Gärtnermeister schwört auf Kraft des Erdtrabanten

Bei abnehmendem Mond frisch geerntet: Unterirdisch wachsende Gemüsesorten wie Kohlrabi, Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren und Rote Bete haben in diesen Tagen im September ihre beste Zeit. Davon jedenfalls sind Gärtnermeister Rainer Diekmann und Kaja Woelky überzeugt.

Detmold. Während andere früh morgens zunächst die Zeitung aufschlagen, wirft Rainer Diekmann einen Blick in ein kleines blaues Büchlein. Die vielen Symbole, die darin dem jeweiligen Datum zugeordnet sind, bestimmen den Tag des Gärtnermeisters aus Klüt maßgeblich mit. Seine Gärtnerei arbeitet nach dem Mondkalender – und unterscheidet sich auch sonst sehr von großen Gärtnereibetrieben.„Es gibt Tage, die sind besser geeignet um Pflanzen in die Erde zu bringen, sie zu pflegen und sie zu ernten als andere. Der Mondkalender sagt mir, wann ich mich am besten um Tomaten, Wurzelgemüse, Salat oder Kartoffeln kümmere“, beschreibt der 52-Jährige sein Vertrauen in die Kraft des Erdtrabanten. Die wichtigste Regel: Zunehmender Mond ist der richtige Zeitpunkt für Arbeiten an überirdisch wachsenden Pflanzen. Bei abnehmendem Mond kümmert sich Diekmann auf den drei Hektar seiner Gärtnerei lieber um Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und Rote Bete. Außerdem billigt Diekmann dem Mond Einfluss auf die Witterung zu. Je nachdem in welchem Tierkreiszeichen sich der Erdtrabant befinde, seien Wärme-, Kälte, Licht- oder Wassertage zu erwarten.

Die Arbeit nach dem Mondkalender steigert zwar nicht unbedingt den Ertrag. „Aber die Pflanzen sind gesünder, weniger anfällig für tierischen Befall. Und sie schmecken noch ein klein wenig besser als sonst“, meint Diekmann, dessen Familie seit 123 Jahren den Detmolder Wochenmarkt beschickt. Allerdings kann Diekmann bei der Ernte nicht immer ausschließlich nach dem Mondkalender verfahren. „Die Kunden auf dem Markt erwarten, dass sie bei mir während der Saison alle Gemüsesorten kaufen können. Da kann ich nicht sagen, wegen abnehmenden Mondes gibt es zwei Wochen lang keinen Kopfsalat.“

Wissenschaftlich belegt ist die Wirkung des Mondes auf Gedeihen und Geschmack der Pflanzen nicht. „Aber das er Einfluss auf das Leben  auf der Erde ausübt, ist zum Beispiel an den Gezeiten abzulesen“, steht Diekmann zu seiner Überzeugung. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, hätten Bauern nach dem Mondkalender gearbeitet. Dieses Wissen um die Kraft des Mondes sei durch den technischen Fortschritt verschüttet worden. „Es ist an der Zeit, dieses Wissen wieder zu beleben.“

Für Diekmann ist die Arbeit nach dem Mondkalender Teil seiner Philosophie: Er will möglichst naturnah produzieren: Die Schädlingsbekämpfung übernehmen Schlupfwespen und Meisen statt der Chemieindustrie. Sein Angebot als Lippequalität-Mitglied ist regional und saisonal. Monokulturen gibt es bei ihm nicht, und Obst wie Gemüse bleiben überwiegend in Erdmieten statt Kühlhäusern frisch.

Kaja Woelky, Studentin der Innenarchitektur in Detmold, hat diese Philosophie überzeugt. Aber: „Kaum ein Marktbesucher weiß, dass hier nach Mondkalender, Biostandards und mit kurze Wege für Gemüse und Blumen gearbeitet wird.“ Deshalb hat die 25-Jährige in ihrer Freizeit über ein halbes Jahr an Flyern und handgedruckten Rezeptkarten – für jede Woche ein neues Rezept – gearbeitet. So erfahren Diekmanns Kunden jetzt nicht nur, wie Omas Tomatensauce, Medaillons auf grünen Bohnen und leckere Zwiebelsuppe zu kochen sind. Sie lernen auch, dass der Mond großen Einfluss auf ihren nächsten Gemüseeintopf gehabt haben könnte.

Foto: Pressebüro Wort & Co