Haarbilder des 19. Jahrhunderts im Mindener Museum

Haarbild_1Minden. Aktuell bewahrt das Mindener Museum rund 60.000 Objekte in seiner Sammlung auf. Wenn die im Aufbau befindliche Dauerausstellung fertig ist, werden noch immer 95 % der Objekte verborgen im Magazin lagern. Wie bei den Kabinettausstellungen begonnen, möchte das Museumsteam die Vielfalt, die Geschichte und den Dokumentationsstand seiner Sammlung vorstellen. Im Rahmen des Projekts „Objekt im Fokus“ soll daher alle zwei Monate ein Objekt der Sammlung im Foyer des Museums ausgestellt und seine Geschichte erzählt werden.

Das Objekt im Fokus in den Monaten Mai und Juni ist das sogenannte Haarbild. Dieses für unser heutiges Empfinden ungewöhnliche Objekt wurde dem Mindener Museum 1998 vererbt. Einer Aufschrift auf der Rückseite kann man entnehmen, dass die ursprüngliche Besitzerin 1859 in Hannover geboren wurde und in Minden lebte, bis sie 1940 verstarb.
Plastische Haararbeiten, wie das Mindener Haarbild, waren im 19. Jahrhundert besonders in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr beliebt. Sie entstammen der jahrhundertealten Sitte, Haare von geliebten Menschen zu Ihrem Andenken aufzubewahren. Das älteste Beispiel für eine zum Andenken aufbewahrte Haarsträhne wurde im Grab des Tutanchamun (1345-1335 v. Chr.) gefunden. Es handelt sich bei dieser Strähne um die Haare seiner Großmutter Königin Teje (1398-1338 v. Chr.). Bekannt ist auch die Haarlocke der Lucrezia Borgia (1480-1519), die in der Ambrosiana Bibliothek in Mailand zu ihrer Erinnerung aufbewahrt wird. Aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind einige kostbare Schmuckstücke aus Adelskreisen mit Haareinlage überliefert worden. Ende des 18. Jahrhunderts häuften sich erstmals die Beispiele von Haarschmuckstücken, die als romantische Liebes- oder Freundschaftsgaben auch verschenkt werden. Im 19. Jahrhundert wurde es dann geradezu zu einer Modeerscheinung sich mit Schmuckstücken aus Haaren zu umgeben. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden auch die plastischen Haarbilder.
Anlass zur Fertigung der aufwendigen Haarbilder boten freudige Familienfeste, wie ein Jubiläum, eine Hochzeit, eine Taufe oder die Erinnerung an einen geliebten, verstorbenen Menschen. Da Männerhaar oft nicht in ausreichender Menge für ein Haarbild zur Verfügung stand, wurden diese in erster Linie Frauen oder Kindern gewidmet. Hergestellt wurden die Haararbeiten entweder in Heimarbeit oder sie wurden bei einem spezialisierten Friseur oder Perückenmacher in Auftrag gegeben. Um das Haar in Form zu bringen, wurde es verklebt, gestickt oder mit Draht fixiert. Bei letzterer Technik wurde das in Schlingen um den Draht gewundene Haar abschließend gekocht und an der Luft getrocknet, um so die Form zu fixieren.

Um die Kostbarkeit des „Haarkunstwerks“ noch zu unterstreichen, wurde der Rahmen des Mindener Haarbouquets mit kunstvoll geprägten Messingblechen und textilen Borten verziert. Vor Staub und Beschädigung sollte die Verglasung des Rahmens schützen. Blumen waren ein außerordentlich verbreitetes und beliebtes Motiv für ein Haarbild. Im 19. Jahrhundert wurde jeder Blumensorte eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben. Diese Bedeutung wurde in zahlreichen Glossarien, wie z. B. in dem Buch „Allgemeine Blumensprache neuester Deutung“, Hrsg.: Reidhard´s Buchhandlung von 1837, erläutert. Durch das Zusammenstellen von  verschiedenen Blumen konnten somit individuelle Botschaften vermittelt werden. Leider lassen sich die aus Haar nachgebildeten Blumen heute nicht mehr mit Bestimmtheit identifizieren, so dass ihre verschlüsselten Botschaften verloren gegangen sind.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor das Haarbild mit der fortschreitenden Entwicklung der Fotographie an Bedeutung als individuelles Erinnerungsobjekt.