Interkulturelle Angebote für mehr Integration

Mahmut Koyun, Gründer des gemeinnützigen Unternehmens Integra Plus.

Bielefeld. Mahmut Koyun hat eine Vision: eine interkulturelle Gesellschaft, in der Menschen mit Migrationshintergrund ihre Traditionen und Werte bewahren und gleichzeitig neue Wege gehen können, eine offene Gesellschaft, die Einwanderer als Bereicherung empfindet und deren Wissen und Können nutzt. Mit der Gründung der gemeinnützigen Integra Plus Unternehmensgesellschaft leistet der Sozialpädagoge mit Promotionsabsichten jetzt einen weiteren Beitrag. Sein Ziel: Die Finanzierung von interkulturellen Bildungsangeboten für Kinder, Jugendliche und Familien über Fördermittel und Projektgelder von Bund und Ländern, von Stiftungen und der Europäischen Union.

Mahmut Koyun ist selbst ein Paradebeispiel gelungener Integration. Der heutige Diplom-Sozialpädagoge und Medienpädagoge flüchtete 1986 als 13-Jähriger alleine aus dem kurdischen Gebiet in der Osttürkei nach Deutschland. Erst später kamen seine Eltern und Geschwister nach. Der kurdische Yezide mit deutscher Staatsbürgerschaft wohnt heute mit seiner Frau und seinen vier Kindern zwischen 11 und 18 Jahren in Bielefeld-Baumheide. Seit mehr als einem Jahrzehnt engagiert sich Koyun in der Sozialarbeit für Migrantinnen und Migranten in der Region. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der Integration seiner Volksgruppe, der Yeziden aus der Türkei, aus Syrien und dem Nordirak. Rund 700 yezidische Familien gibt es schätzungsweise in Ostwestfalen-Lippe, in Bielefeld und im benachbarten Halle befinden sich bundesweit bedeutende Gemeinden.

Mit den hier lebenden Menschen aus 150 Nationen bildet Bielefeld einen multikulturellen Schwerpunkt in der Region – und damit einen interessanten Ausgangspunkt für die Arbeit Mahmut Koyuns. Der 39-Jährige, der lange auch als Dolmetscher für die kurdische Sprache gearbeitet hat, ist seit 2009 im Auftrag von Kommunen im Bereich der Familienhilfe sowie der Kinder- und Jugendarbeit tätig. 2008 gründete der Sozialpädagoge die Ambulanten Familiendienste AFD. Hier bieten heute sechs sozialpädagogisch ausgebildete und sprachlich versierte Fachkräfte in Kooperation mit städtischen Einrichtungen ambulante Erziehungshilfen für junge Menschen mit türkischen, kurdischen, arabischen und russischen Wurzeln an.

Annäherung der Kulturen fördern

Ansprechpartner für Migrantenfamilien: Mahmut Koyun (r.) mit drei Einwandererkindern aus dem Irak.

Die seit Sommer bestehende Integra Plus mit Büro an der Herforder Straße 199 in Bielefeld soll das Angebot des AFD sinnvoll ergänzen. Über die gemeinnützige Unternehmensgesellschaft will Koyun mit öffentlichen Geldern interkulturelle Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und deren Familien schaffen. Diese sollen der Annäherung der Kulturen und damit der verstärkten Integration dienen. „Es fehlen spezifische Angebote für diese Zielgruppe“, sagt der Sozialpädagoge, der derzeit an der Universität Bielefeld seine Promotion zum Thema „Interkulturelle Öffnung“ betreibt. Viele der bestehenden Anlaufstellen seien überfüllt, die Mitarbeitenden überfordert, die Ressourcen ausgeschöpft.

Einen Schwerpunkt der Integra Plus stellen neue sozialpädagogische Konzepte für die bessere Eingliederung von Yesiden dar. „Die Menschen meines Volkes stammen, zum Teil, aus hierarchisch und autoritär geprägten Strukturen, der Anteil der Analphabeten ist enorm“, erklärt Mahmut Koyun, „die hiesige Gesellschaft mit einer vollkommen anderen Lebensweise birgt mit ihrem Werte- und Normensystem für diese Familien ein Konfliktpotential, besonders zwischen den Generationen.“ Als Moderator und Mittler zwischen den Kulturen will Koyun Perspektiven für alle Beteiligten aufzeigen: mit der Begleitung und Unterstützung von Neuankömmlingen wie von alteingesessenen Familien, mit Coaching-Programmen für Eltern in ihrer Muttersprache, die fundiertes pädagogisches Wissen zur Erziehung und Förderung der Kinder vermitteln, mit speziellen Angeboten für junge Menschen. Auch die Beratung und Schulung von Mitarbeitenden kommunaler Stellen oder von Lehrkräften an Schulen ist geplant, ebenso die Einrichtung von Wohngruppen für junge Menschen mit Migrationshintergrund, auch aus dem yezidischen Kulturkreis.

Ängste vor Ehrverletzung abbauen

„Mit unseren kulturellen Kompetenzen und unserem Methodenwissen können wir sehr speziell auf die Problemlagen eingehen, häufig müssen Ängste vor Ehrverletzungen abgebaut werden“, erklärt der AFD-Geschäftsführer und Inhaber der Integra Plus, „wir vermitteln den Menschen: Nutzt die Chancen und Möglichkeiten dieser Gesellschaft. Wir müssen uns selber integrieren, das kann keiner für uns übernehmen.“ Dabei ist ihm wichtig, Wege aufzuzeigen, wie man ein modernes Leben führen kann, ohne seinen kulturelle Hintergrund zu verlieren und seine Werte aufzugeben. In seinem Verwandten- und Bekanntenkreis gibt es einige Beispiele gelungener Integration ohne Aufgabe der Identität.

Koyun selbst verdankt vieles seinen Eltern: „Sie haben ihr streng traditionelles Erziehungsverhalten aufgegeben und uns stattdessen unsere kulturellen Werte vermittelt, nicht nur Sitten und Bräuche. Kritisches Hinterfragen war erlaubt.“ Dies sei eine gute Ausgangssituation für die Übernahme deutscher Werte und Normen gewesen. „Das Leben zwischen zwei Kulturen war und ist eine Bereicherung, auch eine persönliche“, sagt der Sozialpädagoge. Seine innovativen Ansätze und Konzepte würde Mahmut Koyun gerne in Kooperation mit Städten und Gemeinden im Großraum Bielefeld und in ganz Ostwestfalen-Lippe weiter verbreiten. Weitere Informationen unter: www.afd-familienhilfe.de

Fotos: Martina Bauer