Die Zeit der jungen bayrischen Wilden ist vorbei

Halle/ Westfalen. Ein Konzert zum gemütlichem Hinsetzen auf zart gepolsterten Stühlen. Das Ambiente entsprach einer Kaffeefahrt in die Toscana für Rentner mit Budenzauber gepaart wie auf dem Oktoberfest in bayrischer Atmosphäre. Spider Murphy Gang präsentierten  am 6. Oktober ihre bayrischen Rock- Songs mit leider daher kommenden weichgespülten Rhythmen, die an einem Schonwaschgang für pflegeintensive Wolle im Waschsalon erinnerte, im Gerry Weber Event Center. Da sie ihr mitgewachsenes Publikum nicht aufwecken wollten, bestand ihr Abendprogramm hauptsächlich aus einschläfernden Balladen wie z. B. „Unterm Kastanienbaum“im sommerlichen lauschigem bayrischem Biergarten.

Die Spider Murphy Gang ist eine Band aus München, deren größter Hit 1981 der Titel  „Skandal im Sperrbezirk“ ihnen zum Durchbruch verhalf. Beim letztmaligen Konzert jedoch war vom Skandal nichts zu merken, da die Jungs sich wahrscheinlich auf Kaffeefahrten spezialisiert haben. Dem Durchschnittsalter der Band und auch das Publikums angepasstes Herzrhythmus schonendes Bohnenkaffee- Programm a lá Idee Kaffee Darboven. So folgte auf jedes etwas flattere Lied, sprich lascher Bohnenkaffee ohne Pepp, mit vorsichtig gehaltenen Zynismus in langen unlustigen Ansagen verpackt. „Das ist ja doch schön, dass einige da geblieben san“, so der Frontmann Günther Sigl auf der Bühne. Und ihre Musik säuselte wie leichte Tanzmusik durch den Saal. Als Zugabe, nach dem die Band plötzlich hinter der Bühne verschwand, dann endlich der Hit „ Skandal im Sperrbezirk „ und „ Schickeria“. Ob das Publikum danach lechzte war nicht zu erkennen.
Die Band in den jungen wilden Jahren war damals jedoch keine typische NDW-Band, sondern prägte überwiegend durch Rock´n´Roll-Musik mit Texten in bayrischer Mundart eine eigenständige Stilrichtung und tritt 35 Jahren als Live-Band auf. Zeitlich überlebt haben nur noch Günther Sigl und Barny Murphy aus der alten Formation.


Als Spider Murphy Gang noch in den Kinderschuhen saßen, spielte die Band zunächst bekannte Rock´n´Roll Stücke mit englischen Texten nach. Nach einigen erfolgreichen Auftritten wie beispielsweise in dem Schwabinger Musikclub Memoland wurde der Radiomoderator Georg Kostya vom Bayrischen Rundfunk auf die Gruppe aufmerksam. Dieser engagierte die Spider Murphy Gang für die von ihm moderierte Sendung Rockhaus, für die die Band auch die Titelmusik einspielte. Schnell wurden sie zur „Hausband“ des Bayerischen Rundfunks und hatten dadurch nun die Möglichkeit, sich zunächst als Coverband und später mit eigenen Liedern regelmäßig vor einem größeren Publikum zu präsentieren. Leider besannen sie sich wieder zu ihren alten Wurzeln und coverten an diesen Abend Songs von Peter Kraus, Elvis und alte Boogie Woogie Rhythmen mit sanften Rockzulagen sprich Einlagen für schmerzenden Füßen in Halle.


Moderator Kostya empfahl mehrfach, die bis dato vorherrschenden englischen Texte durch bayrische zu ersetzen, so dass die Bandmitglieder unter Federführung von Günther Sigl schließlich mehrere Lieder in dieser Stilrichtung komponierten. Die Lieder waren ihren englischen Vorbildern allerdings nicht einfach nachempfunden, sondern hatten jedes für sich eine musikalische Originalität und somit einen großen Wiedererkennungswert. Heute fehlt ihnen die damalige Originalität und der Rock´n´Roll Hüftschwung.
In der Anfangszeit sind auch viele Stücke aus ihrer kommerziell erfolgreichsten Zeit entstanden. Da war der Kaffee noch heiß und kräftig im Geschmack mit viel Koffein in ihrer Bühnenpräsenz. So kommentierte die Band später: „Die Stücke waren schon alle vor dem Erfolg fertig – wir wussten, dass es Hits waren.“
Im Jahre 1980 erschien die erste „eigene“ LP Rock ’n’ Roll Schuah. Mit volksnahen, häufig auch regionalen Themen in den Texten, die oft von notorischen Pechvögeln und Verlierern handelten, gelang der Gruppe schnell der Durchbruch im Münchner Raum.
Bereits ein Jahr später wurden sie mit ihrem Hit „Skandal im Sperrbezirk“ im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Das Lied, das den ersten Platz der deutschen Charts erreichte, ist auf ihrer zweiten LP Dolce Vita enthalten. Mit dem Lied Freizeit 81 griff die Band auch die damaligen politischen Ereignisse im Zusammenhang mit der Jugend- und Punkbewegung in München auf. Es folgten weitere erfolgreiche Singles wie Schickeria, Wo bist Du? und Ich schau dich an (Peep, Peep), ihre dritte LP Tutti Frutti sowie eine mehrwöchige Tour durch ganz Deutschland. Dadurch wurde 1982 schließlich das – auch kommerziell – erfolgreichste Jahr für die Spider Murphy Gang.


Die Zeit nach dem Erfolg. Parallel mit dem Abschwung der Neue Deutsche Welle, kurz NDW genannt,  wurde es zunächst auch um die Spider Murphy Gang deutlich ruhiger. Zwar schrieben sie weitere Lieder und gingen noch mehrfach auf Tournee, doch bei den Platten- und CD -Verkäufen konnte man nicht mehr an ihre früheren großen Erfolge anknüpfen. Daher der jetzige flach humorige Zynismus bei jeder Lied-Ankündigung beim Haller Konzert mit dem Hinweis, „ Als alter Musiker muss Sigl weiter auf Tournee gehen, da er nur 165 € Rente bekommt und jemanden eine Rolex Uhr für 3.500€ versprach, die er über CD – Verkauf das Publikum zum Kaufen anregen wollte. Schließlich verließen Busse (1986/87) und Trojan (1992) die Band und neue Musiker kamen zur Spider Murphy Gang.


Der Saal tobt tatsächlich für fünf Minuten und es werden Rock´n´Roll Songs gespielt. Der Gruppenzwang war merklich spürbar, da jeder ihre Vergangenheit würdigte, aber der heutige Abend hatte so eine Geste nicht verdient.
War das deren Bühnenstrategie, um dass in die Jahre gekommene Publikum noch einen Herzinfarkt zu verpassen? Ja, es klappte. Die Rechnung ging auf, und Spider Murphy Gang wurde mit tobenden Standing Ovation fragwürdig verabschiedet.
War das vorherige Konzert eine Testphase um sich dem grauen Publikum anzupassen?
Oder besinnen sie sich zu den Anfang ihrer Cover-Zeit!

Autoren: Peter Schnathorst, Susi Zett                              Foto: Peter Schnathorst