war Tschaikowskijs Idol: die Streicherserenade C-Dur opus 48 mit ihrem eleganten Tonfall, mit der das zweite Orchesterkonzert des Festivals am Pfingstmontag, 20. Mai, um 19.30 Uhr in der Konzerthalle im Kurpark eingeleitet wird, ist trotz romantischer Emotionalität sicherlich als Hommage an das achtzehnte Jahrhundert und seinen großen Melodiker Mozart zu verstehen. Sie verbindet darüber hinaus russische Ausdrucksintensität mit schwebender französischer Leichtigkeit. Die Leitung dieses Konzertes liegt wieder in Händen von Simon Gaudenz, als Solist wird sich der junge Pianist Boqiang Jiang vorstellen.

Im Programm folgt Mozarts Sinfonie Nummer 38 D-Dur (KV 504), die zweifellos einen Sonderstatus unter den zahlreichen Werken Mozarts für sich beanspruchen kann. Sie ist zunächst einmal die letzte Sinfonie, die vor jener geheimnisvoll-magischen Trias der letzten drei Sinfonien entstand; darüber hinaus ist sie dreisätzig und somit Menuett-los, was in Mozarts Sinfonienschaffen doch eher die Ausnahme darstellt. Und dann steht sie in einer unüberhörbaren klanglich-dramatischen Nähe zum „Don Giovanni“, die in der Moll-Einleitung beschworen wird. Und Tschaikowskys erstes Klavierkonzert, das zum Abschluss dieses Programms und des Festivals überhaupt erklingen wird, wurde zu einem seiner bekanntesten Werke und schließlich zum unverwüstlichen Schlager der romantischen Musik. Wirkungsmächtige Virtuosität, melodische Unwiderstehlichkeit und raffinierte Verarbeitungstechnik sind die bestimmenden Merkmale dieses ersten Klavierkonzerts in b-moll opus 23 von Peter Tschaikowskij.

Der Pianist Boqiang Jiang wurde 1989 in Shandong geboren und begann im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel. 2003 kam er an das Zentrale Musikkonservatorium Peking und nahm fortan erfolgreich an vielen Konzerten, Meisterkursen und Wettbewerben im In- und Ausland teil. 2008 studierte er an der Musikhochschule in Weimar bei Professor Peter Waas, seit 2009 ist er Student der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ bei Professorin Gabriele Kupfernagel in Berlin. Er ist Gewinner des Fünften Berliner Klavierwettbewerbs 2010, wirkte beim Neuberufenen-Empfang 2011 mit und spielte unter anderem beim Beethoven-Marathon 2012.

Bild: Der Veranstalter