10.000 Schüler aus NRW auf niedrigere Schulform herabgestuft

Gütersloh. Knapp 18.500 Schüler haben in Nordrhein-Westfalen im Schuljahr 2010/11 zwischen Klasse fünf und zehn die Schulform gewechselt. Das sind 1,8 Prozent aller Schüler in der Sekundarstufe I und damit anteilig weniger als im Bundesdurchschnitt (2,2 Prozent). Für die meisten dieser Schulformwechsler ging der Fahrstuhl nach unten. Auf einen Aufsteiger kamen rechnerisch 5,6 Absteiger. Ein ungünstigeres Verhältnis zwischen Auf- und Abstiegen verzeichnen nur drei andere Bundesländer. Dies geht aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zur Durchlässigkeit der Schulsysteme hervor.

Auf eine niedrigere Schulform herabgestuft wurden in Nordrhein-Westfalen 10.411 Schüler. Die größte Zahl von ihnen (5.398) verließ die Realschule in Richtung Hauptschule. Vom Gymnasium auf die Realschule wechselten 4.835 Schüler. 178 Schüler nahmen den direkten Weg vom Gymnasium auf eine Hauptschule. Durchschnittlich wurde somit aus nahezu jeder zweiten Realschul- und Gymnasialklasse ein Schüler abgeschult.

Ein Aufstieg hingegen gelang lediglich 1.873 Schülern. 1.181 von ihnen schafften den Sprung von der Haupt- auf die Realschule, 645 von der Realschule aufs Gymnasium. „Ein Schulsystem darf nicht nur nach unten durchlässig sein. Abschulungen sind häufig noch pädagogische Praxis, viel zu selten wird hingegen geprüft, ob ein Schüler einen Aufstieg schaffen kann“, sagte Jörg Dräger, Bildungsexperte und Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Obwohl nach der Grundschule in Nordrhein-Westfalen vergleichsweise wenige Kinder auf ein Gymnasium gehen (37 Prozent) und bis zur zehnten Klasse wesentlich mehr Schüler das Gymnasium verlassen als aus anderen Schulformen hinzukommen, bietet das nordrhein-westfälische Schulsystem gute Chancen auf das Abitur. Mit 56,6 Prozent Studienberechtigten liegt Nordrhein-Westfalen bundesweit auf Platz eins.

Ungünstige Verhältnisse zwischen Auf- und Abstiegen innerhalb der Sekundarstufe I sind laut der Studie typisch für diejenigen mehrgliedrigen Schulsysteme, in denen nur noch rund jedes zehnte Kind nach der Grundschule die Hauptschule besucht. Unter den drei Ländern, die ein noch ungünstigeres Verhältnis zwischen Auf- und Abstiegen haben als Nordrhein-Westfalen, befinden sich mit Niedersachsen (1 zu 10,3) und Hessen (1 zu 8,7) beide Bundesländer, in denen die Hauptschule inzwischen ebenfalls als „Restschule“ gilt.

Nordrhein-Westfalen steht mit einem Verhältnis von 1 zu 5,6 im Vergleich zu diesen beiden Ländern besser da. Das könne in der seit 2006 im Schulgesetz verankerten Verpflichtung für Schulen begründet sein, Aufstiegsmöglichkeiten für jeden einzelnen Schüler zu prüfen, so die Autorin der Studie, Professorin Gabriele Bellenberg, Bildungsforscherin an der Ruhr-Universität Bochum. Diese Verpflichtung gibt es in keinem anderen Bundesland. Trotzdem überwiegen die Abstiege bei weitem die Aufstiege, insbesondere in Richtung Hauptschule. Fast jeder vierte Hauptschüler kommt erst im Laufe der Sekundarstufe I aus Realschule oder Gymnasium hinzu. Allein in Klasse sieben wächst die Schülerschaft der NRW-Hauptschulen um zehn Prozent.

Eine wichtige Ableitung aus den Ergebnissen der Studie ist für Jörg Dräger, Bildungsexperte und Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, dass die Schulstruktur nicht der entscheidende Faktor für mehr Chancengerechtigkeit ist. Die Struktur der Schulsysteme beeinflusst zwar deren Durchlässigkeit, so die Studie, der Typus zweigliedrig oder mehrgliedrig allein ist jedoch nicht entscheidend für die Aufstiegschancen der Schüler. Umso wichtiger sei es, dass sich Unterricht am pädagogischen Prinzip der individuellen Förderung ausrichtet und Lehrer in Aus- und Fortbildung die Kompetenz dafür erwerben. „Auf Abschulungen und Klassenwiederholungen kann man dann weitgehend verzichten“, sagte Dräger.

Bundesweit befindet sich die Schullandschaft derzeit in einer Umbauphase. Die Studie, die alle 16 deutschen Schulsysteme analysiert und vergleicht, belegt einen klaren Trend zur Zweigliedrigkeit. Neben den fünf ostdeutschen Flächenländern haben sechs weitere Länder einen einschneidenden Wandel ihrer Schulstruktur hin zu einem zweigliedrigen Schulsystem eingeleitet. Auch die fünf Bundesländer mit mehrgliedrigen Schulsystemen (Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und NRW), haben teilweise mit strukturellen Veränderungen begonnen. Diese Reformen führen allerdings bundesweit nicht zu mehr Übersichtlichkeit: Die Studie zählt allein für die Sekundarstufe I mittlerweile 22 verschiedene Schulformen – mit dem Gymnasium als einziger Schulform, die sich in jedem Bundesland findet.