Ausbildungsabbrüche mit VerA vermeiden

OLYMPUS DIGITAL CAMERABielefeld. IHK und Senior Experten wollen Ausbildungsabbrüche mit VerA vermeiden.

Zunehmender Fachkräftemangel stellt den Ausbildungsmarkt in Deutschland vor große Herausforderungen. Noch halten sich Ausbildungsstellenangebot und –nachfrage in etwa die Waage. Aber schon längst wird nicht mehr jeder Ausbildungsplatz besetzt. Hinzu kommt, dass etwa 20 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst werden – ein erheblicher Teil davon aus eigener Entscheidung der Auszubildenden. Gründe dafür, dass junge Menschen in der Ausbildung nicht durchhalten, gibt es einige.

Oft verbauen Probleme im persönlichen Umfeld, der Berufsschule oder im Betrieb den Weg. In anderen Fällen ist die eigene Motivation zu gering, die Prüfungsangst zu groß oder aber der einstige Wunschberuf entpuppt sich schon in der Ausbildung als falsche Wahl. In diesen Fällen, in denen die neutrale Beratung der Ausbildungsberater nicht ausreicht, um das Ausbildungsverhältnis aufrecht zu erhalten, kooperiert die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) seit mehr als fünf Jahren mit dem Projekt „Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen“, kurz VerA.

Gegründet wurde die deutschlandweite Initiative vom Senior Experten Service (SES), einer gemeinnützige Stiftung der deutschen Wirtschaft, gemeinsam mit den Spitzenverbänden der deutsche Industrie, des Handwerks und der freien Berufe. Förderer ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung über sein JOBSTARTER-Programm. VerA ist ein Angebot an alle Auszubildenden, die an Grenzen stoßen.

Die Notwendigkeit von Programmen wie VerA verdeutlicht Swen Binner, IHK-Geschäftsführer Berufliche Bildung, mit einem Blick auf die aktuellen Zahlen der Ausbildungsabbrecher. Die Quote der Vertragslösungen lag demnach im vergangenen Jahr bei knapp 22 Prozent. „Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass sehr viele Verträge von den Auszubildenden gelöst werden, da sie eine aus ihrer Sicht besser geeignete Ausbildungsstelle – zum Teil noch in der Probezeit – gefunden haben“, erklärt Binner. Indiz dafür sei, dass von den absolut knapp 2.000 Vertragslösungen im vergangenen Jahr 253 noch vor Beginn der Ausbildung erfolgt seien. Diese Vertragsaufhebungen erfolgen nach Angaben der IHK fast ausschließlich durch die Auszubildenden, die ihre Ausbildungsstelle nicht antreten möchten.

„Besonders hoch ist die Lösungsquote im Gastgewerbe, wo jeder zweite Vertrag im letzten Jahr gelöscht worden ist“, sagt Binner. Überproportional hohe Zahlen verzeichneten auch das Verkehrs- und Transportgewerbe mit 29 Prozent und die Holzverarbeitung mit 27 Prozent. „Recht gering sind die Quoten bei den Banken und in der Metalltechnik mit etwa 14 Prozent, bei den Industriekaufleuten mit 11,4 Prozent und in der Elektrotechnik mit 9,4 Prozent.“ Die Verhinderung möglicher Ausbildungsabbrüche stellt daher laut Binner eine wichtige IHK-Aufgabe dar.

Die Kammer biete dafür Gespräche mit Auszubildenden an, die Probleme in den Betrieben haben. Darüber hinaus wurde die Zusammenarbeit mit den allgemein bildenden Schulen durch das Projekt „Kooperation IHK – Schule – Wirtschaft“ deutlich verbessert und die Berufsorientierung durch die IHK-Lehrstellenbörse und Publikationen wie den IHK-Ausbildungsatlas unterstützt. „Eine längerfristige Begleitung von Auszubildenden kann nur über ergänzende Projekte wie VerA gelingen“,  sagt IHK-Ausbildungsberater Maik Scholz-Gutknecht. Er weist darauf hin, dass die Doppelfunktion der neutralen Beratung von Betrieben und deren Auszubildenden viel Fingerspitzengefühl der IHK-Ausbildungsberater erfordert und in manchen Fällen auch an Grenzen stößt.

Seit Beginn der Zusammenarbeit seien für die IHK Ostwestfalen insgesamt 92 Begleitungen von den Senior-Experten übernommen worden. Auch wenn diese Zahl auf den ersten Blick nicht sehr hoch erscheint, stellen die Ausbildungsberater den Nutzen des VerA-Projektes nicht infrage. „Jeder einzelne Auszubildende, der über die Vera-Begleitung eine positive berufliche Entwicklung erfährt, ist ein wertvoller Erfolg“, betont Scholz-Gutknecht.

Auch Helmut Flöttmann, ehrenamtlicher Regionalkoordinator für die IHK, zeigt sich überzeugt, dass keine einzige Ausbildung eines jungen Menschen mit einem tragischen Abbruch enden muss.Auszubildende, Firmen oder Berufsschullehrer sowie Beteiligte aus dem Umfeld wenden sich an die Kontaktstellen. Für Ostwestfalen schaltet diese Stelle den Regionalkoordinator Flöttmann ein. Er sucht daraufhin den geeigneten Senior-Experten aus. Rund 30 sind es derzeit. Es handelt sich um ehemalige Führungskräfte, Berufsschulleiter, Betriebsleiter, Ausbilder etc. Sie alle eint laut Flöttmann ein hohes Maß an Fachwissen und Menschenkenntnis.

Doch VerA sei noch nicht bekannt genug: „Wenn es gelingt, mehr jungen Menschen die Möglichkeit dieses Programms näherzubringen und auch mehr Firmen davon wissen, wäre vielen geholfen.“ Peter Teschner, Senior Experte der ersten Stunde, ist sich ebenfalls sicher, dass mit der Begleitung so manche Ausbildung zu einem guten Ende gekommen ist. „Eine erfolgreiche Ausbildungsbegleitung kann nur gelingen, wenn beide Partner ohne Vorbehalte offen und ehrlich im Gespräch zu einander sind“, betont Teschner. „Nicht immer ist das vordergründig dargestellte auch das ,wahre‘ Problem.

Die Ursachen zu finden und daraus dann Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten ist elementar. Freiwilligkeit und Respekt sind die Erfolgsfaktoren.“ Eugen Rau, der als ehemaliger „Schützling“ von Teschner begleitet wurde, unterstützt diese Aussage. „Es ist eine recht herzliche Hilfestellung und man wird wirklich professionell beraten und unterstützt.“ Er sei sich sicher, dass für jeden Problemfall eine passende Lösung gefunden werden könne, sagt Rau, der seine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel in diesem Sommer erfolgreich abschließen konnte.  „Auf jede Frage gibt es nicht nur eine, sondern gleich mehrere Lösungsvorschläge und Schritte.“

Foto: (v.l.) Swen Binner, Helmut Flöttmann, Eugen Rau, Peter Teschner und Maik Scholz-Gutknecht informieren über VerA; ©Marleen Damberg