Das Normale gilt nicht mehr

JW-DiekämperBielefeld (JW). Die Pin-Nummer der Bankkarte vergessen, den Geburtstag des Patenkindes verschwitzt, die bezahlte Brötchentüte im Einkaufswagen liegen gelassen. Kann das schon der Beginn einer Demenz sein? Für den Psychologen Wolfgang Diekämper, im Ev. Johanneswerk in der Fortbildung von Altenpflegekräften tätig, ist das eine heikle Frage. Veränderungen eines Menschen, die durch eine Demenz bedingt sind, lassen sich für den Laien al-lenfalls durch längeres Beobachten feststellen, sagt er.

Zunehmende Vergesslichkeit kann ein Anzeichen sein. Meistens sind es jedoch verschiedene Verhaltensweisen, die dann in der Summe bei älteren Menschen auf Demenz hinweisen. Die häufige Klage über die eigene Vergesslichkeit beispielsweise, der überdimensionierte Einkauf für einen Haushalt, der nur noch aus einer Person besteht. Das ständige Vergessen von Verabredungen oder häufige Gesprächspausen, weil der Person das richtige Wort nicht einfällt, ein aggressiveres Verhalten als gewöhnlich, können Hinweise sein. Diekämper formuliert als Kriterium: „Wenn sich der Mensch über einen längeren Zeitraum anders verhält, als wir es von ihm gewohnt sind.“

Sichere Diagnose durch den Fachmann

Die sichere Diagnose einer Demenz ist nur durch den Facharzt, einen Neurologen oder in einer Gedächtnis-Sprechstunde möglich. Im frühen Stadium können oft die einer Demenz zugrunde liegenden Erkrankungen und deren Verlauf durch Medikamente positiv beeinflusst werden. Zum Beispiel die Förderung einer besseren Durchblutung des Gehirns oder die Gedächtnisleistungen bei beginnender Alzhei-merkrankheit. Aber auch das Umfeld kann dazu beitragen, dass Betroffene nicht un-nötig unter Druck geraten. „Wenn wir jemandem ständig vorhalten, was er nicht mehr zu leisten vermag, ist das für ihn stressig. “ Es sei ein Fehler, so Diekämper, Menschen mit Demenz ständig zur Einsicht oder zu üblichem Verhalten bringen zu wollen: „Das Normale gilt nicht mehr!“

Gelassenheit ist eine gute Einstellung für den Umgang mit dementen Menschen. Diekämper berichtet von Fällen, in denen der Wechsel aus der angespannten famili-ären Pflegebeziehung in eine betreute Einrichtung verblüffende positive Folgen hat-te. Die Fachleute dort gingen toleranter und gelassener mit den Verhaltensweisen des dementen Menschen um, schauten auf seine Bedürfnisse und erreichten damit mehr als die überforderten Angehörigen. In einer entspannten Atmosphäre, in der der demente Mensch so sein darf, wie er ist, stellt sich am ehesten das Gefühl der Geborgenheit ein. Wolfgang Diekämper fordert deshalb: „Die Umgebung muss sich anpassen, nicht der Mensch mit einer Demenz.“

Schmerzhafte Erlebnisse für Angehörige

Für Angehörige ist das eine große Herausforderung. Vor allem, wenn sie Ehepartner, Mutter, Vater, Onkel, Tante nicht mehr auf der Verstandesebene erreichen. Steht der betagte Vater am frühen Morgen im Schlafanzug, den Mantel darüber gezogen, im Flur und will zur Arbeit gehen, sind Diskussionen nicht hilfreich. Diekämper erläutert, was im Kopf vor sich geht: Wenn das Bewusstsein in der Gegenwart nichts zu tun hat – wie es bei Menschen mit Demenz häufig der Fall ist – öffnet sich sozusagen die Tür zur Vergangenheit. Was wichtig oder unwichtig ist, unterscheidet der Be-troffene nicht und fixiert sich dann auf den einen Gedanken: Es ist Morgen, ich muss jetzt zur Arbeit gehen. „Ihm anzubieten, dass er sich vorher mit einer Tasse Kaffee stärken solle und ihn dazu in die Küche einzuladen, kann ihn ohne Stress ablenken.“

Den Vater oder gar den eigenen Mann so hilflos oder verwirrt zu erleben, ist schmerzhaft und belastend. Der Psychologe Diekämper macht Angehörigen Mut, für die eigene Entlastung zu sorgen. Das kann ein Gespräch mit Fachleuten sein, das Einbeziehen eines ambulanten Dienstes, die Nutzung von Tagesstätten für einen Vormittag oder mehr, und die Kurzzeitpflege während der Familienferien. Sich Hilfe zu suchen und zu nutzen, kann auch die Beziehung zum dementen Angehörigen verbessern.

Weiterführendes zum Thema

Lesenswert:

„Menschen mit Demenz begleiten und pflegen“ von Wolfgang Diekämper, Pflegiothek im Cornelsen-Verlag

Als Fachbuch für Altenpflegkräfte konzipiert, eignet sich dieser Pflegiothek-Band auch gut für Angehörige und Ehrenamtliche. Das in drei Teile gegliedert Buch be-schreibt zunächst die Ursachen einer Demenz und Veränderungen für die Betroffenen, greift dann Grundsätze für Begleitung und Pflege auf und bietet im dritten Teil konkrete Hilfen. Die Beispiele aus der Praxis werden Angehörigen bekannt vorkommen und hier gibt es viele nützliche Hinweise, wie man entspannt reagieren kann.

Sehenswert:

VERGISS MEIN NICHT –
Buch und Regie: David Sieveking

Ein Film über die Liebe – zwischen Mutter und Sohn, Eltern und Kindern, Mann und Frau. Und er ist auch ein Film über Alzheimer-Demenz – eine Erfahrung, die viele Familien erschüttert und verändert.

David Sieveking entdeckt durch die Gedächtnisstörung seiner Mutter Gretel den Schlüssel zu ihrer Vergangenheit, zur Geschichte ihrer Ehe und zu den Wurzeln der gemeinsamen Familie. Liebevoll und mit zärtlicher Distanz dokumentiert er ihren geistigen und körperlichen Abbau und seine Versuche, ihr das Leben zu erleichtern. Mit viel Sinn für kleine Gesten und für den Zauber des Augenblicks, schafft er ein feinfühlig heiteres Familienporträt: die würdevolle, niemals rührselige Reise durch ein Menschenleben, an dessen Ende ein Anfang, in dem die Familie neu zueinander findet. – Der Film ist als DVD im Handel erhältlich.

Bildunterzeile: Psychologe Wolfgang Diekämper schult im Ev. Johanneswerk auch Altenpfle-gekräfte, die Menschen mit Demenz betreuen. Foto: Johanneswerk/Christian Weische