Interview mit Prof. Wolfgang Christ

Minden. Als städtebaulicher Berater wurde Prof. Wolfgang Christ in den Planungsprozess zur Entwicklung des Wesertor-Quartiers in Minden einbezogen. Er wird in der ersten Planungswerkstatt am 30. August ein Impulsreferat zu städtebaulichen Aspekten mit dem Titel “Stadtqualität vor Augen: Fokus Wesertor-Quartier“ halten.
Der Architekt und Stadtplaner ist seit 1993 Lehrender der Bauhaus-Universität Weimar und Experte für städtebauliche Fragestellungen. Prof. Christ hat die Urban INDEX-Philosophie entwickelt. Sie vereint 30 Jahre Praxis in Modellprojekten der Stadtentwicklung und des Städtebaus – verknüpft mit universitärer Forschung und Lehre.

1.Sie werden den Planungsprozess zur Entwicklung des Wesertor-Quartiers mit einer städtebaulichen Untersuchung und Beratung begleiten. Wo sehen Sie Ihre Hauptaufgabe für das Projekt in Minden?

Wir arbeiten im Auftrag der ECE an der städtebaulichen Integration der geplanten Wesertor-Galerie. Dieses Shopping-Center wird im Wesentlichen an Ort und Stelle bereits bestehender großer Handelsgebäude entstehen. Das heißt, wir begleiten einen Planungsprozess, bei dem es um Stadtumbau geht und in dessen Mittelpunkt der Einzelhandel und natürlich Handelsarchitektur stehen. Nun wird alle 4 bis 6 Wochen in einer deutschen Innenstadt ein Shopping Center eröffnet. Weder die Wohnungs- noch die Büroinvestoren und höchst selten die öffentliche Hand engagieren sich heute mit so hohen Summen in der Stadtmitte wie die Unternehmen der Centerbranche. Für mich geht es generell um die Frage, was können wir als Städtebauexperten dazu beitragen, dass aus renditeorientierten Investitionen in der Mitte einer Stadt ein nachhaltiger Gewinn für die Mitte eines Gemeinwesens erwächst. 1999 haben wir von Seiten der Bauhaus-Universität zusammen mit der Wirtschaft dieses Thema angepackt und in der sog. Leipziger Erklärung manifestartig illustriert. Das ist weiterhin die Basis meines Engagements.

2.Was sind die Schwerpunkte Ihrer Untersuchung?

Das Urban INDEX Institut hat sich zur Aufgabe gemacht, Stadtqualität vor Augen zu führen. Dabei geht es vor allem darum, den Raum der Stadt in all seinen Aspekten für das Funktionieren einer Stadt und für die Lebensqualität der Einwohner sowohl auf Defizite als auch auf Potentiale hin zu untersuchen. In Minden betrachten wir eingehend das, was unmittelbar mit der Entwicklung des Wesertor- Quartiers zusammenhängen könnte. Z.B. das Stadtbild, da die Lage auf jeden Fall die Qualität eines Stadttores hat! Wir untersuchen das Netz der Wege und Plätze, die Lage und Verteilung der Nutzungen, etwa Wohnen. Wir schauen uns die Lauflage an. Uns interessiert, wie lebendig der öffentliche Raum ist. Es geht immer darum, Grundlagen Schicht für Schicht zu erarbeiten, damit wir in der Gesamtschau den Kontext der Wesertor-Galerie so gut wie möglich erfassen können, denn nur so kann die städtebauliche Integration gelingen.

3.Was ist für Sie am Projekt „Wesertor-Quartier“ reizvoll/interessant?

Nach meinem Kenntnisstand ist dies das erste Mal, dass in Deutschland ein Shopping Center- Projekt im Rahmen eines öffentlichen Werkstattverfahrens zusammen mit Bürgerinnen und Bürgern auf den Weg gebracht werden soll. Ich habe mit Planungswerkstätten nur positive Erfahrungen gemacht. Wir haben z.B. in Kooperation mit dem Freiburger Öko Institut für das Land Rheinland-Pfalz und die Bahn AG den ’Umweltbahnhof’ als Modellprojekt entwickelt. Drei Modellbahnhöfe wurden Schritt für Schritt bis zum Masterplan im Konsens entworfen. Auch ein Planungshandbuch ist dabei entstanden. Reizvoll ist natürlich auch Minden als typisch europäische, über Jahrhunderte gewachsene Stadt: Denn wenn wir erfolgreich arbeiten und eine modellhafte Qualität erreichen, wäre dies sicher auch für andere Städte der Anlass, ähnliches zu versuchen. Und noch etwas reizt mich: die oft leidenschaftlich geführte Debatte um das Für und Wider von Shopping Centern zu versachlichen und konsensorientiert zu arbeiten. Städtebau lebt vom Ausgleich.

4.Ohne den Inhalt Ihres Referates am 30. August vorwegzunehmen: Welchen Impuls möchten Sie für die Planungswerkstätten setzen?

Die Antwort finden Sie schon in dem, was ich vorhin sagte: Wir stellen die urbanen Rahmenbedingungen vor, in dem wir die Schwächen und Stärken der städtebaulichen und stadträumlichen Verfassung der Mindener Innenstadt aufzeigen. Ziel ist es, die Chancen zu betonen und allen Beteiligten Mut zu machen, sachkundig und kreativ eigene Ideen in das Projekt einzubringen.

5.Herr Professor Christ, Sie haben die Urban-Index-Philosophie entwickelt. Können Sie kurz beschreiben, was diese beinhaltet und was neu an der Betrachtungsweise ist?

Was wir machen ist im Grunde ganz einfach und spiegelt eine alltägliche Erfahrung wider: Jeder von uns kennt sich mehr oder weniger gut an dem Ort, wo wir leben oder arbeiten, bis zu einem maximalen Radius von 500 Metern, aus. Und wir haben ein Bild dieses Raumes im Kopf, das aus Netzen und Knoten besteht, aus Wegen, Plätzen, Blickachsen, historischen Spuren, besonderen Bauwerken oder Objekten. Die Urban INDEX- Methode nutzt dieses Wissen: Jede Planungsaufgabe wird in einem Rahmen von einem Quadratkilometer betrachtet. Das ist der Kontext, in dem wir planen. Dann gliedern wir jede Planungsaufgabe anhand von 32 sog. Indikatoren, die uns in der Summe anzeigen, wie es um die Stadtqualität steht. Die Indikatoren sind grafisch lesbar, damit auch Laien verstehen, worum es geht. Neu ist auch, dass wir Städtebau in objektivierende Kategorien fassen und damit Stilfragen oder persönliche Vorlieben ausblenden. Zugleich versehen wir den Urban INDEX mit einer Agenda der Werte, denen wir uns verpflichtet fühlen und das sind die Werte der Europäischen Stadt.

6.Sie haben Ihr Fachwissen als Berater und Experte für Städtebau bereits in viele Projekte eingebracht, darunter im Gremium Architektur des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. und in der Kommission Memorandum für eine Nationale Stadtentwicklungspolitik im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Haben Sie bereits Städte bei Stadtentwicklungsprojekten, wie es in Minden geplant ist, beraten?

Städtebau bedeutet schon seit Jahrzehnten nicht mehr neue Städte zu bauen, sondern Planen und Gestalten im Bestand. Ich verstehe meine Rolle dabei als Mittler zwischen den Disziplinen und Maßstäben. Ende der 1990er Jahre konnte ich als Moderator der ’1. Regionale Natur- und Kulturraum NRW’ für Bad Oeynhausen und Bad Salzuflen an der Weiterentwicklung der Kurregion mitwirken. Für Leipzig engagierte ich mich im Olympia- Beirat, denn Olympia sollte sich als Stadtbaukultur- Projekt auszahlen. Auch in der Lehre geht es darum, die Zukunft aus dem Bestand zu schöpfen, zu vermitteln, dass wir – wie in Minden – Innenentwicklung betreiben müssen. In der Rhein Main- Region arbeitet mein Institut zurzeit ebenfalls an einem Projekt zur Integration neuer Handelsflächen in die Innenstadt.

7.Eine Ihrer im Internet vielzitierten Thesen lautet: „Shoppen kann man nicht alleine“. Was meinen Sie damit?

Mehr und mehr wird das Internet den Einzelhandel prägen, und zwar auf Seiten des Handels wie auf Seiten der Konsumenten. Immer mehr Waren werden via PC, Laptop oder Smartphone geordert und dann ausgeliefert. Wir können zu jeder Zeit und an jedem Ort potentiell alle Waren dieser Welt kaufen. Wenn wir also noch zur Ware in einen Laden kommen sollen, muss sich der Weg lohnen. Und die Ware allein ist es immer weniger. Einkaufen können wir alleine. Shoppen nicht, denn dazu braucht man Gesellschaft, das Bad in der Menge. Shoppen oder etwas altmodischer ausgedrückt: Bummeln, funktioniert nur in einer City, die mehr bietet als Schnäppchen und Cappuccino, nämlich eine unverwechselbare Gestalt; Menschen, die darin Wohnen und arbeiten; Kultur- und Bildungseinrichtungen; Kirchen und all das, was öffentliches Leben ausmacht, nicht zuletzt Schönheit der Gebäude, Plätze und Parkanlagen. Dann heißt Shoppen: In die Stadt gehen! Also z.B. in die City nach Minden.