In zehn Jahren 100 mal Literatur in Rietberg

Jan Wagner. Foto: Stadt Rietberg

Jan Wagner. Foto: Stadt Rietberg

Rietberg. Wenn am Freitag, dem 24. Mai, ab 19.30 Uhr im Ratssaal des Alten Progymnasiums der „Tristan“ von Meister Gottfried von Straßburg aus dem Jahre 1210 in neuhochdeutscher Übersetzung durch den Troubadour Friedrich Raad vom Düsseldorfer Theater der Dämmerung in wichtigen Auszügen zu Bildern von Wanja Kilber erklingt, so bedeutet das für „Literatur in Rietberg“ ein kleines Jubiläum. Zur 100. Veranstaltung der im Frühjahr 2003 von der Stadtbibliothek Rietberg gemeinsam mit dem kulturig e.V. ins Leben gerufenen Reihe, die von Anfang an vom örtlichen Buchhandel, insbesondere von der Buchhandlung Lesezeichen, mitveranstaltet wurde, richten sich Auge und Ohr auf eines der glänzendsten Hauptwerke der Literatur des Mittelalters. Der „Tristan“ entstand, als Romane und Gedichte mangels Drucktechnik kaum gelesen werden konnten, sondern überwiegend vorgetragen und gehört werden wollten.

„Zur Feier des Tages ist das wohl ein angemessener Rückgriff auf die Anfänge der deutschen Dichtung als Weltliteratur“, wie Manfred Beine, Bibliotheksleiter in Rietberg und Organisator der Reihe betont, die in den vergangenen zehn Jahren mit so illustren Namen wie Peter Rühmkorf, Martin Walser, Hellmuth Karasek, Katharina Hacker und Daniel Kehlmann aufwarten konnte. „Zur 50. Veranstaltung im Juni 2009 hatten wir Jan Philipp Reemtsma mit einer Lesung zu dem Weimarer Klassiker Christoph Martin Wieland zu Gast“, erklärt Beine lachend. „Da müssen wir zum 100. auf jeden Fall noch etwas tiefer in das raunende Imperfekt der schönen Literatur hinabtauchen!“

Den Anfang nahm die qualitätsvolle Reihe, die im Jahre 2007 mit dem „Stern des Jahres“ der Neuen Westfälischen („für hervorragende Leistungen im Kulturleben von Ostwestfalen-Lippe“) ausgezeichnet wurde, als Manfred Beine, bis dahin Stadtarchivar, im Jahre auch 2003 auch die Leitung der örtlichen Stadtbibliothek übernahm. Anfangs überwog, was Autorenlesungen betraf, Skepsis. Wie sollte man beginnen? Ein willkommener Zufall war, dass Rietberg gerade auf der Route von Monika Maron lag, so dass die Berliner Schriftstellerin im Februar 2003 mit ihrem Roman „Endmoränen“ die erste Lesung der Reihe in der Emsstadt bestreiten konnte. Der zweite Glücksfall war eine Veranstaltung mit Martin Walser im November 2004, die Rietberg zum ersten Mal eine vorab ausverkaufte Lesung bescherte. Vier Wochen später las Peter Rühmkorf im Ratssaal des Alten Progymnasiums, wieder ein volles Haus. Das waren Veranstaltungen, die der Reihe schon bald einen gewissen Ruhm verschafft haben.

Damit war auch Grundlage für ein sehr literarisches Programm gegeben, das auch Lyrik, Kurzprosa, Biographie und Literaturgeschichte Raum geben wollte. Auch nicht so bekannte Autoren wie Peter Kurzeck, Norbert Hummelt, Helmut Krausser, Raoul Schrott oder Adolf Endler fanden ihr Publikum. Heute ist „Literatur in Rietberg“ im Gebiet des Kreises Gütersloh und auch für das Publikum in den angrenzenden Städten eine feste Institution.

Dennoch bleibt jede Veranstaltung ein Wagnis, ist die Resonanz selten wirklich vorhersehbar. So war Manfred Beine vom außerordentlich guten Zuspruch für die Lesung mit Herta Müller im März 2006, damals war sie noch nicht die bekannte Nobelpreisträgerin, sehr überrascht, während er bei Terézia Mora und vor allem beim genialen Wilhelm Genazino, beide waren im Herbst 2009 in Rietberg zu Gast, deutlich mehr Zuspruch erwartet hatte. Im Großen und Ganzen aber stimmt das Verhältnis, ist aber finanziell für die Veranstalter nur tragbar, weil die Reihe von Beginn an von der in Rietberg beheimateten Seppeler Gruppe, später von der Dr. Klaus Seppeler Stiftung, bis heute großzügig unterstützt wird.

Natürlich kann man nach zehn Jahren von zahlreichen bemerkenswerten Erlebnissen mit bedeutenden Autorinnen und Autoren berichten. Von Günter Kunert etwa, der gleich eine ganze Woche in der Emsstadt blieb, von Reiner Kunze, der nicht nur vormittags mit Rietberger Lesepaten zusammentraf, sondern abends eine der intensivsten und schönsten Lesungen der Reihe überhaupt gestaltet hat.

Besonders spannend war die Begegnung mit Daniel Kehlmann am 18. November 2005. Manfred Beine hatte ihn als einen noch recht unbekannten Autor für ein ganz niedriges Honorar eingeladen. Ihm hatte das Vorabexemplar des Verlages von „Die Vermessung der Welt“ sehr gut gefallen. Als er später nach Rietberg kommen sollte, stand er damit gerade seit Kurzem auf Platz 1 der Bestseller-Liste. Die Frage war, würde er seinen ein halbes Jahr zuvor vereinbarten Termin noch einhalten? Dann wurde auch noch seine wenige Tage vor Rietberg in Paderborn angesetzte Lesung wegen Krankheit abgesagt.

Er kam dann aber doch. Wirkte eher schüchtern und etwas unsicher, war aber sehr freundlich. Las und trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Am anderen Morgen, ein Samstag, um 5.00 Uhr, unvergesslich, brachte Beine ihn für seinen Rückflug nach Wien nach Paderborn. Und als der Veranstalter am 19. April 2005 mit Brigitte Kronauer gegen 18.30 Uhr in die Emsstadt hineinfuhr, da läuteten tatsächlich die Rietberger Glocken, nicht wegen Frau Kronauer, sondern weil der neue Papst gewählt worden war.

Auch in den kommenden Jahren soll es mit Literatur in Rietberg weitergehen. Das Programm für den Herbst 2013 und das Frühjahr 2014 steht weitgehend fest. Rolf Schneider, Antje Vollmer und Bodo Kirchhoff werden mit von der Partie sein. Es wird einen Schwerpunkt zum 200. Geburtstag von Georg Büchner geben, weiterhin den kühnen Versuch von Veranstaltungen, in den Lyrik und Lyrik gelesen werden soll. Mit dabei sein wird auch Jan Wagner, heute der vielleicht wichtigste Lyriker der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Termin steht schon fest. Er, der schon einmal vor sieben Jahren, damals noch weitgehend unbekannt, Gast in Rietberg war, wird am 7. Mai 2014 im Alten Progymnasium lesen.

In den nächsten Tagen wird im Eingangsbereich der Stadtbibliothek eine kleine Ausstellung mit Ankündigungsplakaten zu 100 Lesungen in zehn Jahren von Literatur in Rietberg gezeigt. Sie wird auch vor und während der Pause zur Tristan-Darbietung der Jubiläumsveranstaltung am 24. Mai zu sehen sein. Karten zur 100. Veranstaltung von „Literatur in Rietberg“ gibt es an der Abendkasse (12 €) sowie im Vorverkauf (9,90 €) an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie im Bürgerbüro Rietberg, Telefon: 05244/986100 bzw. Email: kulturig@stadt-rietberg.de. Buchungen und weitere Informationen auch über www.kulturig.com oder www.rietberg.de. Die Zahl der Plätze ist begrenzt. Es empfiehlt sich eine frühzeitige Sicherung der Karten. Einlass ist um 18.45 Uhr.