Deutschland: pro Kind rund 200.000 Euro Schuld

Gütersloh. Die Gesellschaften der meisten OECD-Staaten leben ihren Wohlstand und Reichtum in erheblichem Maße auf Kosten ihrer Kinder und der nachfolgenden Generationen. Sie gefährden damit nicht nur ihre eigene Zukunftsfähigkeit, sondern handeln auch ungerecht ge­genüber den eigenen Nachkommen. Zu dieser Einschätzung kommt eine internationale Ver­gleichsstudie der Bertelsmann Stiftung über die Generationengerechtigkeit in 29 OECD-Staaten.
Die ungleiche Nutzung der Lebenschancen zeigt sich dabei sowohl in einer sozialen, ökologischen und ökonomisch-fiskalischen Dimension. Auch Deutschland schneidet in dieser Vergleichsbe­trachtung nur mittelmäßig ab. Während beispielsweise in Estland auf jedes Kind unter 15 Jahren nur 4.600 Euro Staatsschulden entfallen, müsste jedes deutsche Kind bereits heute rund 192.000 Euro an öffentlichen Verpflichtungen schultern (Stand: Ende 2011). Das sind im Vergleich nur et­was weniger als im hochverschuldeten Griechenland mit rund 215.000 Euro oder Italien mit 222.000 Euro öffentlichen Schulden pro Kind. Schlusslicht in dieser Betrachtung ist das hochver­schuldete und gleichzeitig kinderarme Japan (571.000 Euro pro Kind). Staatsschulden pro Kind sind ein wichtiger Indikator für die zukünftigen Belastungen der arbeitenden Generationen. Dabei besteht die Gefahr, dass die Belastungen durch weiter steigende Verschuldung und höhere Zinsen bei einer gleichzeitig schrumpfenden Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter noch zunehmen werden.
Alle OECD-Gesellschaften „verbrauchen“ darüber hinaus mehr Natur und ökologische Ressour­cen, als es die planetaren Kapazitäten mittelfristig hergeben und belasten dabei auch die nachfol­genden Generationen ihrer und anderer Länder. So dürfte der so genannte ökologische Fußab­druck mit Blick auf ein generationengerechtes Handeln im globalen Maßstab durchschnittlich ei­gentlich nicht größer als 1,8 Hektar pro Person sein. Der ökologische Fußabdruck zeigt an, was gegenwärtige Generationen durch ihr Konsum- und Produktionsverhalten nachfolgenden Genera­tionen an negativen ökologischen Folgewirkungen hinterlassen. Tatsächlich verbraucht Deutsch­land derzeit rund 4,6 Hektar pro Person. Damit liegt es in der OECD hinter Ländern wie Polen, Israel oder Ungarn, die „nur“ zwischen 3,6 und 4 Hektar pro Kopf, aber damit dennoch deutlich mehr als die natürliche Kapazität des Planeten verbrauchen. Am Schluss des Vergleichs der west­lichen Industriestaaten liegen Belgien und die USA mit 7,2 Hektar und Dänemark mit sogar 8,3 Hektar pro Person.
Als weiterer Indikator für ein Gerechtigkeitsdefizit zwischen den Generationen und fehlende Nach­haltigkeit gilt das Ausmaß der Kinderarmut, die sich zumeist in schlechteren Bildungs-, Arbeits- und Einkommenschancen niederschlägt. Besonders prägnant ist dabei eine hohe Kinderarmut bei gleichzeitig relativ geringer Altersarmut. Hier zeigt sich, dass die nordeuropäischen Staaten die geringste Kinderarmut mit Werten zwischen 3,7 und 7 Prozent aufweisen, während die südeuro­päischen Staaten Portugal, Spanien und Italien die untersten Ränge belegen. Zu dieser Gruppe gehören auch die USA mit einer Kinderarmutsquote von über 21 Prozent. Deutschland liegt im Vergleich mit einer Quote von 8,3 Prozent dabei relativ weit vorn. Das größte Missverhältnis zwi­schen Kinder- und Altersarmut weisen derzeit die Niederlande auf: Während die Kinderarmut dort bei rund 9,6 Prozent liegt, sind nur 1,7 Prozent der älteren Menschen von Armut betroffen.
Die Bertelsmann Stiftung sieht in dem Missverhältnis und der fehlenden Nachhaltigkeit einen
großen Handlungsbedarf für die Politik in allen OECD-Staaten. Einen wesentlichen Ansatz, um für mehr Generationengerechtigkeit in der sozialen, ökonomischen und ökologischen Dimension der Nachhaltigkeit zu sorgen, sieht die Stiftung in gezielten Investition in die Fähigkeiten junger Men­schen und einer Besteuerung unerwünschter Entwicklungen. So sollten etwa umweltbezogene Steuern vermehrt zur Aufrechterhaltung des Wohlfahrtstaates in Zeiten des demographischen Wandels verwendet werden. Einnahmen aus umweltbezogenen Steuern direkt für Investitionen in frühkindliche Bildung oder für Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu nutzen, sei ebenfalls ein sinnvoller Ansatz.
„Die Bertelsmann Stiftung hat in Zahlen gefasst, worüber seit langem gesprochen wird: In zahlrei­chen OECD-Staaten sehen künftige Generationen einer Zukunft entgegen, die von Verschuldung, Armut und ökologischen Krisen geprägt ist“, erläuterte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, bei der Veröffentlichung der Studie. „Für die Politik sind diese Ergebnisse ein klares Signal: Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit gehören im 21. Jahrhundert ganz oben auf die Agenda.“