Versteckspiel: Musik​, Mode und Marken de​r rechten Szene

Will aufklären und gegensteuern: Carlos Tomé vom Paderborner Kreisjugendamt informiert über die rechte Szene. Foto: Kreis Paderborn

Kreis Paderborn (krpb). Springerstiefel, Glatze und Bomberjacke, und fertig ist der Neonazi? Mitnichten. „Die rechte Szene rückt immer mehr von diesem brachialen Erscheinungsbild ab. Der Neonazi dieser Tage passt sich dem Mainstream, dem modisch-athletischen Erscheinungsbild an“, sagt Carlos Tomé vom Paderborner Kreisjugendamt. Die rechte Szene nutze  ganz bewusst die Musik und Marken der Jugendlichen, um sie zu erreichen. „Selbst für Experten wird es immer schwerer, allein aufgrund der Kleidung rechtsextreme Gruppen zu identifizieren“, sagt Tomé. Woran erkennt man sie dann? Was macht den Reiz der rechten Szene für junge Menschen aus? Und was kann/muss man als Eltern tun, wenn das eigene Kind sich plötzlich für rechtsextremistisches Gedankengut erwärmt? Das Mauritius-Gymnasium in Büren hatte zu einem Elternabend eingeladen, um  diese Fragen zu beantworten. Carlos Tomé, Mitarbeiter des Paderborner Kreisjugendamtes, beschäftigte sich in den vergangenen Monaten intensiv mit „Musik, Mode, Markenzeichen – Lifestyle und Symbole von neonazistischen und rechten Gruppen“, so auch der Titel seines Vortrags. Er lieferte überraschende und erschreckende Ansichten einer Szene, die mit offenen und verdeckten Botschaften massiv versucht, vor allem Jungen und Männer in ihren Bann zu ziehen.

„Es geht um Mut und Männlichkeit“, sagt Tomé. Jungen erfahren Wertschätzung, bekommen in der Gruppe das Gefühl vermittelt, ein Held zu sein. Das „Wir-Gefühl“ werde gefördert. Mit Konzerten, Partys, Aufmärschen und  Protestdemos versuchten rechtsextreme Gruppen und Organisationen,  junge Menschen emotional an sich zu binden. „Sie gewinnen dadurch vermeintliche Sicherheit und Stärke, sind plötzlich wer“ erläutert Tomé. Zwar werde die Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen und das Skandieren von Parolen aus der NS-Zeit strafrechtlich geahndet. Gleichwohl habe die Szene Schlupflöcher ausgemacht. „CONSDAPLE“ sei beispielsweise ein beliebter Aufdruck auf T-Shirts und Pullovern, der von dem Schriftzug einer englischen Sportfirma abgeleitet sei. Bei halb geschlossener Jacke liest man dann die Buchstaben NSDAP. Auch die Musik werde offensiv genutzt, um Jugendlich zu werben. Ob Rock, Pop, Techno, Dark Wave, Metal, Hip Hop oder Schlager, alle Richtungen sind vertreten. Wenn Textzeilen oder Refrains dann rechtsextremistische Parolen enthalten und damit verboten seien, würde das Publikum animiert, diese zu singen. So mache sich die Musikgruppe nicht strafbar.

„Rechtsextreme versuchen heute weniger demonstrativ und eher unauffällig in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dazu benutzen sie Codes“, erläuterte Tomé. So stehe die Zahl 88 beispielsweise für zweimal den 8. Buchstaben im  Alphabet und bedeute „Heil Hitler“. „18“ sei der Code für Adolf Hitler. Als „schlimm“ bezeichnete Tomé  den Code „168:1“. Die Zahlenkombination versteht sich als Kennung  für den Sprengstoffanschlag 1995 in Iklahoma/USA, bei dem 168 Menschen ums Leben kamen. Der rechtsextreme Attentäter Timothy McVeigh wurde zum Tode verurteilt und 2001 hingerichtet. „In makabrer Verherrlichung dieses insbesondere antisemitisch motivierten Terroranschlags  gebe der Code das „Ergebnis“ wieder.

Und wenn das eigene Kind plötzlich mit der „88“ oder „Consdaple“ auf dem T-Shirt aus der Schule kommt? „Bloß keine Panik“, rät Tomé. Auch keine Schuldzuweisungen. „Sprechen Sie mit ihrem Kind. Setzen Sie Grenzen. Vertreten Sie einen klaren Standpunkt gegen rechtsextremistische Parolen“ sagt Tomé. Wichtig sei es, in solchen Situationen am Ball zu bleiben, sich Mediekompetenz anzueignen. „Viele Anwerbeversuche laufen über das Internet“ informiert Tomé. Eltern sollten sich zudem nicht scheuen, Hilfe zu suchen. Das könne das Jugendamt, der Lehrer oder eine Person sein, zu der der Jugendliche eine gute Beziehung habe. Wenn Jugendliche erst einmal drin seien, könne es Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis sie in die Gesellschaft zurück fänden.

Carlos Tomé kommt auf Wunsch in Schulen und andere Einrichtungen, um über die rechte Szene aufzuklären. „Unser Ziel ist es, aufzuklären, zu sensibilisieren für eine Szene, die versucht, ihre Ideologie mit Gewalt durchzusetzen“, sagt er. Mit im Gepäck hat der Mitarbeiter des Paderborner Kreisjugendamtes auch immer jede Menge Informationsmaterial, mit dem das Thema, z.B. in Form eines Comics und damit jugendgerecht, aufgegriffen wird. Telefonische Informationen und Buchungen (der Vortrag ist kostenlos) sind möglich unter Tel.: 05251 / 308-613 (Paderborner Kreisjugendamt, Carlos Tomé).

Foto: Kreis Paderborn