Bethel-Krankenschwester hilft in Jemen

Bielefeld-Bethel/Jemen. Diesmal waren sie nur zu zwölft. In den Jahren zuvor sind sie noch mit zwanzig und mehr medizinischen Fachkräften in den Jemen geflogen. Die Lage in dem Land ist angespannt. Die Aufstände im Rahmen des „arabischen Frühlings“ 2011/2012 forderten Tote. Bis heute gibt es Kämpfe und es wird geschossen. Und trotzdem machte sich ein ehrenamtliches Team des Hammer Forums auf den Weg, um im Krankenhaus der Stadt Taiz zu operieren.

Klaudia Nußbaumer ist OP-Schwester im Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB). Für die Hälfte ihres Einsatzes im Jemen wurde sie vom EvKB freigestellt. Bereits zum vierten Mal war sie in dem bitterarmen Land im Süden der arabischen Halbinsel. Diesmal stellte sie fest, dass die Menschen dort noch schlechter ernährt waren als zuvor. „Das sind die Folgen der Revolution. Die ganze Infrastruktur ist zusammengebrochen“, erzählt sie. Eine Veränderung zum Guten sei aber auch schon zu erkennen. „Die Menschen trauen sich, über die Armut zu reden. Das war vorher undenkbar. Und die Frauen fangen an, sich mutiger zu kleiden.“

Während der Aufstände im Jemen kam es in Taiz mehrfach zu brutalen Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Einschusslöcher am Haupthaus des Hospitals zeugen davon, dass die Auseinandersetzungen auch vor dem Krankenhaus nicht halt gemacht haben. Die Befürchtungen der Mitarbeiter vom Hammer Forum, dass das Lager mit medizinischem Material geplündert worden sein könnte, bestätigten sich zum Glück nicht.

Dass Hammer Forum ist ein Verein, der Kindern in Krisengebieten medizinische Hilfe zukommen lässt. Mehrmals im Jahr fliegen Teams mit deutschen und seit Kurzem auch mit österreichischen Fachkräften in afrikanische Länder und in den Jemen. Die Zusammenarbeit mit dem Al-Thawra-Hospital in Taiz besteht bereits seit 15 Jahren.

„Um viertel vor sechs war Wecken. Dann hat uns Saif, der Koch, mit der Trillerpfeife aus den Betten gerissen“, erzählt Klaudia Nußbaumer. Die Quartiere auf dem Krankenhaus-Gelände seien für jemenitische Verhältnisse Luxus. Europäer müssten hingegen ihre Ansprüche sehr herunterschrauben, so die OP-Schwester. Immerhin habe es fließend Wasser gegeben, und die Toiletten hätten auch meistens funktioniert.

Mit der Ausstattung im OP ist die erfahrene Krankenschwester mittlerweile so vertraut, dass sie damit bestens zurechtkommt. Es gibt nicht alles. Und das OP-Team muss improvisieren. „Ein guter Operateur braucht eigentlich nur eine Schere und eine Pinzette“, meint Klaudia Nußbaumer. „Und die Ärzte vom Hammer Forum sind gut und sehr erfahren.“ 600 Kinder haben sie zusammen mit ihren jemenitischen Kollegen in zehn Tagen untersucht und 118 operiert. Zu den häufigsten Operationen gehörten Eingriffe im Mund-,Kiefer- und Gesichtsbereich, Leistenbrüche und Klumpfuß-Korrekturen.

Weil die Lage im Jemen immer noch gefährlich ist, haben andere Nationen ihre Hilfsorganisationen abgezogen. Sie haben Angst vor Entführung und Erpressung. Dass das Hammer Forum seine Arbeit in Taiz nach einem Jahr Pause wieder aufgenommen hat, ging sofort durch Funk und Fernsehen. „Vor dem Krankenhaus warteten Massen von Eltern mit ihren Kindern“, berichtet die Betheler OP-Schwester. „Wenn wir Kinder ablehnen müssen, weil die Operation nicht in Taiz durchgeführt werden kann, zum Beispiel neurochirurgische Eingriffe, sind die Hoffnungen der Familien zerstört. Das ist jedes Mal eine Tragödie“, sagt Klaudia Nußbaumer.

Manchmal bringt das Hammer Forum Kinder mit nach Europa. Sie werden in deutschen Krankenhäusern behandelt und leben während dieser Zeit in Gastfamilien. Klaudia Nußbaumer hat sich Gedanken darüber gemacht, ob das für die Kinder nicht zu belastend ist. Denn sie kommen mutterseelenallein ohne Sprachkenntnisse in ein völlig fremdes Land. „Das Mädchen Nada musste zwei Jahre in Deutschland bleiben. Sie spricht jetzt perfekt Bayrisch, aber kein Wort Arabisch mehr. Und sie liebt Pommes mit Schnitzel.“ In ihrer Sorge um das Wohl der Kinder, hat sich die Bethel-Krankenschwester an eine junge jemenitische Frau gewandt, die selbst mehrmals als Patientin in Deutschland war. „Sie hat geantwortet, es gebe die Wahl zwischen tot oder psychisch krank, und sie entscheide sich für psychisch krank.“ Um den Kulturschock abzumildern, kümmern sich seit einiger Zeit in Deutschland immer mehr Familien mit arabischen oder türkischen Wurzeln um die Kinder.

Klaudia Nußbaumer war nicht zum letzten Mal im Jemen – trotz des chaotischen Materiallagers, der kaputten Tragen oder der unzuverlässige Stromversorgung. „Vor allem geht es mir um die Menschen“, betont sie. „Sie haben Angst, dass wir sie mit ihren Problemen alleine lassen. Aber wir werden wiederkommen.“ Und das EvKB wird die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch weiterhin bei ihren Hilfseinsätzen unterstützen.

Fotos: Hammer Forum