Brot mit Geschichte(n)

IngwersenHiddesen. Vor 80 Jahren eröffnete Johann Ingwersen in Hiddesen seine Bäckerei an der Hindenburgstraße. Auch sein „Hiddeser Graubrot“ feiert Geburtstag, denn das Roggenmischbrot mit einem besonders hohen Roggenanteil gibt es nach traditionellen Rezeptur bis heute hier. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Handwerksbrot, denn bis auf das Knetwerk ist alles an ihm Handarbeit. Von dem Sauerteigansatz über die Mehlmischung bis zur Formung gibt dieses Brot Zeugnis von edler Handwerkskunst. Gebacken wird es schließlich im Konzekasten in verschiedenen Größen und für seine Kundschaft in Hiddesen und Umgebung stets auch als Doppelback mit Rundumkruste.

Vom Großvater wurde die Rezeptur des „Hiddeser Graubrot“, an den Vater Johann Friedrich und an dessen Sohn Peter Ingwersen. Er hatte bei der Geschäftsübernahme zwar in der Backstube viel erneuert, aber der guten handwerklichen Backtradition blieb er treu. Das sieht man auch daran, dass er mit zu den Gründungsmitgliedern des Lippequalität e.V. gehört, in dem man sehr viel Wert auf beste regionale Handwerksqualität legt. So ist es für die Bäckerei Ingwersen selbstverständlich, ihr Mehl von einer regionalen Mühle im Familienbetrieb, der Kalletaler Mühle Redecker, zu beziehen.
Das Hiddeser Graubrot ist somit bereits legendär. Aber zur Geschichte des Brotes kommt noch eine Geschichte, denn die bekannte Kammersängerin Anneliese Rothenberger liebte genau dieses Brot „Hiddeser Graubrot“. Wegen seines hervorragenden Geschmacks und seiner Einmaligkeit ließ sie es sich sogar bis in die Schweiz schicken. Die Sängerin war Gast bei dem Detmolder Pianisten und Liedbegleiter Prof. Günter Weißenborn und seiner Frau gewesen und hatte dort dieses Brot kennen und lieben gelernt. Wieder zurück auf ihrem Quellenhof in Ballenstedt im schweizerischen Kanton Thurgau wollte sie es ihren Freunden und Gästen als Spezialität präsentieren. Deswegen bestellte Frau Rothenberger per Brief erstmals am 20. Juni 1980 bei der Bäckerei Ingwersen in 4935 Hiddesen „das hervorragende Kastenbrot“ in mehreren Exemplaren per Express. Es sollte „am Backtag noch ofenwarm“ postlagernd nach Konstanz geschickt werden, damit sie es sich dort ohne Zollformalitäten und Verzögerungen abholen könne. Sie wusste, dass dieses Brot erst am zweiten Tag richtig ausgebacken ist und seinen vollen Geschmack entfaltet. Der Versand wurde zur Tradition: 25 Jahre lang hat sich die promiente Sopranistin ihr Kastenbrot von Hiddesen regelmäßig an ihren Wohnort in der Schweiz schicken lassen.
Das „Hiddeser Graubrot“ ist nicht nur wegen seines alten Rezeptes und der Örtlichkeit etwas Besonderes. Das wirklich Besondere liegt in seinem herzhaften und trotzdem milden Geschmack. Der wird unter völligem Verzicht auf technologisch behandelte Zusatzstoffe durch die Detmolder Dreistufen-Sauerteigführung erreicht. Darauf ist man in der Bäckerei besonders stolz, denn das gibt es fast nur noch bei Ingwersen. Durch eine ausgeglichene Temperatur wird im Sauerteig ein gutes Verhältnis von Milch- und Essigsäure erreicht. Nur so kann dieses Roggenmischbrot mit einem sehr hohen Anteil an Roggenmehl und einem geringen Weizenmehlanteil wirklich backfähig werden und so lecker schmecken.

Seit dem vergangenen Jahr hat Peter Ingwersen die Nachfolge für die Bäckerei und die traditionellen Rezepturen in die Hände von Ulf Thierling gelegt, der seinerzeit bei ihm gelernt hatte und schon seit einigen Jahren die Verantwortung für den betrieb trug. So wird die Backtradition fortgesetzt und das „hervorragende Kastenbrot“ der Anneliese Rothenberger, die 2010 verstarb, auch in Zukunft in unterschiedlichen Größen, auch als Doppelback und in der Vollkornvariante angeboten werden. Der 35 Jahre alte Brief der berühmten Sopranistin, der erst kürzlich beim Aufräumen wieder gefunden wurde, soll jetzt im Café der Bäckerei Ingwersen einen Ehrenplatz bekommen.

Bildunterschriften:
1. Peter Ingwersen mit dem Brief Anneliese Rothenbergers, Anna Ingwersen und Ulf Thierling mit seinem „Hiddeser Graubrot“.